| Ian McEwan: "Saturday" |
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Ein Tag im Leben des Henry Perone |
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Henry Perone, leitender Neurochirurg an einer renommierten Londoner Klinik, beginnt den Tag noch vor dem Morgengrauen dank Schlaflosigkeit mit der Beobachtung eines brennenden Flugzeuges, das Kurs auf Heathrow nimmt. Schockiert stellt er sich die sterbenden Passagiere vor und leidet unter seiner Machtlosigkeit. Doch dieser Einstieg erweist sich nicht als Auftakt eines entsprechenden Thrillers, sondern bleibt nur Randerscheinung, die ihm zwar über den Tag noch einige Male bewegt, aber keine größeren Folgen zeitigt. Stattdessen lernen wir Henrys Familie und - aus seinen inneren Monolegen - seine eigene Befindlichkeit kennen. Der gut aussehende, intelligente und beruflich erfolgreiche Arzt ist verheiratet mit einer Juristin aus dem Zeitungsmilieu, seine Tochter lebt als Studentin und Lyrikerin in Paris und sein Sohn - in gewisser Weise ein "Ausreißer" - hat sich ganz dem Blues und seiner Gitarre gewidmet und erntet dort zunehmend Erfolg. Der Schwiegervater, ebenfalls Lyriker, lebt in einem französischen Chateau, fühlt sich als Familienpatriarch und beobachtet die Konkurrenz seiner Enkelin mit jovialen Argwohn. Während der Tag mit morgendlichem Sex, Frühstück und Einkaufen voranschreitet, reflektiert Henry Perone mit samstäglicher Gelassenheit über sein Leben. Das heißt, eher der Autor reflektiert über das Leben seines Protagonisten, wenn er ihn bei verschiedenen Alltagstätigkeiten beobachtet. Henry gehört zu den Sonntagskindern des Lebens. Nicht nur ist er ein anerkannter und geachteter - von den Krankenschwestern angehimmelter -, gut aussehender Arzt, daneben hat er viel Sinn für das Musische und hört bei seinen schwierigen Operationen gerne Bach. Dabei tut er es - getreu dem gesellschaftlichen "Ranking" der Bachschen Musik - nicht unter den Goldberg-Variationen, natürlich nicht die von Glenn Gould, sondern von einer zeitgenössischen Interpretin. Seine körperliche Fitness erhält er mit regelmäßigem Joggen, wozu auch der jährliche Halbmarathon gehört, den er erstaunlicherweise nicht gewinnt. Auch im Squash ist Henry mit seinen 48 Jahren immer noch auf der Höhe, und das detailliert beschriebene Match über fünf Sätze gegen seinen Chefanästhesisten hört sich wie der Spielbericht über ein Weltmeisterschaftsfinale mit seltenen "unforced errors" an. Henry Perone sitzt in allen Sätteln sicher und beherrscht sämtliche wichtigen Spielregeln der gesellschaftlichen Oberklasse: persönlich, beruflich, intellektuell und musisch - letzteres mehr durch seine Kinder. Dieser "Supermann" gerät an besagtem Samstagvormittag bei einer großen Demonstration gegen den bevorstehenden Irak-Krieg in einer Seitenstraße mit seinem Mercedes 500 S - was sonst? - in einen Bagatellunfall mit einem BMW, in dem drei junge Unterschicht-Typen sitzen. Binnen Sekunden wendet sich das Blatt, als die drei auf seine verkehrsrechtlich gute Position pfeifen und ihn aus Rache zusammenschlagen wollen. In einem Geistesblitz diagnostiziert er bei dem Anführer eine unheilbare Erkrankung und kann sich durch eine entsprechende Bemerkung und eine kurze Diskussion aus der gefährlichen Situation retten, nicht ohne den jungen Mann vor dessen Freunden dadurch gedemütigt zu haben ("kranker Boss?"). Und so folgt die Rache noch am selben Tage auf dem Fuß, wenn eben dieser gedemütigte Anführer mit einem Kumpanen bei ihm einbricht und die versammelte Familie mit dem Messer bedroht, um sich