Max Frisch: "Mein Name sei Gantenbein"

Fiktive Antworten auf die Fragen nach den Möglichkeiten des Lebens 

 

 

Jeder kennt die Überlegung: "Was wäre, wenn?: wenn ich damals nicht zum Studium nach X sondern nach Y gegangen wäre, wenn später ich nicht den Job in Z angenommen hätte, wenn ich mir nicht dieses teure Auto gekauft oder diese unsinnige Weltreise nicht unternommen hätte....". Und es gibt sie auch futuristisch: was wäre, wenn ich jetzt etwas Verrücktes, Ungehöriges, Kriminelles oder Obszönes täte? Wie würde sich mein Leben ändern?". Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch (1911 - 1991) hat diese Fragestellung in den Mittelpunkt des Romans gestellt, der 1964 erschien und jetzt als Hörbuch vorliegt.

Ein Mann sitzt in einer leeren Wohnung, die Reste von gelebtem Leben aufweist. Offensichtlich hat er hier noch vor kurzem mit einer Frau gelebt, die ihn verlassen hat. Doch nicht die Realität des vergangenen Lebens geht ihm durch den Kopf, sondern Möglichkeiten. Der Wahrheit, was immer sie ist, misstraut er, weil er sie nicht zu kennen meint. Erinnerungen können täuschen, Wunschdenken Tatsachen verbiegen, Verdrängungen Unangenehmes ausblenden. So probiert er Lebensläufe wie Kleider an, lässt sie fallen, variiert sie und beginnt von Neuem. Doch ein roter Faden zieht sich durch seine Vorstellungen: demnach ist er mit einer international tätigen Schauspielerin verheiratet, nennt sich Gantenbein und hat sich selbst nach einem Autounfall spontan als Blinder ausgeben. Fortan führt er ein Leben der Behinderung und des Nichtsehens an der Seite seiner Frau. Die Blindheit - vor allem, da sie sich durch den ganzen Roman zieht - lässt sich durchaus als Metapher verstehen. Gantenbein will die Welt unbeobachtet beobachten, die Menschen aus gesicherter Position beurteilen und ihr wahres Wesen erkennen, das sich nicht mit Konventionen vor dem Gesehenwerden schützt. Die Blindheit des Gegenübers lässt den Menschen ungenierter und mit weniger Selbstkontrolle agieren, und eben diesem Wesen des Menschen will Gantenbein auf die Spur kommen. Obwohl das Blindenspiel wider Erwarten nach einigen Anfangsschwierigkeiten - Gantenbein lässt immer wieder fast automatische Zeichen des Sehens erkennen - gut geht, wächst der innere Druck, weil er Dinge zu erkennen glaubt, die ihm als vermeintlich Blindem verheimlicht werden. Das vermutete Verhältnis seiner Frau - aus dem Flugzeug steigt sie mit einem sehr vertraut wirkenden Mann, der schnell verschwindet - registriert er mit der eingebildeten Großmut und Überlegenheit des heimlich Wissenden, kann es jedoch nicht entlarven. Außerdem drängt es ihn zunehmend, sein falsches Spiel mit der Blindheit zu beenden und sei es nur, um die Reaktionen der Umwelt zu erfahren. 

Da all dies Vorstellungen sind, kann er sie jederzeit abändern. So lässt Frisch seinen Gantenbein die Selbstentlarvung in mehreren, unterschiedlich dramatischen Versionen durchspielen. Allen ist jedoch gemein, dass völlig unerwartet das große und endgültige Zerwürfnis daraus entsteht. Das mag als Hinweis auf eine wie auch immer geartete "Realität" des Erzählers zu interpretieren sein, wird aber nicht hinter diesen weiter geführt. Die Geschichte bleibt in den Gantenbein-Vorstellungen gefangen und treibt weitere Seitenzweige. So lernt er bei einem fingierten "Beinahe"-Unfall - schließlich konnte er das heranbrausende Auto ja nicht "sehen" - eine Frau kennen, die später Opfer eines Mordes wird. Doch der vorgestellte Gantenbein kann natürlich nicht wahrheitsgemäß aussagen, dass er den vermeintlichen Täter an einer bestimmten Stelle gesehen hat, und folgt seiner Rolle als Blinder, der juristischen Folgen für den Verdächtigen gewärtig. Seine eigenständige Abkopplung von der Wirklichkeit, sein "Nicht-hinsehen-wollen" treiben den imaginären Gantenbein zunehmend in Konfliktsituationen und persönliche Verluste, die er so nicht vorausgesehen hat. Am Ende steht diese Figur der Möglichkeiten, deren Flucht in die Blindheit sich der Erzähler konsequent zu Ende denkt, vor dem Scherbenhaufen seines Lebens, wie der ihn sich denkende Mann in der leeren Wohnung. So wird wohl auch dieser von einer selbstgewählten Blindheit geschlagen gewesen sein, deren Folgen er nicht bedacht und die er nicht rechtzeitig beendet hat. Konsequent lässt Frisch das Buch denn auch nach dem großen fiktiven Bogen der ungehemmten Vorstellungen wieder in diesen kahlen vier Wänden enden, in denen sich während der ausschweifenden Gedanken nichts geändert hat.

Der weitgehend vom Erzähler vorgetragene Roman wird immer wieder durch kurze Dialogszenen aufgelockert, die so nicht im Originaltext stehen aber die jeweilige Atmosphäre wiedergeben. Die Gestaltung liegt jedoch weit gehend bei dem Erzähler, den Robert Freitag spricht. Er vermittelt die Verinnerlichung des vermeintlich Blinden, der mehr nach innen als nach außen schaut und die Welt aus dieser gefilterten "Sicht" eines Blinden beschreibt. 

Das Hörbuch besteht aus 3 CDs mit einer Spieldauer von über 121 Minuten und ist im HÖR-Verlag  unter der ISBN 3-89940-151-6 erschienen.