Frank McCourt: "Die Asche meiner Mutter"

Bericht über eine Jugend in Irland 

 

 

Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen war von einer weltweiten Wirtschaftskrise gekennzeichnet, die sich bereits Ende der zwanziger Jahre abzeichnete, im Börsenkrach von 1929 ihren Höhepunkt fand und sich noch bis zum Zweiten Weltkrieg hinschleppte, der dann sowieso alles hergebrachten Sicherheiten zerstörte. In Irland wirkte sich die wirtschaftliche Krise aufgrund der zurückgebliebenen, meist landwirtschaftlich geprägten Wirtschaftsstruktur sowie der Jahrhunderte langen Unterdrückung und Ausbeutung durch die Engländer in besonderem Maße aus. Frank McCourt schildert am Beispiel seiner eigenen Familie die desolate soziale Lage breiter Schichten im Irland jener Jahre.

Die Leidensgeschichte der Familie - einer modernen Odyssee nicht unähnlich - beginnt Anfang der Dreißiger in den USA, wo der Erzähler mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder in sehr bescheidenen Verhältnissen aufwächst. Sein Vater aus dem Norden Irlands verliert in der Depression seinen Job und beginnt zu trinken. Die ebenfalls nach Amerika ausgewanderten Verwandten können oder wollen nicht helfen, und das Geld fehlt bald an allen Ecken und Enden. Als dann auch noch die neu geborene Schwester bereits im Säuglingsalter - vermutlich an Unterernährung und Tuberkulose - stirbt, schicken die Eltern von Franks Mutter Geld für die Rückfahrt, und die Familie kehrt zurück nach Limerick in Irland. Der erst vierjährige Frank muss bereits Verantwortung für seinen dreijährigen Bruder und die frisch geborenen Zwillinge Eugene und Oliver übernehmen, da der Vater jeden neuen Job nach kurzer Zeit wegen Trunksucht verliert und sogar das schwer erkämpfte wöchentliche Stempelgeld vertrinkt. Die Familie sinkt tiefer und tiefer und kommt nur kurzfristig bei unwilligen Verwandten unter, die nicht die zahlreiche Familie eines heruntergekommenen Trinkers als Kostgänger bewirten möchten. Die Wohnungen werden immer trister und primitiver, es fehlt an Holz zum Heizen und an Brot zum Essen. Schon bald müssen sich die kleinen Jungen überlegen, wie sie die notwendigsten Dinge "organisieren" oder gar stehlen, da die Mutter zusehends überfordert ist und nach dem Tode der beiden zweijährigen Zwillinge - wieder wegen Unterernährung und TBC - kaum noch dem Leben gewachsen ist. In der Schule erfahren die Jungen nur die schlimmste Form der Rohrstock-Pädagogik, verbunden mit einem geradezu bigotten, fundamentalistischen Katholizismus. Fragen und Lachen sind grundsätzlich nicht erlaubt, weder in der Schule noch später im Berufsleben. Wie in dieser Umgebung noch zwei weitere Brüder zur Welt kommen und überleben können, bleibt ein Rätsel. Der Erzähler schlägt sich irgendwie durch dieses trübe Kinderleben und findet selbst da immer wieder Anlass zum Spielen und zum Spaß. Kinder nehmen mangels Vergleichsmöglichkeiten die Welt so, wie sie ist, und machen für sich das Beste daraus. Auch der Tod der Geschwister wird eher als Naturereignis betrachtet, und der Hinweis, dass die gestorbenen Brüder es im Himmel gut haben, weckt eher den Neid auf deren gute Verpflegung im Himmel als eine nur Erwachsenen zugängliche echte Trauer.

Jahr für Jahr und Katastrophe für Katastrophe schildert McCourt seine Jugend, die Unbarmherzigkeit von Kirche und Krankenhäusern, schwere Krankheiten, Tod, den Suff des Vaters, die Verzweiflung der Mutter und die Unbekümmertheit der Kinder, die immer wieder den Augenblick genießen und sich über jede Kleinigkeit wie ein Stück Brot freuen können. Frank selbst träumt schon als kleiner Junge davon, wieder nach Amerika zurückzukehren, obwohl er sich selbst nur vage an einzelne Menschen und Situationen erinnern kann. Doch neben seinen eigenen - verklärten - Erinnerungen trägt die allgemeine Amerika-Euphorie der Iren dazu bei. Schon früh beschließt er, auf einen weiter führenden Schulbesuch zu verzichten, um möglichst schnell Geld für die Überfahrt in die USA sparen zu können. So kommt ihm die dünkelhafte Ablehnung der kirchlichen Schulbehörde - schließlich kommt er aus der untersten Schicht der Sozialhilfeempfänger - gerade recht, und bereits als Dreizehnjähriger lernt er den aufreibenden Beruf des Botenjungen kennen, der die Liste der Demütigungen durch bigotte und engstirnige Vorgesetzte nahtlos fortschreibt. Doch auch erste Glücksempfindungen und persönliche Verluste gehören in diese Phase. Mit großer Hartnäckigkeit, einer gesunden Intelligenz und viel taktischem Geschick schlägt er sich durch die nächsten Jahre, bis er schließlich Ende der vierziger Jahre als Neunzehnjähriger wieder die Freiheitsstatue vom Schiff aus begrüßen und ein neues Leben beginnen kann.

Christian Brückner liest diesen erschütternden Roman aus der subjektiven Sicht eines heranwachsenden Kindes, wobei es ihm in überzeugender Manier gelingt, sowohl die Seelenwelt eines Sechsjährigen wie eines Sechzehnjährigen mit ihren jeweiligen Nöten und ihrer altersspezifischen Naivität glaubwürdig darzustellen. Der Hörer lebt und leidet mit diesem Jungen und kann sogar mit ihm lachen, obwohl es eigentlich wenig zu lachen gibt.

Das Hörbuch besteht aus 14 CDs mit einer Spieldauer von über 17 Stunden und ist im Steinbach-Verlag  unter der ISBN 3-88698-836-8 erschienen.