Wie Frauen sich durchs Leben schlagen

Elke Heidenreich: "Erzählbox"
   

Elke Heidenreich hat uns bereits in den achtziger Jahren im Radio als Else Stratmann begeistert, wenn sie im echten Kohlenpott-Tonfall und einer beherzten Schnauze über die kleinen Katastrophen des Alltags berichtete, sozusagen das weibliche Pendant zu Tegtmeier alias Jürgen von Manger. In den letzten Jahren hat sie sich darüber hinaus auch noch als Schriftstellerin profiliert, wobei sie sich um eine volksnahe Sicht des Lebens bemüht. Das vorliegende Hörbuch enthält Texte aus ihren Büchern "Der Welt den Rücken" und "Kolonien der Liebe", gelesen von der Autorin persönlich.

In "Die Liebe" beschreibt Elke Heidenreich die ersten Erfahrungen einer 14-Jahrigen mit der Liebe und ihren pickligen Altersgenossen und deren linkischer Erotik. "Das Dööfchen" beschreibt den Mikrokosmos einer Straße mit den immer gleichen Ritualen ihrer Bewohner: die hochgestochene Anwaltsgattin und ihre hasserfüllte Schwiegermutter, den Mann, der alltäglich die Mülleimer durchwühlt, die diversen Verhältnisse zwischen den Geschlechtern und schließlich das "Dööfchen", ein behindertes Kind und fester Bestandteil der Straße, das eines Tages fehlt. Nichts Spektakuläres, Dramatisches, sondern das stinknormale Leben mit all seinen Skurrilitäten. "Der Hund wird erschossen" ist Titel einer anderen Geschichte und gleichzeitig die Drohung des Vaters dreier Töchter, als eines Tages die Mutter die Familie verlässt und niemand mehr sich um den Hund kümmern kann. Die drei Töchter führen nicht nur einen Dauerkrieg gegeneinander sondern auch gegen die Mutter und erleben die Ehekrisen ihrer Eltern hautnah mit.  Die Studentin Franziska geht in "Der Welt den Rücken" ihre eigene Entjungferung generalstabsmäßig und erfolgreich an und trifft ein Vierteljahrhundert später ihren ersten richtigen Liebhaber wieder. Pralle Erotik und leise Wehmut prägen diese Geschichte. In "Der Tag, als Boris Becker ging" verbringen einige übrig gebliebene Alt-68er ihre Tage in einer Eckkneipe, schwören auf Kuba und die immer noch ausstehende Weltrevolution und bemitleiden sich selbst, dass ihre hochfliegenden Ideale nicht Realität geworden sind. Dabei verlieren sie selbst zusehends jeden Realitätsbezug und feiern jede kleine Auseinandersetzung mit der Verkehrspolizei wie eine gewaltsame Demo Ende der 60er Jahre......

Elke Heidenreich lässt in diesen Geschichten noch einmal die 50er und 60er Jahre auferstehen, deren Spießigkeit und Verklemmtheit, die Angst vor und den Hunger nach dem Sex, die Enge der Verhältnisse und die Mühe erwachsen zu werden. Dazwischen die aktuellen Einsprengsel, so eine Reise in das der Ich-Erzählerin verhasste Berlin oder die erwähnte 68er-Nostalgie. Ihre nüchterne und treffsichere Ironie und der leise Spott zwischen den Zeilen lassen den Zuhörer immer wieder schmunzeln und - so er denn in diesem Alter ist - bejahend mit dem Kopf nicken. Ihre trockene Stimme mit dem unverwechselbaren Ruhr-Akzent verleiht den Geschichten die nötige Frische und Heiterkeit.

Das Hörbuch umfasst 4 CDs und ist im Verlag Kein & Aber unter der ISBN 3-0369-6001-5 erschienen.