| Emile Zola: "Nana" |
| Roman über eine verzeifelte weibliche Rache an der Männerwelt | |
Fast nahtlos schließt sich Emile Zola (1840-1902) als großer Vertreter der französischen Romanciers an Honoré de Balzac an, und der Vergleich zweier wichtiger Werke dieser beiden Protagonisten der gallischen Literatur gestaltet sich durchaus reizvoll. Verbleiben die "Verlorenen Illusionen" noch im Stil und im Ambiente des Bürgertums und beschränken sich auf die Beschreibung der Intrigen innerhalb dieser Schicht, so lässt Zola die unterste Schicht mit dem Bürgertum zusammenprallen und schafft dadurch elementare statt "nur" gesellschaftlicher Spannungen.
Die schöne Nana verdient ihr Geld als Prostituierte in Paris. Sie kann weder singen noch schauspie- lern, aber dennoch sind ihre Vorstellungen in einem dubiosen kleinen Theater jeden Abend ausverkauft. Ihre einmalige Sinnlichkeit lockt Männer aller Schichten an, und Nana lernt schnell, diese Macht zu nutzen. Obwohl es ihr mit keinem Manne Spaß macht, schläft sie sich schnell die gesellschaftliche Leiter hoch, bis der bigott-prüde und unglücklich verheiratete Graf Muffat ihr verfällt. Nana erkennt blitzartig, dass Muffat sich wesentlich leichter manipulieren lässt als ihr gegenwärtiger Liebhaber Steiner, der zwar reich ist, sich die schöne Mätresse aber weniger aus abgrundtiefer Leiden- schaft als aus Eitelkeit hält. So einen kann man nur begrenzt ausnehmen. Nana hasst die Ober- schicht und möchte doch dorthin, aber nur, um sich für das jahrelange Leben im verhassten "Milieu" zu rächen. Dies tut sie weniger geplant und rational als intuitiv. Gnadenlos lässt sie den willenlosen Muffat bluten, trennt sich von alten Freundinnen, die ihr jetzt nur noch im Wege sind, und genießt ihre Macht und die damit verbundene faktische gesell- schaftliche Stellung, obwohl sie natürlich in dieser Schicht von niemandem akzeptiert wird.
Doch das Geld kann vieles ausgleichen, und so presst sie Muffat ohne viel Schmeicheleien aus, als sie einmal erkannt hat, dass er sich ihr gegenüber zu keinem Widerstand mehr aufraffen kann. Als sie ihn ruiniert hat, verkauft sie folgerichtig alle seine Geschenke einschließlich einer herrschaftlichen Wohnung und verschwindet mit dem Geld nach Russland.
Als sie nach zwei Jahren nach Paris zurück kehrt, ist ihr Besitz zwar noch weiter um wertvolle Gegenstände gewachsen, sie selbst aber von den Blattern gezeichnet und dem Tode geweiht. Einsam stirbt sie im ersten Hotel der Stadt, und ihre ehemaligen "Kolleginnen" halten die Totenwache.
Zola erzählt diese so geradlinige wie brutale Geschichte mit naturalistischer Pose. Da wird kein Blatt vor den Mund genommen, und die Sprache der Gosse kommt voll zur Geltung. Die sexuellen Aspekte mit Ausbeutung und Rache werden ebenfalls - für die damalige Zeit - schonungslos dargestellt, und von der ver- meintlichen Ehrbarkeit des Bürgertums bleibt nicht viel übrig. Und wenn am Ende Nana vereinsamt stirbt, gönnt der Autor ihr nicht einmal ein rührendes Mitleid. "C´est la vie", scheint er zu sagen.
Unter der Regie von Peter Rothin sprechen u.a. Nicolette Krebitz (Nana), Sylvester Groth (Fauchery), Bernt Hahn (Muffat) und Matthias Hase (George). Die Personen gewinnen in der Interpretation der Sprecher(innen) Leben und unverwechselbare Konturen, so dass sich das Ambiente des späten 19. Jahrhunderts in Paris glaubwürdig entfalten kann. Störend wirken oft nur die Hintergrundgeräusche, die zwar Lokalkolorit und Dichte erzeugen sollen, bisweilen jedoch die Verständlichkeit deutlich mindern.
Das Hörbuch umfasst 2 CDs mit einer Laufzeit von ca. 125 Minuten und ist im Audio-Verlag unter der ISBN 3-89813-202-1 erschienen.
|