| Christoph Dieckmann:"Das wahre Leben im Falschen" |
| Geschichten von ostdeutscher Identität | |
Die Wiedervereinigung ist mittlerweile bereits dreizehn Jahre alt, aber immer noch lässt sich die unsichtbare Grenze zwischen den beiden
deutschen Gebieten nicht leugnen. Vierzig Jahre Sozialisation in der jeweiligen Gesellschaft haben ihre Spuren hinterlassen, und es wird wohl eine Generation erfordern, bis beide Teile zu einer wirklichen Einheit zusammengewachsen sein. Dabei stehen vor allem die Bewohner der
ehemaligen DDR vor einem Identitätsverlust, während die Westdeutschen als "Sieger" des Kalten Kriegers keinen Anlass sehen, an Ihrer Identität zu
zweifeln. Frei nach dem Motto: "Der Sieger hat immer Recht".
Die Ostdeutschen jedoch haben nicht nur eine ungeliebte Regierung, ihr wertloses Geld und ihre Trabis verloren. Sie haben vielmehr ihre ganz persönliche Lebensgeschichte weit gehend "abschreiben" müssen. Werte, die über Jahrzehnte ihr Leben bestimmten, galten auf einmal nichts mehr, und sie selber mussten sich vorkommen wie jemand, der ewig einem falschen Propheten hintergelaufen ist. Dieses "Streichen" der eigenen Geschichte jedoch zehrt am Selbstbewusstsein und am Selbstverständnis. Christoph Dieckmann spürt dieser Identitätskrise in vier Geschichten nach, die er selbst liest.
Die erste Geschichte führt in die noch existierende DDR und zeigt uns einen jugendlichen Fußballfan, der vor allem bestimmte westliche Mannschaften verehrt, bei seinen versuchen, diesen bei
Auswärtsspielen in der DDR nahe zu kommen, mit den DDR-Verhältnissen kollidiert. Das naive
Unverständnis eines Kindes gegenüber weltpolitischen Gegebenheiten entlarvt diese und das eigene Gesellschaftssystem. Dieckmann verzichtet dabei jedoch auf jegliche vordergründige Polemik und lässt die Sicht des Jungen für sich sprechen. In einer anderen Geschichte muss sich ein Dorf mit der Frage auseinandersetzen, ob man den als langjährigen Stasi-Spitzel entlarvten Bürgermeister davonjagen soll. Da er seine Arbeit gut gemacht hat und ansonsten
durchaus nicht unbeliebt ist, bewältigt man die Vergangenheit auf eine eigene, eher
pragmatische Art. Auch die Rolle des Sportidols kommt mit Jens Weißpflog zur Sprache. Wie haben die DDRler solche Spitzensportler gesehen, wie standen sie zu deren Privilegien und - vor allem -
inwieweit hat sich deren Rolle nach der Wende geändert? Dieckmann lässt hier wieder das "Volk" sprechen, verzichtet auf jegliche eigene Wertung, und lässt gerade durch diese Zurückhaltung die fragile psychologische und gesellschaftliche Struktur der ehemaligen "Arbeiter und Bauern" in den Vordergrund treten.
Das Hörbuch umfasst 1 CD mit einer Laufzeit von 72 Minuten und ist im Audio-Verlag unter der ISBN 3-89813-185-8 erschienen.
|