Hörbücher Juan Rulfo: "Pedro Páramo"

                                                                    
Januar 2010 Urs Widmer liest den magisch-realistischen Roman über die Zustände im Mexiko des frühen 20. Jahrhundert

 

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CD-Cover
"Ich bin nach Comala gekommen, weil mir gesagt wurde, dass hier
mein Vater lebt - ein gewisser Pedro Páramo." So beginnt der erste Satz dieses fantastischen Romans. Der noch junge Ich-Erzähler hat seiner sterbenden Mutter das Versprechen gegeben, seinen Vater aufzusuchen und von ihm das zu verlangen, was dieser seiner Frau und seinem Sohn vorenthalten hat. Der junge Mann trifft auf der staubigen Landstraße nach Comala einen Eselstreiber, der ihm den Weg ins Dorf weist und auch seinen Vater gekannt hat. Hier hört er zum ersten Mal, dass sein Vater nicht mehr lebt. Das Dorf selbst liegt wie tot in der Sommerhitze, kein Mensch ist weit und breit zu sehen. Schließlich trifft er eine einzelne Frau, die ihm eine Unterkunft anbietet. Allerdings ist das Zimmer vollständig leer, nicht einmal ein Bett steht dort. Nachts hört er seine Gasgeber leise über ihn reden - der Mann ist inzwischen auch eingetroffen -, doch am nächsten Morgen sind beide verschwunden. Als eine fremde Frau an die Tür klopft und er sie nach dem Ehepaar fragt, lautet die einzige Antwort "Geistern die auch noch hier herum?". Diese seltsamen Bekanntschaften häufen sich. Er trifft Menschen, die ihm etwas aus einer früheren Zeit erzählen und dann wieder verschwinden. Immer jedoch drehen sich die Gespräche direkt oder indirekt um seinen Vater Pedro Páramo. Während sich langsam ein nicht gerade sehr schmeichelhaftes Porträt des ehemaligen Großgrundbesitzer herausschält, stellt sich auch heraus, dass nicht nur Pedro Páramo schon lange tot ist, sondern dass auch alle Gesprächspartner seines Sohnes aus dem Jenseits mit ihm sprechen und nur für kurze Zeit wieder menschliche Gestalt angenommen haben.

Die Verlagerung dieser Geschichte in einen transzendenten Raum schafft einerseits eine gewisse Distanz zum Geschehen selbst und erzeugt andererseits eine Atmosphäre des Todes und der Vergänglichkeit, die dem eigentlichen Thema des Romans entgegenkommt. Denn Juan Rulfo ging es weniger um die Geschichte des jungen Mannes, der reale Geschichte(n) erlebt und entdeckt, als vielmehr um die Schilderung der unhaltbaren sozialen Bedingungen im Mexiko des frühen 20. Jahrhunderts. Nicht Pedro Páramo steht im Mittelpunkt sondern das ausgebeutete Landvolk in Gestalt der ehemaligen Bewohner des Dorfes Comala. Da gibt es Grundbesitzer, die Pedro Páramo, der eigentlich schon bankrott ist, im Verein mit dubiosen und korrupten Anwälten um ihre Grundstücke betrügt, bevor er auch diese ohne Honorar davonjagt. Kein hübsches Mädchen rund um Comala ist vor Pedro - und später seinem Sohn - sicher, Vergewaltigungen sind so normal wie das "ius prima noctis" bei den Töchtern seiner Arbeiter. Als Pedros Sohn bei einem Reitunfall zu Tode kommt, weigert sich der Priester anfangs, seiner Leiche die letzte Ehre zu erweisen, weil der Dahingeschiedene einst seinen Bruder ermordet und seine Nichte vergewaltigt hat. So erzählen die mittlerweile verstorbenen Bewohner einer nach der anderen von Misshandlungen, Betrug und Ausbeutung und der Rechtlosigkeit der einfachen Menschen.

