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Maarten 't Hart: „Die Jakobsleiter“


                                                                    
April 2010 Autobiographischer Roman über Jugend, Religion und Schuld

 

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CD-CoverAuch ohne den Lebenslauf des Autors zu kennen, kann man diesem Roman guten Gewissens die Kennzeichnung „autobiographisch“ zuordnen. Die Hauptperson ist etwa vom gleichen Jahrgang wie der Autor, und der Lebenskontext – Orte, Erlebnisse – sind so gut getroffen, dass man annehmen muss, der Autor habe sie so oder ähnlich selbst erlebt. Das kommt einem Buch immer zugute, und wir nehmen an, dass der Autor gegen diese autobiographische Einordnung nichts einzuwenden hätte.

Der elfjährige Adriaan, Sohn eines Küsters, trifft eines Tages auf seinem Weg zu Verwandten an der Fährstation einen ihm nur vom Sehen bekannten Schulkameraden. Als er viel später als geplant nach Hause zurückkehrt, hört er zufällig, dass seine Eltern ihn für tot halten, weil man einen kleinen Jungen, durch die Schraube eines auslaufenden Schiffes total verstümmelt, aus dem Wasser gezogen hat. Zwar kann er den Irrtum zur Freude seiner Eltern schnell aufklären, doch bei ihm bleibt ein tief empfundenes, irrationales Schuldgefühl, da nun der andere für ihn gestorben ist. Aus einem Impuls der Wiedergutmachung sucht er die Freundschaft des Bruders des Opfers und erreicht dies auch trotz der ängstlichen Distanz, die Anton anfangs wahrt. Adriaan gerät dadurch in die Familie eines fundamentalistischen Zimmermanns, der die christlichen Gedanken und Gesetze über Gnade und Verdammnis bis zur Perversion streng auslegt. Er hat bisher alle Freunde seiner Kinder mit seiner unnachgiebigen Art vertrieben, so dass diese auf die Familie zurückgeworfen sind. Adriaan verbringt die letzten Schuljahre in diesem Dunstkreis, und die Ansicht des Zimmermanns, die meisten Menschen seien von Geburt an verdammt und nur wenige „à priori“ auserwählt, verstärkt Adriaans Schuldgefühl noch.

Mit Anton zusammen durchläuft er eine Lehre als Mechaniker, beteiligt sich jedoch nicht an dessen frühen sexuellen Versuchen, da er sich dazu nicht mehr berechtigt fühlt. Als er mehr durch Zufall feststellt, dass Anton auf diesem Gebiet sämtliche christlichen Gebote verletzt, bricht für ihn wiederum eine Welt zusammen, und er kann sich Antons Verhalten nur als Reaktion auf den von ihm, Adriaan, verursachten Tod des Bruders erklären. Außerdem verlässt Antons Schwester, in die er als Elfjähriger unsterblich verliebt war, die Familie und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.

Nach der Lehre arbeitet Adriaan in einer Fabrik und gerät auch dort bald in die Rolle des Schuldigen. Man nimmt ihm seinen Arbeitseifer übel und führt prompt den Arbeitsunfall eines Kollegen auf seinen übertriebenen Fleiß zurück. Was als  bewusste Demütigung eines jungen Kollegen gemeint war, sieht er als Beweis seiner angeborenen Schuld. Da kommt ihm die Einberufung zum Militär gerade recht, und er meldet sich als Wäscher zur Marine. Auf der Weltreise bis nach Südamerika verweigert er die Teilnahme an den typischen Matrosenvergnügungen in den Bordellen der besuchten Häfen und handelt sich damit sowohl Unverständnis als auch Respekt ein. Dass ausgerechnet der Oberbootsmann, demgegenüber er am Anfang sein Unverständnis über dessen Liebe zu seinen Kanonen geäußert hat, sich das Leben nimmt, führt er ebenfalls wieder auf seinen unglückseligen Einfluss zurück.

Zurück in den Niederlanden muss er mit eigenen Augen erfahren, dass Antons Schwester zur Prostituierten abgesunken ist und sich Antons anderer Bruder deswegen das Leben genommen hat. Adriaan sieht für sich keine sinnvolle Zukunft mehr und verbringt  die Tage auf langen Fahrradfahrten durch die Umgebung seiner Stadt. auf einer dieser Fahrten trifft er dann zufällig einen anderen Radfahrer, der seinem Leben wieder einen Sinn jenseits verschrobener christlicher Vorstellungen über Schuld und Vergebung geben wird.

Die einzigen Menschen, die Adriaan wirkich einen Halt geben, sind sein Großvater und der besagte Radfahrer, dessen Identität wir an dieser Stelle zwecks Spannungserhalt nicht verraten wollen. Adriaans Großvater „trägt das Herz auf dem rechten Fleck“, wie man so schön sagt. Er ist zwar durchaus christlich gesinnt und kennt sich in der Kirchengeschichte der Niederlande sehr gut aus, aber die dauernden Querelen, die gegenseitigen Übertrumpfungen an Rechtgläubigkeit und die ewigen, von allem anderem als Güte und Verzeihung begleiteten Spaltungen selbst der kleinsten Gemeinden sind ihm einfach zuwider. Er sieht das Leben aus einem pragmatischen, diesseitigen Blickwinkel und versucht auch Adriaan in dieser Sicht zu bestärken. Da dieser ihm jedoch seine Schuldgefühle nicht offenbart, kann er sie ihm auch nicht ausreden. Der Großvater ist der ruhende Pol in einer Welt verbohrter Geistlicher und Pharisäer und bewahrt Adriaan vor früher Verzweiflung.

Der Autor hat mit diesem Roman ein kontrastreiches und eindringliches Portrait der Niederlanden in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts erstellt, das man so nie für möglich gehalten hätte. Bigotterie und Frömmelei nehmen vor allem jungen Menschen die Luft zum Leben und senken in sie den Samen nie versiegender Schuld. Marten 't Hart hat in diesem Buch mit Sicherheit eigene Jugenderlebnisse verarbeitet und sich von der Seele geschrieben. Bis auf wenige Stellen, so eine von der eigentlichen Handlung abgekoppelte Jagd jugendlicher Autofahrer auf den einsamen Rennradler, folgt die Handlung einem in sich geschlossenen, nachvollziehbaren Konzept, das am Ende sogar noch so etwas wie eine „Pointe des Lebens“ und einen versöhnlichen Ausklang bietet.

Sprecher Frank Arnold erweckt die Welt der niederländischen Mittelschicht der fünfziger Jahre  zu neuem Leben und verleiht jeder Person durch entsprechende Stimmfärbung und Dynamik ihren eigenen, unverwechselbaren Charakter. Besonders die Befindlichkeit des elfjährigen Adriaan bringt er überzeugend zum Ausdruck.

Das Hörbuch ist im Audiobuch-Verlag unter der ISBN 3-89964-148-5 erschienen,  besteht aus sechs CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 447 Minuten und kostet 34,90 €.

Frank Raudszus     


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