Hörbücher
Friederike Mayröcker: "Bocca della veritá"

                                                                    
April 2010 Ein römischer Briefroman voller Assoziationen
 

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CD-CoverEin Mann sitzt alleine im frühlingshaften Rom und schreibt Briefe an eine "Carissima" - Geliebte -, mit der er offenbar vor noch nicht langer Zeit in eben dieser Stdadt und eben dieser Wohnung gelebt hat. Er beschreibt seinen Tagesablauf, Besuche gemeinsamer Bekannter nund vor allem die Assoziationen, Erinnerungen und Emotionen, die ihm durch den Kopf gehen. Von Mitte März bis Ende April verfasst er fast jeden Tag einen Brief, wobei nicht klar wird, ob er diese Briefe je abschickt oder ob er sie nur schreibt, um sich über sich selbst sowie über seine Beziehung zu der Frau und zu der Stadt klar werden will. Immer wieder kommen ihm bestimmte Redewendungen oder Dinge vor sein inneres Auge, so etwa "grünes Pistazieneis" oder Raubvögel mit ihren Schwingen und Krallen. Sieht er einen Gegenstand vor sich, etwa ein Kissen, dann fällt ihm ein, wie gern sich die Frau an dieses Kissen geschmiegt hat, und ganze Serien von plötzlichen Assoziationen brechen über ihn hinein. Diese Assoziationen folgen einem typischen Muster der Irrationalität, denn sie zeugen sich aus sich selbst unkontrolliert fort, so wie ein bestimmter Geruch plötzlich Kindheitserinnerungen weckt oder wie ein Ton auf einer Saite einer Geige oder Gitarre die anderen Saiten mitschwingen lässt.

All diese Assoziationen führen ihn in verschlungene Reflexionen über nahe und ferne Dinge, legen in seinem Inneren immer neue Schichten frei und enden meist in einer skeptischen Dekonstruktion seines gesamten Weltbildes. Dabei nimmt seine Sensibilität und Entrückung jedesmal nach demselben Muster stetig zu, bis er den Brief abbricht. Beim nächsten Mal beginnt er wieder mit realen Anlässen, um dann ebenfalls wieder in eine Art systematischer Melancholie zu verfallen. Eine wirkliche Handlung findet in diesem Hörspiel nicht statt, die Gedanken und Assoziationen des Protagonisten stehen im Vordergrund. Immer wieder erwähnt er zwei Frauen, Julia und Cäcilia, die in seinem Leben einmal eine Rolle gespielt haben. Inwieweit eine davon mit "Carissima" identisch ist, wird nicht klar, spielt aber auch keine Rolle, denn diese Frauen sind Fluchtpunkte, Erinnerungen und Vorstellungen, weniger konkrete Personen.

Der morbide Charme Roms - allein schon das Alter und der stille Verfall an vielen Stellen sprechen eine eigene Sprache - verstärkt die resignative Haltung des Briefeschreibers oder erzeugt sie gar erst. Man kann ihn sich nach dieser römischen Phase kaum noch als tätigen Alltagsmenschen vorstellen, der die allfälligen Probleme eines Durchschnittslebens bewältigen muss. Eher scheint er sich treiben zu lassen, überwältigt von seinen Erinnerungen und der verlorenen Zeit.

Die brieflichen Reflexionen des Protagonisten werden überlagert durch Frauenstimmen, die verdrängte Erinnerungen in ihm wachrufen und bestimmte Gefühlslagen oder Eindrücke verbalisieren, mal als einzelne Frauenstimme, dann wieder als mehrfach überlagerte Stimmen. Dazu kommentiert eine Männerstimme im Wechsel die Ausführungen des Briefschreibers aus der Sicht eines unbeteiligten Dritten, der die neutrale Rolle eines Erzählers übernimmt. Einzelne  Worte oder Eindrücke, so das bereits erwähnte "Grüne Pistazieneis", werden von Kinderstimmen intermittierend in den Gedankenfluss geworfen, wie es plötzliche Erinnerungen und Assoziationen tun.

Man sollte als Hörer nicht versuchen, diesem Buch eine konsistente Handlung zu entnehmen, sondern einfach den Assoziationsschwall eines ganzen Lebens auf sich wirken lassen. Von Zeit zu Zeit wirken die Regieeinfälle der multiplen Stimmen ein wenig aufgesetzt, doch die entrückt-resignative Stimmung des Romans, wenn man das Werk so bezeichnen will, kommt doch gut zum Ausdruck.

Das Hörbuch umfasst eine CD mit einer Gesamtlaufzeit von 49 Minuten, ist im Christoph Merian Verlag unter der ISBN 978-3-85616-422-5 erschienen und kostet 12 Euro.

Frank Raudszus


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