Christoph Martin: "Die Odyssee in Prosa"

Dieter Mann erzählt das mythische Märchen des großen Reisenden 

 

 

"Sage mir Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes" - so beginnt Homers berühmte Odyssee, die in 24 Gesängen die Abenteuer des Siegers über Troja in wortreichen Hexametern schildert. Johann Heinrich Voß hat das Versmaß des blinden Sängers in seiner deutschen Übersetzung weit gehend erhalten und damit unter anderem für eine hohe Rezeptionsschwelle gesorgt. Der Hessische Rundfunk hat jetzt eine neue Fassung dieses literarischen "Weltkulturerbes" erarbeiten lassen und als DVD herausgegeben.

Dieter Mann liest auf dieser DVD eine völlig neue Variante des bekannten Epos'. Statt der heldenhaft voranschreitenden Metrik des Hexameters herrscht hier die lockere Atmosphäre der gepflegten Konversation. Dieter Mann erzählt die Geschichte sozusagen mit dem Rotweinglas in der Hand am Kaminfeuer. Jeder Episode  gewinnt er das Menschlich-Allzumenschliche ab, frei nach dem Motto: "Wenn sich bei Homer die Götter schon mit menschlichen Charakterschwächen wie Neid und Eifersucht gegenseitig bekämpfen, warum sollen wir Ihnen nicht auch sonst menschliche Eigenschaften verleihen". Also führen Zeus und Athene typische Streitgespräche zwischen Eheleuten, jedoch nicht in wohlgesetzter Rede sondern so, wie wir es von heutigen Ehekomödien oder -dramen kennen. Der Ton ist eher salopp-ironisch, und ein Gott bleibt dem anderen keine Antwort schuldig. Besonders die gute Athene als Beschützerin des "vielgewanderten Mannes" weiß, wo es lang geht und wie man Poseidon wieder mal einen Seitenhieb verpassen kann. Auch die Menschen der Odyssee verlieren bei Martin und Mann ihre Position auf dem Denkmalsockel. Penelope wird wieder zur Frau, die sich eines Haufens parasitärer Verehrer erwehren muss und dabei den einen oder anderen Trick anwenden muss. Telemachos wird zum jungen Mann unserer Tage, der in drastischer und doch sachlicher Art und Weise seine Wut über die Parasiten am Hof seines Vaters äußert, und sogar die Freier gewinnen hier in gewisser Weise den Charakter normaler Menschen. Selbst der "Oberparasit" Antinuos hat eigene Argument auf seiner Seite, wenn er von Penelope eine baldige Entscheidung fordert. Odysseus selbst wird in seinen vielfältigen Rollen als Liebhaber, Trickdieb und auch mal Hochstapler mit viel Ironie dargestellt. Seine Techtelmechtel mit den verschiedenen Frauen - Circe, Kalypso und andere - geraten richtig gehend zu kleinen Meisterwerken des intellektuellen Slapsticks und einer leichten Frivolität. Seine oft blutigen Auseinandersetzungen mit Riesen (Polyphem) und den Laystrigonen werden mit einer gehörigen ironischen Distanz präsentiert, was angesichts ihres mythischen Charakters durchaus legitim scheint.

Und doch, etwas geht verloren bei dieser "zeitgemäßen", witzigen und ironischen Darstellung des großen Weltmärchens: die von Voß unnachahmlich ins Deutsche übersetzten Hexameter mit ihrer blumigen, fast üppigen Sprache schaffen einen mythischen Raum, der erst richtig den Abstand der Jahrtausende und das Allgemeingültige dieser uralten Erzählung deutlich macht. Der Hörer der Hexameter versinkt in den Jahrtausenden und in der allumspannenden Fiktion, der Hörer der Prosafassung erlebt einige unterhaltsame Stunden mit Witz und leichter Ironie. Jegliche Erdenschwere und tiefere Bedeutung sind dem Werk damit abhanden gekommen. Doch man hat sich gut amüsiert. Dagegen ist nun nichts zu sagen, denn wir wollen hier nicht als Gralshüter des immer Gleichen und Ernsthaften auftreten. Dennoch - die Aura der Hexameter hat ihren eigenen Stellenwert, den man nicht unbedingt zugunsten einer leichteren Konsumierbarkeit opfern sollte.

Das Hörbuch besteht aus einer1 DVD mit einer Spieldauer von über 14 Stunden und ist im Patmos-Verlag  unter der ISBN 3-491-92000-0 erschienen.