| Umberto Eco: "Baudolino" |
| Ein Schelmenroman über Geschichtsfälschungen | |
Der italienische Autor Umberto Eco hat sich in den letzten Jahrzehnten intensiv mit verschiedenen geschichtlichen Epochen beschäftigt und sie publi- kumsgerecht in spannende Romane umgesetzt. Nach der klerikalen Mittelalter in "Der Name der Rose" und den Geheimbünden des 19. Jahrhun- derts in "Das Foucaultsche Pendel" hat er jetzt die Zeit der Kreuzzüge unter die Lupe genommen. Und wieder steht ein Motto hinter den geschichtlichen Ereignissen. War es in "Der Name der Rose" das Lachen, das die Kirche als subversiv verboten hatte, so ist es jetzt die Fälschung, die bekanntlich im Mittelalter beliebtes Mittel zum Zweck für Politiker aller Couleur war.
Der junge oberitalienische Bauernsohn Baudolino hilft eines Tages einem verirrten einzelnen Ritter, seine Truppe wiederzufinden, und muss feststellen, dass er ausgerechnet Kaiser Friedrich II. gerettet hat. Dieser hat die Intelligenz des Jungen schnell erkannt, nimmt ihn aus Dankbarkeit an Sohnes statt an und lässt ihn von den besten Lehrern aus- bilden. Anschließend begleitet Baudolino seinen Ziehvater bei seinen Reisen und Abenteuern.
Baudolino, der auch in Paris studiert und dort einige exzentrische Studenten kennengelernt hat, merkt schnell, was man in diesen Zeiten mit der Kunst des Lesens und Schreibens alles anfangen kann. Da Wenige sich darauf verstehen, verfügt der Schriftkundige über weit höhere Macht als heutzu- tage. Kurz: Wissen ist Macht. Nach anfänglichen einfachen Reliqienschwindeln - es gab schon immer meherer Schweißtücher Jesu´ und abgeschlagene Häupter Johannes des Täufers - kommt er auf die Idee, den Brief eines christlichen Herrschers aus dem fernen Osten, jenseits von Indien, zu lancieren, der den Wunsch nach einer Vereinigung mit den Christen des Westens ausdrückt.
Natürlich fällt in diesen Zeiten jeder auf diese Schrift herein, und Friedrich - Barbarossa - macht sich mit einem Kreuzzugsheer nach Jerusalem auf, um nach der Befreiung der heiligen Stätten den Weg nach Osten anzutreten. Baudolino und seine Freunde sollen ihn dorthin begleiten. Doch mitten in den Gebirgen der heutigen Türkei findet Barbarossa den Tod, aber nicht beim Schwimmen in einem reißen- den Fluss, wie es die Geschichtsschreibung weiß, sondern auf der Burg eines lokalen Gastgebers auf unerklärliche Weise. Da die jungen Freunde mit seinem Schutz betraut waren, sehen sie schwere Vorwürfe auf sich zukommen bis hin zu Gefahr für Leib und Leben. Sie täuschen also einen Ertrin- kungstod vor und machen sich bei der ersten gelegenheit auf nach Osten, um die eigentliche Mission durchzuführen. Während einer jahrelangen Wanderung erreichen sie zwar nie das sagenhafte Christenland, lernen aber unterschiedlichste Völker kennen, verlieren einige Weggenossen durch frühen Tod und verdächtigen sich gegenseitig des Mordes an dem Kaiser. Am Ende löst sich schließlich das Rätsel um den Tod des Kaisers und Baudolino entlarvt den Schuldigen.
Der Roman ist in eine Rückblende eingebaut, in der Baudolino selbst als nun Sechzigjähri- ger einem Schreiber seine Lebensgeschichte erzählt. Diese Rahmenhandlung spielt sich im brennenden Konstantinopel ab, das von den einfallenden Kriegshorden aus dem Norden verwüstet wird.
Geschichtlich vermittelt dieser Roman um- fangreiche Hintergrundkenntnisse, nur leider ist die Hörfassung nicht unbedingt gelungen. Das fängt schon damit an, dass Baudolino sowohl in der Rahmenhandlung als auch in den Szenen seines Lebens von einem jugend- lichen Sprecher dargestellt wird, der gerade einmal den Stimmbruch hinter sich hat. Er wird also anscheinend nicht älter. Auch wenn dahinter eine Absicht stecken sollte - der "ewige Schelm" - wirkt es doch befremdlich, wenn ein Sechzigjähriger wie ein Sechzehn- jähriger spricht. Darüber hinaus sind die meis- ten Dialoge hölzern und direkt aus dem Roman umgesetzt. Es wirkt einfach lächerlich und unrealistisch, wenn junge Leute in gefähr- lichen Situationen diese in gedrechseltem Hochdeutsch beschreiben. Da wären ein neu- traler Erzähler, der die eigentliche Handlung vorträgt, und eingestreute realistische Hand- lungsszenen besser gewesen. Über die gesamte Strecke des Hörbuches drängt sich der Eindruck eines Hörspiels für den Schul- funk auf, das auf der Seite der Zuhörer keine große Hörerfahrung voraussetzt. Dafür mag das Hörbuch dann auch durchaus geeignet sein.
Das Hörbuch umfasst 5 CDs mit einer Laufzeit von ca. 369 Minuten und ist im HÖR-Verlag unter der ISBN 3-89584-972-3 erschienen.
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