Barbara Vine: "Der schwarze Falter"

Roman um eine Identitätskrise
   

Gerald Candless, 71, hat sich als seriöser Schriftsteller einen Namen gemacht und erfreut sich mit großer Publikumsresonanz. Mit seiner Frau lebt er im englischen Devon an der Küste, und seine beiden erwachsenen Töchter beten ihn an. Als er plötzlich und unerwartet stirbt, bittet sein Verleger die Tochter Sarah, eine Biographie ihres Vaters zu verfassen. Auf der Suche nach den verwandten des angeblichen Einzelkindes stößt sie plötzlich auf die irritierende Tatsache, dass der einzige Träger dieses Namens bereits im Alter von sieben Jahren an einer plötzlichen Krankheit gestorben ist. Die Gleichaltrigkeit der Beiden lässt vermuten, dass ihr Vater aus irgend einem Grunde später die Identität des Jungen angenommen hat, den er offensichtlich gekannt haben muss. Langsam schält sich mit Hilfe eines jungen Mannes aus dem Umfeld der "richtigen" Candless-Familie deren Vergangenheit und Nachbarschaft heraus, und mit Hilfe einiger anderer Indizien - so auch die sehr konkreten und angeblich auf Tatsachen beruhenden Themen seiner Bücher - gelingt es Sarah schließlich, die wahre Identität ihres Vaters zu entschlüsseln. Damit hat sie jedoch noch nicht den Grund dieses seltsamen Identitätswechsels gefunden.

Parallel zu dieser Recherche schildert die Autorin das Leben von Ursula, der Ehefrau bzw. Witwe des Schriftstellers. Dabei stellt sich heraus, dass er sie während der gesamten Ehe mehr oder minder ignoriert hat und seine ganze Aufmerksamkeit und Liebe den Kindern gewidmet hat. Ursula lebte unglücklich neben ihm her. Jetzt jedoch, nach seinem Tode, lebt sie langsam auf und entdeckt, dass es auch für sie noch ein Leben nach ihrem Mann gibt.

Die Lösung des Rätsels liegt in der Homosexualität , die offensichtlich in der Familie des Schriftstellers lag und ihm schwer zu schaffen machte. Langsam kristallisiert sich ein Leben der Verstellung heraus, das sich nur in der Literatur artikulieren konnte, und auch hier nur verschlüsselt. Für Barbara Vine, Jahrgang 1930, ist dies offensichtlich immer noch ein so gewichtiges Thema, dass sie es noch 1998(!) zum Thema dieses Romans machen konnte. Mittlerweile, da sich landauf landab Homosexuelle lustvoll zu ihrer Neigung bekennen und die Heteros langsam zu einer aussterbenden Spezies zu mutieren scheinen - siehe Geburtenrate - hat dieses Thema die Brisanz verloren, die es in den sechziger und siebziger Jahren durchaus noch charakterisierte. Und so breitet sich leichte Enttäuschung aus, wenn die Lösung des Rätsels auf diese Variante zusteuert. Auch die schwere Schuld, die Gerald auf sich geladen zu haben glaubt, verliert bei ihrer späten Enthüllung angesichts der heutigen Verhältnisse an Glaubwürdigkeit. Die Schlüsselszene, die wir hier nicht verraten wollen, könnte heute fast als zentrale Pointe einer entsprechenden Schwulen-Komödie dienen.

Dennoch fehlt es dem Roman nicht an Spannung, da die Autorin die Handlung mit viel Sinn für die Charakterisierung der Personen und einem Gespür für das Geheimnisvolle entworfen hat. So folgt der Hörer der Geschichte mit hoher Aufmerksamkeit und  wartet gespannt auf die Auflösung. Dabei ergeben sich jedoch auch Nebenhandlungen, die nicht unbedingt Richtung weisend für die zentrale Handlung sind, so Sarahs aus dem Rahmen fallenden sexuellen Neigungen, die auch nicht mit dem Leben oder dem Einfluss des  Vaters in Verbindung gebracht werden sondern unerklärt für sich stehen bleiben. Hier hat die Autorin noch einen Gedanken eingeflochten, der ihr wichtig gewesen sein mochte, der jedoch dem Roman einigermaßen fremd bleibt. Sieht man einmal von dem historischen Bedeutungsverlust des Grundthemas ab, so bietet dieses Hörbuch gute und spannende Unterhaltung, die von der Sprecherin Doris Wolters mit viel Sinn für die jeweilige Situation und die Charaktere vorgetragen wird.

Das Hörbuch umfasst 3 CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 209 Minuten und ist im Verlag Audiobuch unter der ISBN 3-933199-64-6 erschienen.