Hörbücher Pierre Bayard: "Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat"

                                                                    
Januar 2010 Ein ernsthafter Essay über ein "kulturpolitisch inkorrekte" Tatsache

 

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CD-CoverWir sind alle Nichtleser, Sie und Sie - und natürlich auch der Autor und Rezensent. Diese Behauptung des Autors hört sich im ersten Moment provokant an. Betrachtet man jedoch die Menge aller jährlichen Neuerscheinungen - allein in Deutschland liegen sie angeblich bei über 15.000 - und hält dem die Menge der durch ein Individuum "konsumierbaren" Bücher entgegen, so wird sie schon verständlicher. Selbst wenn man jeden Tag ein Buch lesen könnte - pro Stunde zwanzig Seiten ergibt in zwölf Stunden rund 250 Seiten -, würde man im Jahr maximal 300 Bücher lesen können, also etwa drei Prozent aller neu erschienenen Bücher. Das macht uns tatsächlich zu "Nichtlesern", das heißt, der allgemein geltenden gesellschaftlichen Nomenklatur folgend, zu Kulturbanausen. Ob ich nun ein oder hundert Bücher im Jahr lese: beide Werte versinken statistisch im "weißen Rauschen" der Bedeutungslosigkeit.

Pierre Bayard, seines Zeichens Literaturprofessor, räumt mit falschen Bildungsvorstellungen gründlich auf und sagt den so elitären wie weltfremden Bildungsvorstellungen den Kampf an. Er erklärt sich erst einmal mit allen Leidensgenosse solidarisch, die sich genieren zuzugeben, ein (wichtiges!) Buch nicht gelesen zu haben, und spricht ihnen Mut zu, diese Tatsache zu akzeptieren und sich ihrer nicht zu schämen. Man muss laut Bayard lernen, auch über Bücher zu sprechen, die man nicht gelesen hat.

Wer dieses Hörbuch öffnet, denkt erst einmal an eine Satire über bildungsbeflissenes Partygeplauder. Doch diese Sicht ist grundfalsch. Bar jeder falschen Ironie oder gar eines drastischen Sarkasmus' geht Bayard das Problem der ungelesenen Bücher systematisch und ernsthaft an. Dazu klassifiziert er erst einmal die "ungelesenen" Bücher wie folgt:

  • quergelesene Bücher
  • vom "Hörensagen" bekannte Bücher
  • unbekannte Bücher

Diese Klassifizierung hat den Zweck, seine Apologie des Nichtlesens zu untermauern. Kurz gesagt besteht diese darin, dass er die Orientierung und die Fähigkeit, Bücher in den literarischen und kulturhistorischen Kontext einzuordnen, höher einschätzt als detaillierte Kenntnisse über deren Inhalt. Ja, letztere können sogar kontraproduktiv wirken, da die dazu erforderliche Zeit für andere kreative und intellektuelle Tätigkeiten fehlt und außerdem die Gefahr einer zu hohen Fokussierung auf Inhalt und Aussage eines Buches besteht. Was ein naiver Leser als Vorteil und hohen Bildungswert eines Buches betrachtet, dass es den Leser gefangen nimmt und buchstäblich dessen Geist besetzt, betrachtet er für die Entwicklung eines offenen und kritischen Geistes eher als hinderlich, und das ohne alle Ironie. Damit zieht er dem Bildungsgut Buch den Schleier der "Aura" vom Gesicht und lässt es als das erkennen, was es ist: ein bloßes Informationsmedium und Ausdruck einer subjektiven Weltsicht.

Bayard scheut sich auch nicht, bei allen erwähnten Büchern - Musils "Mann ohne Eigenschaften", Joyces "Ulysses" u.a. m.  - deren persönlichen Lesestatus (quergelesen, Hörensagen) zu vermerken und seine persönliche EInschätzung hinzuzufügen. Denn über das Eingeständnis hinaus, ein Buch nicht oder nur quer gelesen zu haben, nimmt er sich auch das Recht der Bewertung. Ja, dieses Recht wird angesichts der ungeheuren Zahl von Veröffentlichungen geradezu zur Pflicht, denn andernfalls würde die Literaturkritik in Fragmente gelesener Bücher zerfallen. Wenn man nur über durchgelesene Bücher reden dürften, würden zahllose kleine Gruppen mit und ohne Überschneidungen hinsichtlich bestimmter Bücher aneinander vorbeireden. Literaturinteressierte, vor allem aber Literaturprofis, müssen buchstäblich mit Teil- und Minimalwissen über Bücher leben und trotzdem über sie urteilen, weil sich nur so ein homogenes Meinungsbild ergibt. Dabei darf man sich sowohl auf einzelne Expertenrezensionen als auch den Durchschnitt vieler Meinungen berufen, denn schließlich entscheidet die Menge der Leser - ob partielle oder vollständige Lektüre - über den Stellenwert eines Buches. Ein Buch ist grundsätzlich menschengemacht und kommt nicht aus einem Geniehimmel, und so bleibt es auch im Kontext der menschlichen Rezeption gefangen. Selbst ein Waschzettel kann dann als  Basisinformation für ein Meinungsbild dienen, wenn es zum Beispiel um den Gegenstand des Buches oder das grundsätzliche Weltbild des Autors geht.

Bayard baut seine Theorie des aktiven Nichtlesens jedoch bis an die Grenze der Paradoxie aus. So nennt er das Lesen eine passive Tätigkeit (soweit diese Terminologie überhaupt hält), die den Leser von wahrhaft schöpferischen Aktivitäten abhält. Logisch zwingend kommt er dann zu dem Schluss, dass das eigentliche Ziel jedes schöpferischen Menschen nicht im Lesen sondern im Schreiben liegt. Nur - wer soll dann all die zusätzlichen Bücher lesen, wenn die Maxime lautet, nicht oder nur quer zu lesen? Dann ist auch das Schreiben sinnlos. Denn das Verfassen von Büchern als Selbstzweck ohne den Leser als Ziel ist sinnlos, dient Sprache und damit auch das Produkt "Buch" doch als Kommunikationsmittel unter Menschen.

Man darf also erwarten, dass Bayard seine Theorie am Ende vielleicht doch noch einmal überdenkt und ihr zumindest die Spitze des Paradoxons nimmt.

Der bekannte Schauspieler Hanns Zischler liest das Buch mit dem gebotenen Ernst und doch mit einem gesunden Schuss hintergründiger Ironie, denn trotz aller Absage an Scherz, Satire und Ironie beinhaltet dieser Essay doch eine gehörige hintergründige Portion zumindest der letzteren.

Das Hörbuch besteht aus zwei CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 140 Minuten, ist im Kunstmann-Verlag unter der ISBN  978-3-88897-519-6 erschienen und kostet 16,90 Euro.

Frank Raudszus


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