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Juan Rulfo: "Pedro Páramo" |
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Urs Widmer liest
den magisch-realistischen Roman über die Zustände im Mexiko
des frühen 20. Jahrhundert |
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Die
Verlagerung
dieser
Geschichte
in einen transzendenten Raum schafft
einerseits eine gewisse Distanz zum Geschehen selbst und erzeugt
andererseits eine Atmosphäre des Todes und der
Vergänglichkeit, die dem eigentlichen Thema des Romans
entgegenkommt. Denn Juan Rulfo ging es weniger um die Geschichte des
jungen Mannes, der reale Geschichte(n) erlebt und entdeckt, als
vielmehr um die Schilderung der unhaltbaren sozialen Bedingungen im
Mexiko des frühen 20. Jahrhunderts. Nicht Pedro Páramo
steht im Mittelpunkt sondern das ausgebeutete Landvolk in Gestalt der
ehemaligen Bewohner des Dorfes Comala. Da gibt es Grundbesitzer, die
Pedro Páramo, der eigentlich schon bankrott ist, im Verein mit
dubiosen und korrupten Anwälten um ihre Grundstücke
betrügt, bevor er auch diese ohne Honorar davonjagt. Kein
hübsches Mädchen rund um Comala ist vor Pedro - und
später seinem Sohn - sicher, Vergewaltigungen sind so normal wie
das "ius prima noctis" bei den Töchtern seiner Arbeiter. Als
Pedros Sohn bei einem Reitunfall zu Tode kommt, weigert sich der
Priester anfangs, seiner Leiche die letzte Ehre zu erweisen, weil der
Dahingeschiedene einst seinen Bruder ermordet und seine Nichte
vergewaltigt hat. So erzählen die mittlerweile verstorbenen
Bewohner einer nach der anderen von Misshandlungen, Betrug und
Ausbeutung und der Rechtlosigkeit der einfachen Menschen. Die
Fiktion
der
toten
Seelen erlaubt Rulfo, seine Handlung weitgehend frei
zu gestalten. Er ist an keine realistische Logik gebunden, da schon der
Ausgangspunkt - die Stimmen aus dem Jenseits - offene Fiktion sind. Mit
den Erzählungen der Geschundenen baut er ein Netz von
Assoziationen und Erinnerungen auf, die Pedro Páramo und seine
Umgebung aus immer neuen Blickwinkeln beschreiben und dabei nicht an
durchgehaltene, konsistente Handlungsstränge gebunden sind. Die
Menschen erinnern sich, aber da sie längst tot sind, fehlt ihren
Erzählungen die Empörung der Lebenden, die noch auf eine
Besserung ihrer Lebensbedingungen hoffen können. Sie tragen nur
die Last der Erinnerungen und müssen sie bei dem Sohn ihres
Peinigers abladen. Selbst das tun sie mit der Distanz der späten
Erinnerung an ein längst vergangenes Leben. Pedros
Sohn
trifft
bei
seinem Besuch in Comala auch die ehemalige Freundin
seiner Mutter, die wie diese unter Pedro zu leiden hatte. Von ihr
erfährt er die Details über die Ehe seiner Mutter mit Pedro,
über ihre Schwangerschaft und über die Art und Weise, wie
Pedro seine schwangere Frau ohne jede weitere Unterstützung an
ihren Geburtsort zurückschickte. Die Erzählungen dieser Frau
geben ihm einen unmittelbaren Einblick über das traurige Schicksal
vor allem der hübschen Frauen in Comala, die für Pedro
Páramo Freiwild und rechtmäßige Beute darstellten.
Gleichzeitig mussten sie den Alltag bewältigen und Pedros
uneheliche Kinder in einer erzkatholischen Gesellschaft
großziehen. Neben
der
Schilderung
der
skandalösen sozialen und gesellschaftlichen
Verhältnissen gelingt Juan Rulfo in diesem Roman eine
überzeugende Charakterisierung der Mentalität der
Landbevölkerung, die von Leidensfähigkeit und
Religiosität geprägt ist. In Ermangelung besserer Erfahrungen
nehmen die Menschen das Leben so, wie es sich ihnen darbietet und
betrachten alle menschengemachten Leiden als höhere Fügung,
die es zu erdulden gilt. Die entsagenden Erzählungen aus dem
Jenseits verstärken den Eindruck einer das Leiden gewohnten
Bevölkerung, die nicht mehr zu hoffen wagt und das Schicksal
ergeben auf sich nimmt. Die eigentliche Empörung entsteht dabei im
Ich-Erzähler in Form eines ungläubigen Staunens und
überträgt sich auf den Leser. So wie man von der
Schönheit sagt, dass sie im Auge des Betrachters liege, kann hier
behaupten, dass die Auflehnung im Auge des Lesers entsteht. Eine
Besonderheit
dieses
Hörbuches
besteht in der Person des Sprechers.
Kein professioneller Schauspieler trägt diesen Roman vor, sondern
der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer. Juan Rulfos Roman gehört
für ihn zu den bedeutendsten Werken des 20. Jahrhunderts und so
war es sein Herzenswunsch, "Pedro Páramo" selbst zu lesen.
Für den Hörer erweist sich dies jedoch als zweischneidiges
Schwert. Der etwas rauhe Tonfall des - zugebenermaßen
geglätteten - Schweizer Idioms passt nicht so recht zu einem
mittelamerikanischen Roman mit seiner emotionalen,
religiös-magischen Welt. Darüber hinaus fehlt Widmers Vortrag
ein wenig die Distanz des professionellen Sprechers, der hinter den
Text zurücktritt. Urs Widmer trägt in gewissem Sinne Urs
Widmer und nicht Juan Rulfo vor, da er zumindest unbewusst seine
persönliche Befindlichkeit mit einbringt. Allerdings wollen wir
diese Einschränkung auch nicht überbewerten, da Widmer
durchaus gut artikuliert und auch eine gewisse Atmosphäre erzeugt.
Es wäre aufschlussreich, zum Vergleich die Lesung durch einen
bekannten Hörbuch-Sprecher heranzuziehen, aber das ist derzeit
wohl nicht möglich. Das Hörbuch besteht aus vier CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 285 Minuten, ist im Merian-Verlag unter der ISBN 978-3-85616-420-1 erschienen und kostet 29,90 Euro. Frank Raudszus |
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