Donna Leon: "Beweise, dass es böse ist"

                                                                    
Commissario Brunettis 13. Fall
 

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Commissario Brunetti ist mittlerweile jedem deutschen Krimi-Liebhaber ein Begriff, nicht zuletzt durch die sympathische Gestalt des entsprechenden Fernsehdarstellers. Seine unangestrengte Liebe für die angenehmen Seiten des Lebens sowie sein Gespür für die wahren Hintergründe eines scheinbar einfachen Falles lassen diese Figur zu einem Identifikationsobjekt für die meisten Leser und Hörer werden.

Auch in dem vorliegenden Roman geht es wieder um einen bei oberflächlicher Betrachtung einfachen Mordfall: eine alte, allein stehende Frau ist in ihrer Wohnung ermordet worden. Zu nahezu gleicher Stunde hat ihre Haushilfe, eine halb legale Rumänin, fluchtartig Venedig verlassen. Brunettis Urlaubsvertreter lässt sofort die Grenze überwachen, und tatsächlich wird die Rumänin auch im Zug mit über 100 Euro in der Geldbörse gestellt. Bei einem so unsinnigen wie panischen Fluchtversuch gerät sie unter den Zug.

"So weit, so schlecht" - sagen sich jetzt Tenente Scarpa und Vice Questore Patta, Untergebener und Vorgesetzter des urlaubenden Brunetti, und lassen den Frau wegen des quasi geklärten Sachverhaltes ruhen. Doch dann kommt die Nachbarin der Alten aus dem Urlaub zurück und beweist der Polizei, dass die Rumänin unmöglich die Täterin gewesen sein kann, da sie selbst die von ihrer Arbeitgeberin ohne Grund hinausgeworfene Frau zum Bahnhof gebracht, ihr eine Fahrkarte gekauft und ausreichende Bargeld in die Hand gedrückt habe. Zu diesem Zeitpunkt habe sie die alte Dame noch lebend am Fenster gesehen. Tenente Scarpa passt diese Aussage überhaupt nicht in seinen bereits so gut wie gelösten Fall und unterstellt der Frau eine blühende Fantasie sowie Geltungsdrang. Erst als diese ruhig aber bestimmt auf ihrer Aussage besteht, zieht er den gerade aus dem urlaub zurückgekehrten Brunetti hinzu, der sich der Dame in seiner unnachahmlich ruhigen und aufmerksamen Art annimmt. Schnell merkt er, dass sie die Wahrheit sucht - er sieht auch kein Motiv für das Gegenteil - und beginnt, den Fall auf eigene Faust noch einmal zu untersuchen. Dabei stößt er natürlich bei dem eitlen Versager Patta auf heftigen Widerstand, den er verbal akzeptiert, ohne jedoch seine Bemühungen aufzugeben.

Bei den nun folgenden Untersuchungen des Umfelds der Ermordeten stößt er einmal auf jahrelange regelmäßige Geldeingänge und schließlich auch auf einen mittlerweile verstorbenen Sohn, der - wie sein Vater - lange Zeit bei städtischen Behörden gearbeitet hat. Für Brunetti verdichtet sich der Verdacht einer Erpressung durch Vater, Sohn oder beide, die lange Zeit das Konto der Alten aufgefüllt und schließlich zu ihrer Ermordung geführt hat. Der verbreitete Klatsch der Nachbarschaft über die Habgier der Alten stützt zwar diesen Verdacht, aber es fehlen Indizien auf Personen und Hintergründe, von Beweisen ganz zu schweigen. Vorsichtige Recherchen - schließlich darf Patta nichts wissen - vor Ort bei der Behörde haben zwar seltsame Reaktionen zur Folge, fördern aber keine weiteren Beweise zu Tage. Selbst eine halb legale Nachuntersuchung der von der Verwandtschaft der Toten bereits renovierten Wohnung bringt keine handfesten Erkenntnisse. Zwar trifft man auf eine mehr als halbseidene Anwältin der Alten, die unmittelbar nach deren Tod die gut gefüllten Konten gelehrt hat, aber sie verfügt über ein erstklassiges Alibi. Ähnliches gilt für die Alleinerbin, eine in jeder Hinsicht etwas minderbemittelte Nichte. Als Brunetti an dem berühmten toten Punkt angekommen ist, der meist der Lösung unmittelbar vorangeht, stolpert er im wahrsten Sinne des Wortes über die Lösung.

Doch seine Kenntnis der italienischen Justizmühlen und all der juristischen Schlupflöcher, die vor allem den Strafverteidigern bestens bekannt sind, veranlasst ihn, sein Vorgehen doppelt abgesichert zu planen und alle Beweise noch einmal zu prüfen. Als dann schließlich der Täter überführt und vor Gericht gestellt wird, kann Brunetti seiner Frau beim, abendlichen Rotwein die betrübliche Mitteilung machen, dass der Schuldige angesichts der Umstände - Erpressung, Habgier der Alten, Affekt - wahrscheinlich in wenigen Jahren wieder frei sein werden. Dieses Wissen vergällt ihm den Genuss des Weins jedoch nur in begrenztem Umfang, da er mittlerweile seine Ohnmacht bei der Strafverfolgung zu akzeptieren gelernt hat. Brunetti darf aufklären und die Täter vor Gericht bringen, dann jedoch hat die Welt der Strafverteidiger und der politischen Absprachen Vorrang.

Donna Leon reichert auch in diesem Krimi die eigentliche Handlung mit viel Gesellschaftskritik an. Diesmal stehen der Schlendrian und der Postenschacher in den staatlichen Behörden sowie die Langsamkeit und Inkonsequenz der Strafjustiz im Mittelpunkt ihrer kritischen Betrachtungen.

Das Hörbuch umfasst 7 CDs mit einer Gesamtspielzeit von 490 Minuten und ist im Verlag Sprechende Bücher unter der ISBN 3-88698-759-0 erschienen.

Frank Raudszus

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