Genugtuung zu schaffen. Vorher schildert McEwan noch die gespannte Beziehung zwischen Vater und Tochter - Grund ist die verschiedene Einstellung zum bevorstehenden Irak-Krieg - sowie die Alterseitelkeit des seit einiger Zeit nicht mehr dichtenden Schwiegervaters, der Henry sowieso nur als unsensiblen Usurpator in seinem poetischen Reich betrachtet. Außerdem zeigt er Henry auch noch als begnadeten Koch, der für die Familie mit gekonnter Raffinesse ein großes Abendessen vorbereitet. Der abendliche Überfall führt die Familie an einen existenziellen Rand der Belastbarkeit und findet seinen Höhepunkt in der Forderung der Einbrecher an die Tochter, sich zu entkleiden und Gedichte vorzutragen. Dass dann ausgerechnet ein Gedicht des 19. Jahrhunderts den abgebrühten Einbrecher so rührt, dass er aus dem Konzept kommt und schließlich überwältigt werden kann, gehört ins Reich der poetischen Freiheit und berührt die Grenzen der Wahrscheinlichkeit. Den - ein wenig unfreiwilligen - Höhepunkt liefert McEwan dann, wenn er Perone zum Schluss den beim Sturz von der Treppe schwer verletzten Einbrecher am Gehirn operieren und ihm damit das Leben retten lässt. Perone hat gegenüber dem armen Unterschicht-"Schwein" nicht nur alle materiellen und immateriellen Vorteile des Lebens auf seiner Seite sondern leistet sich zuguterletzt auch noch eine fast überirdische Großmut, wenn er dem "Beinahe-Mörder" seiner Frau das Leben rettet. Weiter kann man diesen nicht demütigen. Nun könnte man meinen, das ganze wäre eine einzige, vor Ironie triefende Abrechnung mit der Oberschicht. Doch weit gefehlt: man wird in diesem Roman keine erkennbar ironische Passage finden, von der mild-bissigen Charakterisierung des Schwiegervaters einmal abgesehen. Alle Lebensphasen, Tagesabläufe und Gedankengänge werden mit einem nüchternen bis engagierten Ernst geschildert, als wolle der Autor sagen.: "So ist das menschliche Leben!". Vor allem die Liebe zwischen den Eheleuten wird - durchaus glaubwürdig - mit einer ergreifenden Innerlichkeit geschildert, dass es schon fast an Kitsch grenzt. Wenn nicht der ganze Roman als einziger ironischer Spannungsbogen gedacht ist - was zu bezweifeln ist -, dann wirkt der Perfektionismus dieser von allen menschlichen Schwächen freien Oberschichtfamilie geradezu entwaffnend, und man fragt sich, was der Autor denn nun damit eigentlich aussagen will. Schaut man sich die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse selbst in den westlichen Industrieländern an, dann kann dieser Roman kaum als repräsentativ gelten. Darüber hinaus wirkt das streckenweise zur Schau gestellte Bildungsgut des Autors etwas penetrant, seien es nun die - zugegebenermaßen sehr gut recherchierten - Kenntnisse über die Gehirnchirurgie, die klassische Musik ("erst Bach, dann Mozart!"), den Blues mit all seinen musikalischen Feinheiten, das Squash-Spiel oder die Küchenkunde. Wir glauben dem Autor auch so, dass er Einiges weiß, und weniger wäre hier mehr gewesen. Dennoch bietet dieser Roman über lange Strecken sehr spannende Unterhaltung, Einblicke und Einsichten zu politischen Entwicklungen sowie glaubwürdig konturierte Charaktere. Langweilig wird das Zuhören bei diesem Roman nie, da Johann Liefers, bekannt für seine Rolle als schräg-sarkastischer Gerichtsmediziner im "Tatort", den Roman mit viel Gespür für den ironischen Hintergrund liest, auch wenn dieser vom Autor vielleicht gar nicht beabsichtigt war. Das Hörbuch besteht aus 6 CDs mit einer Spieldauer von 400 Minuten und ist im Diogenes-Verlag unter der ISBN 3-257-80003-7 erschienen. |