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Friederike Mayröcker: "Bocca della veritá" |
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Ein römischer Briefroman voller Assoziationen | |
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All
diese
Assoziationen führen ihn in verschlungene Reflexionen
über nahe und ferne Dinge, legen in seinem Inneren immer neue
Schichten frei und enden meist in einer skeptischen Dekonstruktion
seines gesamten Weltbildes. Dabei
nimmt
seine
Sensibilität und Entrückung jedesmal nach demselben
Muster stetig zu, bis er den Brief abbricht.
Beim nächsten Mal beginnt er wieder
mit realen Anlässen, um dann ebenfalls wieder in eine Art
systematischer Melancholie zu verfallen. Eine wirkliche Handlung findet
in diesem Hörspiel nicht statt, die Gedanken und Assoziationen des
Protagonisten stehen im Vordergrund. Immer wieder erwähnt er zwei
Frauen, Julia und Cäcilia, die in seinem Leben einmal eine Rolle
gespielt haben. Inwieweit eine davon mit "Carissima" identisch ist,
wird nicht klar, spielt aber auch keine Rolle, denn diese Frauen sind
Fluchtpunkte, Erinnerungen und Vorstellungen, weniger konkrete Personen. Der
morbide
Charme Roms - allein schon das Alter und der stille Verfall an
vielen Stellen sprechen eine eigene Sprache - verstärkt die
resignative Haltung des Briefeschreibers oder erzeugt sie gar erst. Man
kann ihn sich nach dieser römischen
Phase
kaum noch als tätigen Alltagsmenschen vorstellen, der die
allfälligen Probleme eines
Durchschnittslebens
bewältigen
muss. Eher scheint er sich treiben zu lassen,
überwältigt von seinen Erinnerungen und der verlorenen Zeit. Die
brieflichen
Reflexionen des Protagonisten werden überlagert durch
Frauenstimmen, die verdrängte Erinnerungen in ihm wachrufen und
bestimmte Gefühlslagen oder Eindrücke verbalisieren, mal als
einzelne Frauenstimme, dann wieder als mehrfach überlagerte
Stimmen. Dazu kommentiert eine Männerstimme im Wechsel die
Ausführungen des Briefschreibers aus der Sicht eines unbeteiligten
Dritten, der die neutrale Rolle eines Erzählers übernimmt.
Einzelne Worte oder Eindrücke, so das bereits erwähnte
"Grüne Pistazieneis", werden von Kinderstimmen intermittierend in
den Gedankenfluss geworfen, wie es plötzliche Erinnerungen und
Assoziationen tun. Man
sollte
als Hörer nicht versuchen, diesem Buch eine konsistente
Handlung zu entnehmen, sondern einfach den Assoziationsschwall eines
ganzen Lebens auf sich wirken lassen. Von Zeit zu Zeit wirken die
Regieeinfälle der multiplen Stimmen ein wenig aufgesetzt, doch die
entrückt-resignative Stimmung des Romans, wenn man das Werk so
bezeichnen will, kommt doch gut zum Ausdruck. Das Hörbuch umfasst eine CD mit einer Gesamtlaufzeit von 49 Minuten, ist im Christoph Merian Verlag unter der ISBN 978-3-85616-422-5 erschienen und kostet 12 Euro. Frank Raudszus |
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