| John Galsworthy: "Forsyte Saga" |
| Familiendrama mit Liebe, Hass, Ehrgeiz und viel Geld... | |
Anfang des letzten Jahrhunderts, als es noch kein Fernsehen gab, waren Romane über große Fami- liendynastien Mode. Heute wird dieses Bedürfnis durch Fernsehserien wie "Dallas" oder "Denver" abgedeckt. Damals jedoch musste (konnte?) man dicke Wälzer lesen, um die spannenden Geschich- ten um Leidenschaft, Eifersucht, Hass, Geldgier und ähnliche menschliche Eigenschaften zu genießen. Eine von diesen Geschichten ist die "Forsyste Saga", die das Leben dreier Generatio- nen einer begüterten englischen Familie vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit nach dem ersten Weltkrieg beschreibt.
Der Kern der Geschichte handelt von Soames Forsyste, der mit Irene verheiratet war, sie aber wegen seines unberechenbaren Charakters und schwerwiegender Vorfälle an einen Rivalen verloren hat. Von seiner zweiten Frau hat Soames eine Tochter, Fleur, die er vergöttert und dereinst gut verheiraten will, während Irene hat einen Sohn, Jon, hat. Wie das Schicksal bzw. diese Art von Roma- nen es will, treffen sich die beiden Kinder, und es beginnt eine Geschichte á la Romeo und Julia. Doch Galsworthy geht es nicht um die Geschichte dieser beiden Leute, sondern um die Familien- strukturen dahinter. Jons Eltern reden ihm Fleur wegen der alten Geschichten aus, Fleur heiratet enttäuscht einen anderen Mann, ohne Jon zu vergessen. Der schwierige Soames führt auch mit seiner zweiten Frau keine glückliche Ehe und muss darüber hinaus noch mit massiven Problemen in seiner Firma kämpfen. Daneben hat er alle Hände mit unstandesgemäßen Freiern für seine Tochter zu kämpfen, wobei die mangelnde Akzeptanz allein auf fehlende Geld zurückzuführen ist. Geld und Besitz bilden überhaupt den Schwerpunkt von Denken und Handeln der älteren Forsyte-Generation, die immer wieder versucht, den bereits ansehnlichen Besitz durch pragmatische Heiraten zu vermehren.
Wie zufällig - der "deus ex machina" des Zufalls muss in diesen Romanen oft den Handlungsfaden vor dem Abreißen bewahren - begegnen sich Jon und Fleur mit und ohne ihre jeweiligen Ehepartner nach Jahren wieder, die alte Liebe bricht wieder auf, versiegt wieder, schafft Unruhe, Intrigen und Ver- zweiflung, bis am Schluss der alte Soames bei einem Brand in seinem eigenen Haus stirbt, nach- dem er seiner Tochter Fleur das Leben gerettet hat.
Galsworthy wollte mit diesem Roman das Leben der gehobenen englischen Mittelklasse portraitieren, den Ehrgeiz, den Dünkel, die Geldgier und die Familien-Intrigen dieser Schicht entlarven. Mittlerweile hat jedoch diese Art von Literatur etwas Patina ange- setzt, und die etwas naive und konstruierte Abfolge von Tragikomödien erinnert doch eher an große Trivialromane denn an große Literatur. Mit Romanen der Zeitgenossen Thomas Mann oder James Joyce ist dieser Roman mit einer immer auf das Spannungs- moment und auf Identifikationsfiguren zielen- den Küchenpsychologie nicht zu vergleichen.
Regisseur Leonhard Koppelmann hat sich mit der Hörspielfassung viel Mühe gegeben und eine Reihe renommierte Sprecher gewonnen, die der Handlung noch eine gewisse Reali- tätsnähe einhauchen können. Das garantiert einen gewissen Unterhaltungswert, da sich immer irgendeine Tragödie oder eine Intrige anbahnt. Dennoch können sich die Handlung und - zwangsläufig - die Dialoge nie aus dem psychologischen Klischée lösen, wie man es von Dutzenden (oder Hunderten?) dieser Familienromane kennt. Wer diese Art Unter- haltung mag, und das muss keine intellektu- elle Schande sein, wird der prallen Geschichte bestimmt Einiges abgewinnen können. Aller- dings sollte er nicht zuviel an charakterlicher Feinkonturierung oder psychologischer Tiefenforschung erwarten.
Das Hörbuch umfasst 6 CDs mit einer Laufzeit von ca. 445 Minuten und ist im HÖR-Verlag unter der ISBN 3-89940-100-X erschienen.
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