Hörbücher
Sjöwall/Wahlöö: " Die neuen Fälle - Kommissar Beck ermittelt"


                                                                    
Mai 2010 Drei Kriminalromane um Kommissar Martin Beck aus den siebziger Jahren

 

Als PDF-Datei



























Ihre Meinung über E-Mail hier


CD-CoverIn den siebziger und achtziger Jahren galten die Kriminalromane des Duos Maj Sjöwall und Per Wahlöö erst als Geheimtip und dann als Ikone dieser Literaturgattung. Die damals noch neue, kritische Orientierung an politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen weckte schnell das Interesse einer jungen Leserschaft und ließ die meist auf rein kriminelle Sujets und affirmative Darstellung von Opfern und Polizei - man denke nur an die "Edgar Wallace"-Romane mit Joachim Fuchsberger und ihre kitschigen "happy ends" - im wahrsten Sonne des Wortes alt aussehen. Bereits während der Blütezeit der Sjöwall/Wahlöö-Romane entstanden entsprechende Hörspiele, die damals vorrangig im Radio liefen, da Kassetten-Versionen zu umfangreich gewesen wären. Der Audio-Verlag hat drei dieser Romane jetzt wieder als CD-Sammlung unter dem Titel "Die neuen Fälle" herausgebracht.

Bei diesen Hörbüchern beeindruckt zuerst einmal die Ansammlung großer Namen unter den Sprechern. Charles Wirths, Horst Frank, Gert Haucke, Benno Sterzenbach, Hans-Helmut Dickow, Ernst Jacobi und Charles Brauer werden allerdings nur älteren Hörern bekannt sein. Der zweite Eindruck zeigt jedoch, dass mittlerweile gut 35 Jahre ins Land gegangen sind, in denen sich auch die Krimi-Zunft weiterentwickelt hat. Im Vergleich zu heutigen Krimis, etwa von Arne Dahl oder Stig Larsson, wirken sie geradezu harmlos und bescheiden. Brutalität und Grausamkeit - physisch wie psychisch - wurden damals ausgeblendet oder höchstens angedeutet. Eine Vergewaltigung wurde lediglich erwähnt, jedoch nicht im Detail dargestellt. Ähnliches galt für Morde. Die Opfer waren einfach tot und es ging darum, den Täter zu identifizieren. Heute - durchaus kein Fortschritt - glauben die Autoren Folter und Quälerei zwecks Aufbau und Erhaltung der Spannung detailliert beschreiben zu müssen, da die Leserschaft durch dreißig Jahre Medienentwicklung abgehärtet und abgestumpft ist. Auf der anderen Seite recherchieren heutige Krimiautoren auch die sachlichen und poitischen Hintergründe wesentlich genauer, während damals allein die Aufnahme eines aktuellen Themas schon zu reichen schien.

Schon der erste Krimi, "Der Polizistenmörder", irritiert, da der Titel eigentlich nicht dem Inhalt entspricht. In einer Kleinstadt an der Küste wird eine Frau umgebracht. Schnell geraten ein nach Verbüßung einer Freiheitsstrafe in der Nähe wohnender Sexualtäter sowie der Ex-Mann in Verdacht. Dem ersten traut man sowieso jede einschlägige Schandtat zu, und der zweite, ein ehemaliger Kapitän, ist Alkoholiker und konnte sich nie mit der Trennung von seiner Frau abfinden. Die Indizien gegen den Sexualtäter verdichten sich, so dass die Polizeiführung energisch entsprechende Maßnahmen fordert. Nur Martin Beck glaubt nicht an die Täterschaft, da die Tatumstände nicht eindeutig sind und er außerdem persönlich von der Unschuld des Verdächtigen überzeugt ist. Ähnliches gilt für den Ex-Ehemann. Hier findet man die typische, mittlerweile zum Klischee gefrorene Konstellation: aufrechter, vom (menschlichen) Instinkt getriebener Polizist gegen inkompetente, karrieregeile Vorgesetzte.

