Durs Grünbein: "Vom Schnee oder Descartes in Deutschland"

Sprachmächtiges Poem auf einen großen Denker

 

 

"Cogito, ergo sum" - "Ich denke, also bin ich". Darauf lässt sich die Philosophie von René Descartes (1596-1650) zwar nicht reduzieren, aber diese Feststellung ist dennoch zu seinem "Markenzeichen" geworden und besagt mehr oder minder, dass nur die Erkenntnis des eigenen Denkens ein sicherer Beweis der Existenz sei. Die gesamte materielle Welt ringsumher lässt sich demnach prinzipiell auch als Sinnestäuschung denken.

Soweit zum philosophischen Hintergrund des Protagonisten in wenigen Worten. Doch dem Autor Durs Grünbein geht es weniger um eine Auseinandersetzung mit der Philosophie des Franzosen, sondern er versucht, ihn als Menschen des frühen 17. Jahrhunderts zu fassen. Dazu begleitet er ihn auf seiner - historisch belegten - Reise durch das winterliche Deutschland im Jahr 1619 zusammen mit seinem Diener Gillot. Es herrscht ein Jahrhundertwinter, die Schneedecke liegt wie ein Leichentuch über dem Land, das die ersten Stürme des dreißigjährigen Krieges über sich ergehen lassen muss, und die beiden Reisenden leiden unter den harten Reisebedingungen ihrer Zeit. Man holt sich leicht eine Erkältung, die sich rasch zu einer ernsthaften Erkrankung entwickeln kann, man muss mit mediokren Herbergen vorlieb nehmen, und immer drohen die Auswirkungen des Krieges. Mit Descartes und seinem Diener treffen zwei konträre Charaktere aufeinander, die Tag für Tag miteinander auskommen müssen: der eher grüblerische und introvertierte Philosoph, der die Welt um sich durch die Brille seiner Vorstellungen wahrnimmt, und der pragmatische, dem Leben zugewandte Dienstbote, der den Mädchen nachschaut und auch bald die erste Liebschaft beginnt. Notgedrungen unterhalten sich die beiden und tauschen ihre Ansichten über die Welt in einer Sprache aus, die den Geist der Zeit glaubwürdig nachempfindet. Teils in Reimen, teils in rhythmischer Prosa laufen die Dialoge hin und her, man neckt sich, belehrt einander - das heißt mehr Descartes seinen Diener - und man weist einander auf die Notwendigkeiten des Alltags hin - Gillot seinen Herrn. Durs Grünbeins Sprache wirkt dabei nie gekünstelt altertümlich, sondern behält bei aller Bemühung um eine zeitgemäße Diktion eine natürliche Frische und Glaubwürdigkeit. 

Der Weg der beiden ungleichen Gesellen durch das winterliche Deutschland folgt keinem erkennbaren thematischen Muster. Weder geht es um eine erkennbare Handlung noch um einen zu lösenden Konflikt oder eine "tour d'horizon" durch die Philosophie oder Geschichte. Letztere kommen eher beiläufig zur Sprache, so wenn sich Descartes auf seine Gedanken zur sinnlichen Wahrnehmung der Welt bezieht oder wenn die Gräuel des Krieges zur Sprache kommen. Dem Autor scheint es vorrangig um die Befindlichkeit des "aufklärerischen" Menschen in einer archaischen - das heißt im Krieg befindlichen - Welt zu gehen. Die prallen und doch hintergründigen Dialoge der beiden zeichnen diese Befindlichkeit behutsam und einfühlsam nach, und der Zuhörer gewinnt mit zunehmender Zeit einen Eindruck davon, wie sich die Menschen in dieser Zeit gefühlt haben mögen. Diesem Eindruck tut auch die weniger alltagstaugliche denn poetische Sprache keinen Abbruch.

Christian Brückner übernimmt unter der Regie von Hans Drawe die Rolle des Erzählers, Dieter Mann spricht den Descartes und Udo Schenk den Diener Gillot. Abgesehen von der altersmäßig nicht passenden Stimme Dieter Manns (Descartes ist 1619 ein junger Mann von 23 Jahren!) interpretieren die Darsteller die Figuren lebensnah und glaubwürdig.

Das Hörbuch besteht aus 3 CDs mit einer Spieldauer von 3 Stunden und ist im HÖR-Verlag  unter der ISBN 3-89940-560-9 erschienen.