George Orwell: "1984"

Ein immer noch aktueller Klassiker mit Paradebesetzung
   

Zukunftsvisionen mit einer konkreten zeitlichen Einordnung sind immer mit dem Problem konfrontiert, dass irgendwann dieser Zeitpunkt eintritt und das Publikum automatisch die Realität mit der Vorhersage vergleicht. In vielen Fällen führt das dann zu einem Lächeln oder leichtem Spott, doch manchmal bleibt einem der Hochmut des Nachgeborenen auch im Halse stecken. So geht es dem Hörer mit George Orwells "1984", einem in den 30er Jahren geschriebenen Roman, der die totalitären Verhältnisse eines - damals - in weiter Ferne liegenden Jahres 1984 beschreibt. Als Vorbild dienten Orwell damals die bolschewistische Sowjetunion, in denen Stalin ein gnadenloses Terror-Regime errichtet hatte, und der aufkeimende Faschismus in Mitteleuropa, der vor allem in Deutschland Stalin nicht nur Konkurrenz machen sondern ihn sogar bald an Grausamkeit übertreffen würde. Aber das wusste Orwell damals noch nicht, und so entwarf er eine dreigeteilte Welt, in der ein totalitäres Europa im Dauerkrieg mit Eurasien oder Ostasien liegt und intern alle Bürger gleichgeschaltet hat.

Die Menschen werden auf Schritt und Tritt durch "Televisoren" - heute würde man sagen "Web Cameras" - überwacht und bei dem kleinsten Versuch eigenständigen, kritischen Denkens verhaftet, gefoltert und schließlich liquidiert. Orwell hat auch den Satz "Big Brother ist watching you" kreiert, wobei der "Big Brother" die allgegenwärtige Partei repräsentiert.  Der junge Winston Smith muss in der Zentralregistratur die Presseberichte nachträglich mit der sich ständig ändernden politischen Entwicklung "synchronisieren", will sagen die Geschichte fälschen. Sein erwachendes kritisches Denken findet Widerhall bei der jungen Julia, und das Liebespaar findet Unterschlupf bei einem alten Antiquar, der sich jedoch bald als Verräter entpuppt und die beiden an die Behörden ausliefert. Dort weiß Winstons Chef bereits bestens über ihn Bescheid, da er sich ihm gegenüber als geheimer Widerstandskämpfer ausgegeben und ihn so entlarvt hat. Winston wird so lange gefoltert, bis er am Ende seinen eigenen Willen aufgibt und zum folgsamen Anhänger des Systems mutiert. Denn nicht um Identifizierung und Eliminierung von Systemgegnern geht es den Herrschenden, sondern darum, ihren Geist und ihre Seele umzudrehen und vollständig auf das System umzupolen. In Orwells pessimistischen Roman gelingt dies, indem die Vertreter der Macht die innersten Ängste des Einzelnen nutzen, um ihn seelisch zu zerbrechen.

Das vorliegende Hörspiel ist bereits im Jahre 1977 entstanden und bietet eine illustre Sprecherschar mit Namen wie Dieter Borsche, Helmut Käutner, Erich Schellow, Ernst Jacobi und Angela Winkler auf.  Jüngeren Hörern werden diese Namen wenig sagen, die ältere Generation jedoch kennt und schätzt sie sehr wohl. Und aus dieser Besetzung folgt auch eine hohe Qualität der Interpretation. Das Hörspiel verzichtet auf publikumswirksame Effekte und lässt den Text wirken, der an sich schon ungeheuerlich ist. Der abgrundtiefe Zynismus von Winstons Chef und scheinbarem Gesinnungsgenossen, vorgetragen in fast freundschaftlichem Ton, lässt dem Hörer das Blut in den Adern erstarren, und der nüchterne Verrat des so sympathischen Antiquars hinterlässt eine Leere. 

Dieses Stück hat auch 15 Jahre nach dem Fall der Mauer und dem Ende des sowjetischen Imperiums nicht an Aktualität verloren. "Big Brother" ist heute im Westen zur Farce der Medienwelt verkommen, und die Menschen drängen sich förmlich zu dieser Art von Beobachtung. In anderen Ländern wie Nord-Korea jedoch feiern die orwellschen Visionen dagegen noch heute als Realität "fröhliche" Urständ. Dieser Umstand und die dichte Inszenierung machen das Hörspiel auch heute noch zu einem beeindruckenden Erlebnis.

Das Hörbuch umfasst 2 CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 106 Minuten und ist im Audio-Verlag unter der ISBN 3-89813-261-7 erschienen.