Die Fiktion der toten Seelen erlaubt Rulfo, seine Handlung weitgehend frei zu gestalten. Er ist an keine realistische Logik gebunden, da schon der Ausgangspunkt - die Stimmen aus dem Jenseits - offene Fiktion sind. Mit den Erzählungen der Geschundenen baut er ein Netz von Assoziationen und Erinnerungen auf, die Pedro Páramo und seine Umgebung aus immer neuen Blickwinkeln beschreiben und dabei nicht an durchgehaltene, konsistente Handlungsstränge gebunden sind. Die Menschen erinnern sich, aber da sie längst tot sind, fehlt ihren Erzählungen die Empörung der Lebenden, die noch auf eine Besserung ihrer Lebensbedingungen hoffen können. Sie tragen nur die Last der Erinnerungen und müssen sie bei dem Sohn ihres Peinigers abladen. Selbst das tun sie mit der Distanz der späten Erinnerung an ein längst vergangenes Leben.

Pedros Sohn trifft bei seinem Besuch in Comala auch die ehemalige Freundin seiner Mutter, die wie diese unter Pedro zu leiden hatte. Von ihr erfährt er die Details über die Ehe seiner Mutter mit Pedro, über ihre Schwangerschaft und über die Art und Weise, wie Pedro seine schwangere Frau ohne jede weitere Unterstützung an ihren Geburtsort zurückschickte. Die Erzählungen dieser Frau geben ihm einen unmittelbaren Einblick über das traurige Schicksal vor allem der hübschen Frauen in Comala, die für Pedro Páramo Freiwild und rechtmäßige Beute darstellten. Gleichzeitig mussten sie den Alltag bewältigen und Pedros uneheliche Kinder in einer erzkatholischen Gesellschaft großziehen.

Neben der Schilderung der skandalösen sozialen und gesellschaftlichen Verhältnissen gelingt Juan Rulfo in diesem Roman eine überzeugende Charakterisierung der Mentalität der Landbevölkerung, die von Leidensfähigkeit und Religiosität geprägt ist. In Ermangelung besserer Erfahrungen nehmen die Menschen das Leben so, wie es sich ihnen darbietet und betrachten alle menschengemachten Leiden als höhere Fügung, die es zu erdulden gilt. Die entsagenden Erzählungen aus dem Jenseits verstärken den Eindruck einer das Leiden gewohnten Bevölkerung, die nicht mehr zu hoffen wagt und das Schicksal ergeben auf sich nimmt. Die eigentliche Empörung entsteht dabei im Ich-Erzähler in Form eines ungläubigen Staunens und überträgt sich auf den Leser. So wie man von der Schönheit sagt, dass sie im Auge des Betrachters liege, kann hier behaupten, dass die Auflehnung im Auge des Lesers entsteht.

Eine Besonderheit dieses Hörbuches besteht in der Person des Sprechers. Kein professioneller Schauspieler trägt diesen Roman vor, sondern der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer. Juan Rulfos Roman gehört für ihn zu den bedeutendsten Werken des 20. Jahrhunderts und so war es sein Herzenswunsch, "Pedro Páramo" selbst zu lesen. Für den Hörer erweist sich dies jedoch als zweischneidiges Schwert. Der etwas rauhe Tonfall des - zugebenermaßen geglätteten - Schweizer Idioms passt nicht so recht zu einem mittelamerikanischen Roman mit seiner emotionalen, religiös-magischen Welt. Darüber hinaus fehlt Widmers Vortrag ein wenig die Distanz des professionellen Sprechers, der hinter den Text zurücktritt. Urs Widmer trägt in gewissem Sinne Urs Widmer und nicht Juan Rulfo vor, da er zumindest unbewusst seine persönliche Befindlichkeit mit einbringt. Allerdings wollen wir diese Einschränkung auch nicht überbewerten, da Widmer durchaus gut artikuliert und auch eine gewisse Atmosphäre erzeugt. Es wäre aufschlussreich, zum Vergleich die Lesung durch einen bekannten Hörbuch-Sprecher heranzuziehen, aber das ist derzeit wohl nicht möglich.

Das Hörbuch besteht aus vier CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 285 Minuten, ist im Merian-Verlag unter der ISBN  978-3-85616-420-1 erschienen und kostet 29,90 Euro.

Frank Raudszus


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