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Auch ohne den Lebenslauf des Autors zu kennen, kann man
diesem Roman guten Gewissens die Kennzeichnung „autobiographisch“
zuordnen. Die Hauptperson ist etwa vom gleichen Jahrgang wie der Autor,
und der Lebenskontext – Orte, Erlebnisse – sind so gut getroffen, dass
man annehmen muss, der Autor habe sie so oder ähnlich selbst
erlebt. Das kommt einem Buch immer zugute, und wir nehmen an, dass der
Autor gegen diese autobiographische Einordnung nichts einzuwenden
hätte.
Der elfjährige Adriaan, Sohn eines Küsters, trifft eines
Tages auf seinem Weg zu Verwandten an der Fährstation einen ihm
nur vom Sehen bekannten Schulkameraden. Als er viel später als
geplant nach Hause zurückkehrt, hört er zufällig, dass
seine Eltern ihn für tot halten, weil man einen kleinen Jungen,
durch die Schraube eines auslaufenden Schiffes total verstümmelt,
aus dem Wasser gezogen hat. Zwar kann er den Irrtum zur Freude seiner
Eltern schnell aufklären, doch bei ihm bleibt ein tief
empfundenes, irrationales Schuldgefühl, da nun der andere für
ihn gestorben ist. Aus einem Impuls der Wiedergutmachung sucht er die
Freundschaft des Bruders des Opfers und erreicht dies auch trotz der
ängstlichen Distanz, die Anton anfangs wahrt. Adriaan gerät
dadurch in die Familie eines fundamentalistischen Zimmermanns, der die
christlichen Gedanken und Gesetze über Gnade und Verdammnis bis
zur Perversion streng auslegt. Er hat bisher alle Freunde seiner Kinder
mit seiner unnachgiebigen Art vertrieben, so dass diese auf die Familie
zurückgeworfen sind. Adriaan verbringt die letzten Schuljahre in
diesem Dunstkreis, und die Ansicht des Zimmermanns, die meisten
Menschen seien von Geburt an verdammt und nur wenige „à priori“
auserwählt, verstärkt Adriaans Schuldgefühl noch.
Mit Anton zusammen durchläuft er eine Lehre als Mechaniker,
beteiligt sich jedoch nicht an dessen frühen sexuellen Versuchen,
da er sich dazu nicht mehr berechtigt fühlt. Als er mehr durch
Zufall feststellt, dass Anton auf diesem Gebiet sämtliche
christlichen Gebote verletzt, bricht für ihn wiederum eine Welt
zusammen, und er kann sich Antons Verhalten nur als Reaktion auf den
von ihm, Adriaan, verursachten Tod des Bruders erklären.
Außerdem verlässt Antons Schwester, in die er als
Elfjähriger unsterblich verliebt war, die Familie und verschwindet
auf Nimmerwiedersehen.
Nach der Lehre arbeitet Adriaan in einer Fabrik und gerät auch
dort bald in die Rolle des Schuldigen. Man nimmt ihm seinen
Arbeitseifer übel und führt prompt den Arbeitsunfall eines
Kollegen auf seinen übertriebenen Fleiß zurück. Was
als bewusste Demütigung eines jungen Kollegen gemeint war,
sieht er als Beweis seiner angeborenen Schuld. Da kommt ihm die
Einberufung zum Militär gerade recht, und er meldet sich als
Wäscher zur Marine. Auf der Weltreise bis nach Südamerika
verweigert er die Teilnahme an den typischen Matrosenvergnügungen
in den Bordellen der besuchten Häfen und handelt sich damit sowohl
Unverständnis als auch Respekt ein. Dass ausgerechnet der
Oberbootsmann, demgegenüber er am Anfang sein Unverständnis
über dessen Liebe zu seinen Kanonen geäußert hat, sich
das Leben nimmt, führt er ebenfalls wieder auf seinen
unglückseligen Einfluss zurück.
Zurück in den Niederlanden muss er mit eigenen Augen erfahren,
dass Antons Schwester zur Prostituierten abgesunken ist und sich Antons
anderer Bruder deswegen das Leben genommen hat. Adriaan sieht für
sich keine sinnvolle Zukunft mehr und verbringt die Tage auf
langen Fahrradfahrten durch die Umgebung seiner Stadt. auf einer dieser
Fahrten trifft er dann zufällig einen anderen Radfahrer, der
seinem Leben wieder einen Sinn jenseits verschrobener christlicher
Vorstellungen über Schuld und Vergebung geben wird.
Die einzigen Menschen, die Adriaan wirkich einen Halt geben, sind sein
Großvater und der besagte Radfahrer, dessen Identität wir an
dieser Stelle zwecks Spannungserhalt nicht verraten wollen. Adriaans
Großvater „trägt das Herz auf dem rechten Fleck“, wie man so
schön sagt. Er ist zwar durchaus christlich gesinnt und kennt sich
in der Kirchengeschichte der Niederlande sehr gut aus, aber die
dauernden Querelen, die gegenseitigen Übertrumpfungen an
Rechtgläubigkeit und die ewigen, von allem anderem als Güte
und Verzeihung begleiteten Spaltungen selbst der kleinsten Gemeinden
sind ihm einfach zuwider. Er sieht das Leben aus einem pragmatischen,
diesseitigen Blickwinkel und versucht auch Adriaan in dieser Sicht zu
bestärken. Da dieser ihm jedoch seine Schuldgefühle nicht
offenbart, kann er sie ihm auch nicht ausreden. Der Großvater ist
der ruhende Pol in einer Welt verbohrter Geistlicher und Pharisäer
und bewahrt Adriaan vor früher Verzweiflung.
Der Autor hat mit diesem Roman ein kontrastreiches und eindringliches
Portrait der Niederlanden in den fünfziger Jahren des letzten
Jahrhunderts erstellt, das man so nie für möglich gehalten
hätte. Bigotterie und Frömmelei nehmen vor allem jungen
Menschen die Luft zum Leben und senken in sie den Samen nie
versiegender Schuld. Marten 't Hart hat in diesem Buch mit Sicherheit
eigene Jugenderlebnisse verarbeitet und sich von der Seele geschrieben.
Bis auf wenige Stellen, so eine von der eigentlichen Handlung
abgekoppelte Jagd jugendlicher Autofahrer auf den einsamen Rennradler,
folgt die Handlung einem in sich geschlossenen, nachvollziehbaren
Konzept, das am Ende sogar noch so etwas wie eine „Pointe des Lebens“
und einen versöhnlichen Ausklang bietet.
Sprecher Frank Arnold erweckt die Welt der niederländischen
Mittelschicht der fünfziger Jahre zu neuem Leben und
verleiht jeder Person durch entsprechende Stimmfärbung und Dynamik
ihren eigenen, unverwechselbaren Charakter. Besonders die
Befindlichkeit des elfjährigen Adriaan bringt er überzeugend
zum Ausdruck.
Das Hörbuch ist im Audiobuch-Verlag
unter
der ISBN 3-89964-148-5 erschienen, besteht aus sechs CDs
mit einer Gesamtlaufzeit von 447 Minuten und kostet 34,90 €.
Frank Raudszus
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