Mitten während dieser fast totgelaufene Ermittlung ereignet sich plötzlich an anderer Stelle eine Schießerei zwischen Polizisten und Kriminellen, wobei ein Polizist ums Leben kommt. Über das Auto der Kriminellen ergibt sich dann plötzlich eine Verbindung zu dem anderen Fall, wobei "Kommissar Zufall" in unglaublicher Weise zuschlägt, da die Kriminellen das Auto gestohlen und mit dem ersten Mord überhaupt nichts zu tun haben. Dass auch der Polizist nicht an Verbrecherkugeln gestorben ist, erweist sich nicht nur als Pointe, sondern ermöglicht dem Autorenduo die Reinwaschung des Kriminellen zum fehlgeleiten Jugendlichen und die Stigmatisierung der Polizisten als schießwütige Rambos. Die Autoren verzichten dabei auf eine eingehende Milieuschilderung und belassen es bei den publikumswirksamen Andeutungen. Der eigentliche Mörder wird dann sozusagen nebenher erwischt, aber das ist auch schon nicht mehr so wichtig.

Im zweiten Krimi, "Die Terroristen", kommt ein republikanischer US-Senator nach Schweden. Natürlich gehört er zu der üblen Sorte der texanischen Selbstjustizler mit ihren Rambo-Manieren und kommt als Reinkarnation des "american way of life", der gegen Ende des Vietnamkrieges weltweite Ächtung erfuhr, auch wenn er mal nichts mit dem Krieg im fernen Osten zu tun hatte. Martin Beck fürchtet eine Aktion einer weltweit agierenden Terrorgruppe, die aus ehemaligen Söldnern und Berufsterroristen besteht. Aufschlussreich ist dabei, dass er diese Gruppe keiner politischen Richtung zuordnet, sondern sie in einem nebulösen Raum zwischen internationalem Politterrorismus um seiner selbst willen und dunklen Geschäftemachern ansiedelt. Offensichtlich sind es keine politisch orientierten Terroristen, wohl, weil die Autoren gegen diese keine erfolgreiche Polizeiaktion inszenieren wollten. Man lässt seine geheimen Idole nicht durch Polizisten entlarven und vernichten, und geheime Idole waren die Linken in den Siebzigern - vor dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus - in den Intellektuellenkreisen der meisten westlichen Länder allemal. So kämpft Beck halt gegen eine von vornherein dubiose und einwandfrei verbrecherische Bande, wobei diese literatur-politisch den Nachteil aufweist, dass sie keine Entsprechung in der Wirklichkeit findet. Natürlich gelingt es Beck nicht nur, das Attentat zu verhindern oder besser zu "neutralisieren", sondern er und seine Leuten töten auch nahezu alle Tatbeteiligten, was bei der unpolitisch-despotischen Ausrichtung der Gruppe - wer genau hinter ihr steht, lassen die Autoren aus einer gewissen Verlegenheit offen - die politisch eher links angesiedelte Leserschaft nicht störte.

Das sind nur zwei Beispiele von insgesamt drei Hörspielen in dieser Sammlung. Natürlich fehlt es in diesen Kriminalhörspielen nicht an einer gewissen Spannung, doch die geschilderten Schwächen mindern am Ende den Erkenntniswert auf die rasche Entwicklung dieser Literaturgattung. Und so, wie die Krimis der sechziger Jahren nur Affirmation mit den bestehenden Verhältnissen lieferte - gute Polizisten, gute Opfer, Bösewichter als Täter -, haben die Autoren Sjöwall und Wahlöö rückblickend die Realität in ganz ähnlicher Weise an ihre Weltsicht angepasst.

Das ist im Audio-Verlag unter der ISBN 978-3-89813-952-6 erschienen, besteht aus sechs CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 321 Minuten und kostet 19,99 €.

Frank Raudszus     


Übersicht

Gästebuch

Home

Hier bestellen bei AMAZON