Johann Wolfgang von Goethe: "Der Mann von fünfzig Jahren"

Eine Novelle um die Irrungen der Liebe  

 

 

Wie zu Genüge bekannt, war Goethe auch im fortgeschrittenen Alter noch sehr an den "Weiberröcken" interessiert, und noch wenige Jahre vor seinem Tod hielt er tatsächlich um die Hand einer jungen Frau an, die ihm dann zu seiner Verwunderung verwehrt wurde. Soviel zur Eitelkeit der Großen. In der Novelle "Der Mann von fünfzig Jahren" baut Goethe um eben diese falsche Selbsteinschätzung eine Erzählung so recht im Stil des frühen 19. Jahrhunderts auf.

Ein verwitweter Major um die fünfzig will seinen Sohn mit der Tochter seiner Schwester verheiraten, um den Besitz zusammen zu halten. Alles scheint gut zu laufen, als er plötzlich von seiner Schwester erfährt, dass seine Nichte in einen älteren Mann verliebt ist, und sehr bald feststellt, dass er selbst das Objekt der jungfräulichen Begierde ist. Da passt es ausgezeichnet, dass ein alter Freund und Schauspieler eintrifft, der immer auf sein Äußeres geachtet und sich jung erhalten hat. Die Eitelkeit ist geweckt, der Major wird mit Hilfe des Freundes verjüngt, und ein unerwartet spätes Glück erwartet den Witwer. Zu allem Überfluss fleht ihn sein eigener Sohn an, ihn von der avisierten Ehe zu entbinden, da er seinerseits unrettbar in eine schöne Witwe verliebt sei und sehr gute Aussichten bei ihr habe. Kaum kann der Major seine innere Freunde verbergen.

Doch das Leben spielt dem so einträchtigen Quartett einen Streich. Eines Tages kommt der Sohn aufgelöst und fieberkrank nach Hause gewankt. Nach seiner Genesung stellt sich heraus, dass die besagte Witwe dem jungen Mann nur ein wenig den Kopf verdreht und durchaus keine Absichten auf ihn hat. Der Trost durch die mitleidige Cousine schlägt dann plötzlich in ein wesentlich elementareres Gefühl um, so dass der Major entsagungsvoll auf sein spätes Glück verzichtet, da die jungen Leute aus ihrer Konfliktsituation allein nicht herauskommen. Doch während eines Besuchs des Majors bei eben dieser Witwe muss ebenfalls ein Funke übergesprungen sein, denn unvermutet springt die Geschichte um ein, zwei Dekaden weiter und der nun mit Anstand und Würde gealterte Major schaut amüsiert und wohlgefällig nicht nur auf seinen glücklich mit der Nichte verheirateten Sohn und deren Kinderschar, sondern auch auf die nun schon seit langer Zeit dem Witwenstand entflohene schöne Frau an seiner Seite, die sich als Stiefmutter des einstigen glühenden Verehrers wohl fühlt. So könnte man bei diesem Ende sagen. "Ende gut, alles gut".  In einer heutigen Vorabendserie würde man das einen fürchterlichen Kitsch nennen, doch der Name dieses Autors veredelt die schlichte Handlung zum Ausdruck der Altersweisheit.

Dieter Mann liest diese kleine Novelle mit viel Sinn für die leise Ironie, die sicher auch schon Goethe und nicht erst seine späten Interpreten beabsichtigt hatte. 

Das Hörbuch besteht aus 1 CDs mit einer Spieldauer von über 73 Minuten und ist im Patmos-Verlag  unter der ISBN 3-491-91171-0 erschienen.