Jakob Arjouni: "Chez Max"

                                                                    
Ein SF-Hörspiel Orwellschen Zuschnitts
 

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Wir befinden uns im Jahr 2064. Die USA sind bereits vor dreißig Jahren nach ihrem desaströsen Nahost-Engagement wirtschaftlich kollabiert und zum reinen Agrarland abgestiegen. Europa und China haben sich zur "euro-asiatischen" Zone zusammengetan und sich nach langen "Befreiungskämpfen" gegen die - mehrheitlich terroristischen weil muslimischen - Südländer als imperiale Weltmacht etabliert. Mit einem durchgehenden Zaun - man kann auch von einer "euro-chinesischen  Mauer" sprechen - schotten sie sich gegen die in die Steinzeit zurückgebombten Südländer ab; Bushs Grenzzaun gegen mexikanische Illegale lässt grüßen. Innerhalb der prosperierenden euro-asiatischen Zone besteht eine klare Sprachregelung, in der die außerhalb gelegene Welt schlichtweg nicht existiert. Auf entsprechendem Kartenmaterial und im Fernsehen erscheint der Rest der Welt in Blau wie die Ozeane. Selbst Flugzeuge aus diesen Gegenden mit den importierten Rohstoffen kommen offizielle aus dem "Binnenland".

Um Eurasien gegen den Terrorismus der Südländer zu schützen, haben die Regierungen eine Schutztruppe installiert, die potentielle Terroristen, Illegale und sonstige Aufrührer schon "in statu nascendi" entdecken und den Behörden übergeben sollen. Der perfekte Überwachungsstaat mit Abhöreinrichtungen und Überwachungskameras allerorten hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte bereits als allseits akzeptierter Normalzustand etabliert.

Max Schwarzwald ist seit Jahren Mitarbeiter dieser Organisation und sieht sich als wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Zu Beginn der Romanhandlung hat er schweren Herzens einen Freund wegen heimlichen Rauchens und eines vagen Verdachts auf Drogenschmuggel angezeigt und fühlt  - ähnlich den SS-Angehörigen im Dritten Reich - wegen der Schwere der Verantwortung eher sich denn den Freund als Opfer. Max betreibt neben seiner Spitzelarbeit in einem Pariser Arrondissement das Restaurant "Chez Max", das sein ganzer Stolz ist und nach Beendigung seiner patriotischen Pflicht einmal sein Alter versüßen soll. In der Organisation arbeitet er mit seinem Pariser Chen zusammen, einem misanthropischen Chinesen, der permanent über die schlechte Welt und die charakterlosen Menschen herzieht und die Schwächen seiner Mitmenschen nicht nur genau kennt sondern sich auch gnadenlos an ihnen zu weiden pflegt. Alle hassen ihn wegen seiner Arroganz und Boshaftigkeit, doch seine hohe Aufklärungsquote machen ihn nahezu unangreifbar. Als Max einerseits vom internen Sicherheitsdienst von einem vagen Verdacht gegen Chen hört, sieht er seine Stunde gekommen, dem verhassten Partner zumindest eins auszuwischen und ihm damit eine Reihe schwerer Kränkungen zurückzuzahlen. Doch der schlaue Chen durchschaut Max und so kommt es zu einem dramatischen "Showdown", bei dem die Karten offen auf dem Tisch liegen......

Bis hierher ist die Geschichte konsequent und konsistent aufgebaut - in einem perfekten Überwachungsstaat glauben die Spitzel an ihre Aufgabe und verdächtigen sich schließlich gegenseitig. An dieser Stelle hätte Arjouni verschiedene Optionen für die weitere Entwicklung gehabt:

  • Er hätte Chen als den Oberdenunzianten und Scharfmacher entlarven können, der das totalitäre System einer Überwachungsdemokratie repräsentiert. Der zumindest treu mitlaufende Max hätte sich dann an Chen läutern können. 
  • Er hätte Chen als heimlichen Vertreter der unterdrückten Völker inner- und außerhalb des Zaunes etablieren können, der unter der Tarnung des hundertprozentigen Spitzels die Revolution gegen den Überwachungsstaat organisiert. In Folge der "Entlarvung" hätte er entweder Max in sein Lager hinüberziehen können oder wäre als Märtyrer der guten Sache gestorben.

Doch Arjouni wählt keine dieser beiden Optionen. Sein Max bringt Chen in der Wut des Augenblicks um und lässt ihn verschwinden. Doch der Fluch der bösen Tat verfolgt ihn nicht, sondern Chens Verschwinden wird irgendwann zu den Akten gelegt, weil niemand gerne die Flucht eines Agenten zugibt. Max selber "genießt" die Folgenlosigkeit seines Tuns bei gutem Essen und Trinken in seinem Restaurant, rundherum zufrieden. Dieser Schluss befriedigt - abgesehen von vordergründigen moralischen Aspekten - auch formal nicht. Die Aussage bleibt nämlich unklar. Wir wissen bis zum Schluss nicht, ob Chen ein heimlicher Revolutionär, ein übereifriger Spitzel oder nur ein Menschenhasser war und ob sein Tod irgendwelche Folgen hat. Ohne eine solche weiterführende Aussage bleibt sein Tod ein reiner Zufall, Resultat eines momentanen Affekts. Auch Maxens Rolle bleibt unklar. Zwar kann man ihn jetzt als den perfekten Mitläufer sehen, der sogar seine Partner umbringt, doch erhält er wegen der außerordentlichen Gemeinheit eben dieses Partners vom Autor und damit auch vom  Leser bzw. Zuhörer sozusagen mildernde Umstände. Als letzterer möchte man aus ganzem Herzen sagen: "Den hätte ich auch umgebracht!" Der Zuhörer kann schlichtweg keine Abscheu oder gar Hassgefühle gegen Max entwickeln, höchstens eine gewisse Verachtung für seinen schwachen Charakter. Insofern zeigt Arjouni ihn schon konsequent als den Durchschnittsmenschen, den alle totalitären Systeme benötigen, um ihre Absichten durchzusetzen. Bis zum Schluss kommen Max keine Bedenken wegen seiner beamteten Spitzeltätigkeit, und selbst der Freund bestätigt ihn noch unfreiwillig aus dem Gefängnis. Max hat alles richtig gemacht, und das Schicksal dankt es ihm.....

Bemerkenswert an diesem Hörbuch ist die Tatsache, dass Artjouni für die Ausgangssituation keine große Phantasie aufbringen muss, sondern lediglich die derzeitige politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation in den westlichen und asiatischen Industrieländern um einige Jahrzehnte extrapoliert, ohne dabei zu übertreiben. Man kann sich schon vorstellen, dass es in fünfzig Jahren auf der Welt genau so aussieht, wie Arjouni es beschreibt. Glücklich der, der es nicht mehr erleben muss.

Das Hörbuch umfasst 4 CDs mit einer Gesamtspielzeit von 272 Minuten und ist im Diogenes-Verlag unter der ISBN 3-257-80060-6 erschienen.

Frank Raudszus

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