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Pierre Bayard: "Wie man über Bücher spricht, die
man nicht gelesen hat" |
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Ein ernsthafter
Essay über ein "kulturpolitisch inkorrekte" Tatsache |
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Pierre
Bayard,
seines Zeichens Literaturprofessor, räumt mit falschen
Bildungsvorstellungen gründlich auf und sagt den so elitären
wie weltfremden Bildungsvorstellungen den Kampf an. Er erklärt
sich erst einmal mit allen Leidensgenosse solidarisch, die sich
genieren zuzugeben, ein (wichtiges!) Buch nicht gelesen zu haben, und
spricht ihnen Mut zu, diese Tatsache zu akzeptieren und sich ihrer
nicht zu schämen. Man muss laut Bayard lernen, auch über
Bücher zu sprechen, die man nicht gelesen hat. Wer
dieses
Hörbuch öffnet, denkt erst einmal an eine Satire
über bildungsbeflissenes Partygeplauder. Doch diese Sicht ist
grundfalsch. Bar jeder falschen Ironie oder gar eines drastischen
Sarkasmus' geht Bayard das Problem der ungelesenen Bücher
systematisch und ernsthaft an. Dazu klassifiziert er erst einmal die
"ungelesenen" Bücher wie folgt:
Diese
Klassifizierung hat den Zweck, seine Apologie des Nichtlesens zu
untermauern. Kurz gesagt besteht diese darin, dass er die Orientierung
und die Fähigkeit, Bücher in den literarischen und
kulturhistorischen Kontext einzuordnen, höher einschätzt als
detaillierte Kenntnisse über deren Inhalt. Ja, letztere
können sogar kontraproduktiv wirken, da die dazu erforderliche
Zeit für andere kreative und intellektuelle Tätigkeiten fehlt
und außerdem die Gefahr einer zu hohen Fokussierung auf Inhalt
und Aussage eines Buches besteht. Was ein naiver Leser als Vorteil und
hohen Bildungswert eines Buches betrachtet, dass es den Leser gefangen
nimmt und buchstäblich dessen Geist besetzt, betrachtet er
für die Entwicklung eines offenen und kritischen Geistes eher als
hinderlich, und das ohne alle Ironie. Damit zieht er dem Bildungsgut
Buch den Schleier der "Aura" vom Gesicht und lässt es als das
erkennen, was es ist: ein bloßes Informationsmedium und Ausdruck
einer subjektiven Weltsicht. Bayard
scheut sich auch nicht, bei allen erwähnten Büchern - Musils
"Mann ohne Eigenschaften", Joyces "Ulysses" u.a. m. - deren
persönlichen Lesestatus (quergelesen, Hörensagen) zu
vermerken und seine persönliche EInschätzung
hinzuzufügen. Denn über das Eingeständnis hinaus, ein
Buch nicht oder nur quer gelesen zu haben, nimmt er sich auch das Recht
der Bewertung. Ja, dieses Recht wird angesichts der ungeheuren Zahl von
Veröffentlichungen geradezu zur Pflicht, denn andernfalls
würde die Literaturkritik in Fragmente gelesener Bücher
zerfallen. Wenn man nur über durchgelesene Bücher reden
dürften, würden zahllose kleine Gruppen mit und ohne
Überschneidungen hinsichtlich bestimmter Bücher aneinander
vorbeireden. Literaturinteressierte, vor allem aber Literaturprofis,
müssen buchstäblich mit Teil- und Minimalwissen über
Bücher leben und trotzdem über sie urteilen, weil sich nur so
ein homogenes Meinungsbild ergibt. Dabei darf man sich sowohl auf
einzelne Expertenrezensionen als auch den Durchschnitt vieler Meinungen
berufen, denn schließlich entscheidet die Menge der Leser - ob
partielle oder vollständige Lektüre - über den
Stellenwert eines Buches. Ein Buch ist grundsätzlich
menschengemacht und kommt nicht aus einem Geniehimmel, und so bleibt es
auch im Kontext der menschlichen Rezeption gefangen. Selbst ein
Waschzettel kann dann als Basisinformation für ein
Meinungsbild dienen, wenn es zum Beispiel um den Gegenstand des Buches
oder das grundsätzliche Weltbild des Autors geht. Bayard
baut seine Theorie des aktiven Nichtlesens jedoch bis an die Grenze der
Paradoxie aus. So nennt er das Lesen eine passive Tätigkeit
(soweit diese
Terminologie überhaupt hält), die den Leser von wahrhaft
schöpferischen Aktivitäten abhält. Logisch zwingend
kommt er dann zu dem Schluss, dass das eigentliche Ziel jedes
schöpferischen Menschen nicht im Lesen sondern im Schreiben liegt.
Nur - wer soll dann all die zusätzlichen Bücher lesen, wenn
die Maxime lautet, nicht oder nur quer zu lesen? Dann ist auch das
Schreiben sinnlos. Denn das Verfassen von Büchern als Selbstzweck
ohne den Leser als Ziel ist sinnlos, dient Sprache und damit auch das
Produkt "Buch" doch als Kommunikationsmittel unter Menschen. Man
darf also erwarten, dass Bayard seine Theorie am Ende vielleicht doch
noch einmal überdenkt und ihr zumindest die Spitze des Paradoxons
nimmt. Der
bekannte Schauspieler Hanns Zischler liest das Buch mit dem gebotenen
Ernst und doch mit einem gesunden Schuss hintergründiger Ironie,
denn trotz aller Absage an Scherz, Satire und Ironie beinhaltet dieser
Essay doch eine gehörige hintergründige Portion zumindest der
letzteren. Das Hörbuch besteht aus zwei CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 140 Minuten, ist im Kunstmann-Verlag unter der ISBN 978-3-88897-519-6 erschienen und kostet 16,90 Euro. Frank Raudszus |
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