Kleist, Mörike, Raabe, Storm u.a.: "Deutsche Novellen"

"Klassiker" der deutschsprachigen Novellenliteratur als Hörbuchsammlung

 

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Im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert erlebte die Gattung der Novelle ihren Höhepunkt. Ihr  bildungsbürgerlicher Belehrungscharakter fand vorher eine noch zu kleine Zielgruppe, und die rasant fortschreitende Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts mit ihren neuartigen sozialen Problemen ließ sie zur literarischen Marginalie verkümmern und in der heutigen Kurzgeschichte aufgehen. Doch in ihrer Blütezeit stand sie für die aufgeklärte und zukunftsorientierte Weltsicht des Bürgertums, noch nicht angekränkelt von der antibürgerlichen "Gedankenblässe" des Marxismus und seiner späteren Adepten. Namen wie Theodor Fontane, Heinrich von Kleist und Wilhelm Raabe spielen in diesem Rahmen eine ebenso wichtige Rolle wie ihre Schweizer Pendants Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer. Sie stellen denn auch die Protagonisten des vorliegenden Hörbuches dar, wobei andere Autoren sicherlich weniger der Qualität ihrer Werke als vielmehr dem begrenzten Platz zum Opfer fielen.

Heinrich von Kleist ist in dieser Sammlung mit seinen berühmten Novellen "Die Marquise von O." und "Das Erdbeben von Chili" vertreten. Erstere verhandelt das moralische Problem eines erotischen Fehltritts bei der Verhinderung eines ähnlichen, wesentlich roheren, und die seelischen Vorgänge, die diese vor allem bei dem Täter, aber auch bei dem Opfer auslösen. Der - ironische -  Umstand, dass edelmütige Lebensrettung und triebbedingte Lebenszeugung hierbei in einer Person zusammenfallen, kompliziert die Beurteilung der Situation noch, und Kleist bringt diesen Konflikt sprachmächtig auf den Punkt. Eduard Mörike steuert "Mozart auf der Reise nach Prag" bei, Theodor Fontane "Tuch und Locke" - eine lose Zusammenstellung moralisch-erotischer Erzählungen junger Offiziere im Felde -, von C.F. Meyer stammt die dramatisch-symbolische Geschichte "Das Amulett", von Wilhelm Raabe die eher besinnliche Rückschau auf die "Holunderblüte", und Gottfried Keller räsoniert in "Der Schmied seines Glückes" über den Sinn der Arbeit als Grundlage des Glücks. Theodor Storms "Immensee" über eine entfremdete Liebe schließt den Reigen der deutschen Novellen.

Friedrich Schönfelder liest die unterschiedlichen Erzählungen mit der Inbrunst der Romantiker, die hinter jedem Zeichen ein Symbol sahen und sich gerne in erotische oder existenzielle Welten hineinträumten und ihre Weltschau aus möglichst dramatischen oder tragischen Konflikten nährten. Seine Stimme bringt das Dunkle, Unfassbare des Schicksals zum Ausdruck, das so manche romantische Novelle in den Mittelpunkt stellt, aber auch die stille Ironie oder den sprachlich veredelten Sarkasmus des Schöpfers von "Seldwyla", der die immergleichen Schwächen der Menschen - Eitelkeit, Habgier, Dummheit - aufs Korn nimmt.

Das Hörbuch besteht aus 10 CDs mit einer Spieldauer von 720 Minuten und ist im Verlag Sprechende Bücher  unter der ISBN 3-88698-789-2 erschienen.

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