David Peace: "1974"

                                                                    
Sodom und Gomorrha in Nord-England 
 

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Im Jahr 1949 schrieb George Orwell seinen an Illusionslosigkeit und Pessimismus kaum zu überbietenden SF-Roman "1984" über einen damals noch in weiter Ferne liegenden Überwachungsstaat. In einer sozusagen "inversen" Anlehnung an Orwell verfasste David Peace 1999 seinen "1974" betitelten Roman und ging damit statt 35 Jahre in die Zukunft 25 Jahre in die Vergangenheit. Ansonsten kann er hinsichtlich Schwärze und Hoffnungslosigkeit durchaus mit dem großen Vorgänger mithalten, lässt er doch kein gutes Haar an Zeit und Ort der Handlung.

Kurz vor Weihnachten 1974 wird in Nordengland ein zehnjähriges Mädchen entführt. Der junge Gerichtsreporter Edward Dunford von der Lokalzeitung sieht sofort Verbindungen zu ähnlichen, nie aufgeklärten Fällen in den letzten Jahren, findet damit jedoch weder bei seinem Chef noch bei dem obersten Ermittler der Polizei Gehör. So beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln, obwohl ihn sein Chefredakteur schon bald als Berichterstatter von diesem Fall abzieht und ihn zu Hintergrundrecherchen schickt. Doch Dunford verfolgt unbeirrt seine Theorie und weiß seine unmittelbaren Recherchen als Hintergrundanalysen zu tarnen. Dabei kommt er jedoch bald höheren Kreisen der Gesellschaft und der Polizei zu nahe und lernt schnell die weniger menschenfreundliche Seite der Polizei kennen. Eindeutige Drohungen und erste "zeugenfreie" Tätlichkeiten von Polizisten erhärten bei ihm schnell den Verdacht auf kriminelle Machenschaften und Verbindungen zwischen lokalem Geldadel und der Polizei. Als die Leiche des Mädchens mit Zeichen schwerster Misshandlungen gefunden wird, entwickeln Dunfords Recherchen und die Reaktionen der näher in Augenschein Genommenen eine eigene Dynamik, und er verliert zunehmend die Kontrolle über die Ereignisse.

Gespräche mit anfangs anonymen Informanten und heimlich zugesteckte Dokument zeigen ihm einen wahren Sumpf an Korruption, Brutalität und Rechtlosigkeit. Sein Glauben an den Rechtsstaat wird spätestens dann schwer erschüttert, als er beobachtet, wie eine Polizeitruppe im Beisein hoher Polizeioffiziere generalstabsmäßig ein Zigeunerlager abbrennt. Noch während er sprachlos dem Inferno zuschaut, entdecken ihn Polizisten und misshandeln ihn schwer. Da er schnell merkt, dass die entscheidenden Vertreter der lokalen Presse enge Beziehungen zu höheren Polizeistellen pflegen, verzichtet er auf jeglichen Versuch, die kriminellen Aktivitäten der Polizei aufzudecken. Stattdessen muss er von Stunde zu Stunde mehr um sein Leben fürchten, da er weitere Ungereimtheiten und Hinweise auf die Verwicklung angesehener Honoratioren des Ortes in die Geschehnisse entdeckt. Zum Schluss arten seine Untersuchungen in ein lupenreines Verfolgungsrennen zwischen ihm und der Polizei aus, bei der letztere letztlich die Oberhand behält und aus ihm - wie auch in einem anderen Fall - mit den klassischen Foltermethoden eines totalitären Staates ein doppeltes Mordgeständnis herauspresst. Da er die ihm angebotene Möglichkeit zum Selbstmord nicht nutzt, schlägt man ihn nach einer mehrfach simulierten Erschießung am Straßenrand liegen, offensichtlich in der Hoffnung, dass er die Misshandlungen nicht überlebt. Doch Dunford rafft sich zu einer letzten Energieleistung auf und sorgt nach dem Motto "Ein Mann sieht rot" auf seine Art für Gerechtigkeit oder was er dafür hält. Doch anstelle eines das Sühnebedürfnis des Lesers befriedigenden Endes einschließlich der Bestrafung aller Schuldigen bietet der Autor nur die bevorstehende Verhaftung seines Protagonisten wegen Mord und Totschlag. Zwar hat er die Täter gerichtet, die korrupte Polizeiführung jedoch wird weiterhin Regie über den düsteren Norden Englands führen.

David Peace lässt in seinem Roman an gesellschaftlichem Pessimismus nichts zu wünschen übrig. Man fragt sich jedoch angesichts der geradezu endzeitlichen gesellschaftlichen Verhältnisse, bei der nicht einmal die Justizorgane bis in die höheren Ebenen hinein auch nur einen Ansatz einer gesellschaftlichen Ethik zeigen, inwieweit dies auf Tatsachen beruht oder als überspitzte fiktive Form einer durchaus vorhandenen Tendenz aufzufassen ist. Auf Orwells "1984" traf mit Recht letzteres zu, doch das war insofern legitim, als er es in eine noch nicht bekannte Zukunft projizierte. Peace jedoch verlegt es in eine historisch fixierte Vergangenheit, und da wüsste man doch gerne, ob Vergleichbares im klassischen Rechtsstaat England in den siebziger Jahren hat geschehen können oder sogar geschehen ist. Wenn dem so wäre, müsste dieser Skandal damals das ganze Land erschüttert haben, denn die Zustände in "1974" spotten jeglicher Rechtsstaatlichkeit und bleiben laut "1974" auch noch ungesühnt.

Abgesehen von den fragwürdigen Verweisen auf eine reale Region und eine historische Zeit weist jedoch die Innenstruktur dieses Romans eine hohe Qualität auf. Kein bekanntes Klischee bedient die Erwartungshaltung eines Unterhaltung und Erbauung suchenden Lesers, und selbst die erotischen Momente tragen Züge der Aggression, Gewalt und Verzweiflung. Peace bietet den Lesern bzw. Hörern nicht den kleinsten Kompromiss an und entlässt sie am Schluss des Romans rat- und hoffnungslos. Der packende und äußerst dichte Vortrag des Sängers und Schauspielers Michael Hansonis steigert diese Wirkung noch durch die trockene und desillusionierte Diktion und die wechselnden Stimmlagen für verschiedene Personen. Streckenweise erinnert dieses Hörspiel an die besten Romane aus der "Schwarzen Serie" mit dem zynischen und desillusionierten Philipp Marlowe.....

Das Hörbuch umfasst 8 CDs mit einer Gesamtspielzeit von 480 Minuten und ist im Megaeins-Verlag unter der ISBN 3-9810203-0-8 erschienen.

Frank Raudszus

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