Wolfsgeschichte in Lammgestalt

Voltaire: "Candide"
   

Voltaires Roman "Candide" - der "Weiße, d.h. Unschuldige - könnte man eine Neuauflage von Grimmelshausens "Simplicissimus" nennen, nur, dass Voltaire mit seinem naiven Helden einen Streifzug durch die Welt des 18. Jahrhunderts unternimmt, während Simplicissimus im Deutschland des Dreißigjährigen Krieges verharrt. Außerdem fügt Voltaire seiner Geschichte eine hintersinnige, bitterböse satirische Note hinzu, die Grimmelshausens fassungslose Ironie noch übersteigt. In "Candide" stellt Voltaire einen jungen Mann dar, auf einem adligen Landsitz großgeworden. nach einem unschuldigen Techtelmechtel mit der Tochter des Hauses hinausgeworfen und der Unbill des realen Lebens ausgeliefert wird. Sein philosophischer Hauslehrer hatte ihm beigebracht, dass diese Welt die "beste aller Welten" sei und dass alles so sein müsse, wie es ist, und gut so sei. Diese Weisheit, im stabilen feudalen Haushalt noch einigermaßen nachvollziehbar, wendet Candide jetzt auf Hunger, Elend, Folter, Vergewaltigung, Totschlag und Mord an. Wie durch ein Wunder - das des "deus ex machina" Voltaire - entkommt er dem Tod immer im letzten Moment, nachdem er schon unter Galgen steht oder halb tot geschlagen worden ist, jeweils natürlich ohne jeglichen realen Grund. Der ist in dieser Welt auch nicht nötig, wo man nach belieben raubt, mordet und schändet. Candide sieht jedoch sowohl die Todesgefahr wie auch seine Rettung als "notwendig und gut" an, so wie es ihm sein Lehrer beigebracht hat. Und so zieht er mit wechselnden und nacheinander elendiglich umkommenden Gefährten durch die Welt, gelangt von Westfalen nach Spanien und schließlich nach Argentinien, trifft Totgeglaubte wieder, verliert mehrmals seine Geliebte und erringt sie wieder und geht naiv die groteskesten Koalitionen ein.

Dieser Naivling ist natürlich nur Voltaires Vehikel, um die Botschaft des Elends dieser Welt in verfremdeter Form unter das Volk zu bringen. Schließlich musste auch er die Zensur fürchten und konnte die herrschende Klasse nicht direkt angreifen. Heute wirkt die Satire im Mantel der unschuldigen Abenteuergeschichte natürlich doppelt satirisch zugeschärft.

Wiglaf Droste zeigt als Sprecher dieses Hörbuchs die hohe Kunst der doppelbödigen Satire, die umso schärfer daherkommt, je unschuldiger und naiver sie präsentiert wird. Ironie wird hier nicht mit dem Holzhammer sondern mit dem Florett serviert, und bisweilen muss man zwei Mal hinhören, um die bitterböse Ironie hinter den vordergründigen Worten zu verstehen. Ein bitteres Hörvergnügen für Freunde des intellektuellen Hörspiels und der Satire.


Das Hörbuch umfasst 2

CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 220 Minuten und ist im Verlag Antje Kunstmann unter der ISBN 3-88897-304-X erschienen.