Hörbücher
Michael Sontheimer: "Natürlich kann geschossen werden"


                                                                    
Mai 2010 Eine kurze Geschichte der Roten Armee Fraktion (RAF)

 

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CD-CoverDie "Rote Armee Fraktion", kurz RAF, beherrschte in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Schlagzeilen der Medien und die weltanschauliche Einstellung von Politikern und Bürgern. Als in den neunziger Jahren die Wiedervereinigung und später der 11. September 2001 - "nine eleven" - die öffentliche Meinung dominierte, wurde es still um die Terrorgruppe der siebziger Jahre, und Nachgeborene wussten oftmals mit dem Begriff "RAF" nichts mehr anzufangen. Erst die Diskussionen um die vorzeitige Entlassung der zu lebenslänglichen Freiheitsstrafen verurteilten RAF-Mitglieder - unter ihnen Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar -  rückten diese Gruppe wieder in den Vordergrund und führten über Umwege zu neuen Verfahren gegen alte Bekannte. Michael Sontheimer hat sich die Mühe gemacht, die Geschichte der RAF sowie ihres politischen und gesellschaftlichen Umfeldes aufzuarbeiten und hat im Frühjahr 2010 ein Buch mit dem oben genannten Titel herausgebracht. Nahezu zeitgleich hat der Audio-Verlag das entsprechende Hörbuch herausgebracht.

Sontheimer geht sein Thema chronologsich und mit großer Sachlichkeit an. Ihm geht es in erster Linie um die genaue Schilderung der Ereignisse, soweit sie überhaupt bekannt sind. Wer sich mit dem Thema beschäftigt hat, weiß, dass alle Inhaftierten zu den Morden der siebziger und achtziger Jahre eisern schweigen, und dass die Morde der dritten RAF-Generation Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre - Herrhausen, Zimmermann, Rohwedder - nie aufgeklärt wurden. Sontheimer stößt in diesen Fällen auf natürliche Grenzen, achtet diese aber insoweit, als er auf jegliche Spekulation verzichtet, die über die Verdachtsmomente der Ermittlungsbehörden hinausgeht.

Die erste Generation der RAF bestand aus den mittlerweile zu Ikonen gewordenen Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin nebst einigen anderen Mitgliedern. Aus dieser frühen Konstellation entstand der Begriff "Baader-Meinhof-Bande", obwohl Andreas Baader eigentlich mit Gudrum Ensslin liiert und die Beziehung zu Ulrike Meinhof stets problematisch war. Die Geschichte der RAF begann nach dem "Startschuss"-Ereignis des Todes von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 während der Berliner Studenten-Demonstrationen gegen den Besuch des Schahs von Persien. Für die Brandanschläge auf ein Frankfurter Kaufhaus ging Andreas Baader ins Gefängnis, wurde aber in einer spektakulären Aktion durch Gudrun Ensslin und die damals noch als reguläre Journalistin arbeitende Ulrike Meinhof befreit. Nach weiteren Banküberfällen und Morden wurde die gesamte Gruppe verhaftet und schließlich 1976 in Stuttgart-Stammheim zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Aus der Haft organisierte die Gruppe nicht zuletzt mit der Hilfe ihrer Anwälte - Croissant, Schily, Ströbele - den weiteren Widerstand und den Aufbau der zweiten RAF-Generation. Diese bestand unter anderem aus Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar und war für den Mord an Bundesanwalt Siegfried Buback im April 1977 verantwortlich. Die genauen Tatbeteiligten sind bis heute nicht mit Sicherheit identifiziert worden, da alle RAF-Mitglieder die Aussage zur Sache verweigern. Als im selben Jahr die versuchte Entführung von Jürgen Ponto, dem Vorstandssprecher der Dresdner Bank, mit dessen Ermordung endete und damit die Freipressung der in Stammheim Inhaftierten scheiterte, entführte die RAF auf Druck der Stammheim-Insassen schließlich im September 1977 den Arbeitgeberpräsidenten Martin Schleyer und forderte die Freilassung der Inhaftierten. Als Bundeskanzler Schmidt dies ablehnte, entführte eine verbündete Palästinensergruppe ein Lufthansaflugzeug bis nach Mogadischu, wo die GSG 9 des Bundesgrenzschutzes die Insassen befreite und die Terroristen tötete. Als sich daraufhin die inhaftierten RAF-Mitglieder in Stammheim das Leben nahmen, wobei sie die Selbstmorde als Morde inszenierten, war die Geschichte der ersten RAF-Generation abgeschlossen. Die zweite Generation lebte nur wenige Jahre länger in Freiheit und saß ab Anfang der achtziger Jahre weitgehend im Gefängnis. Während die zweite Generation sich weniger mit politischen Aktionen als vielmehr mit dem Selbstzweck der Befreiung der ersten Generation beschäftigt hatte - hieran erkennt man auch deren im Grunde unpolitische Egozentrik  -, unternahm die eher schemenhafte dritte Generation erst gar keine Entführungs- und Freipressungsversuche, sondern tötete lediglich fast wahllos führende Vertreter von Politik und Wirtschaft. Bis heute sind die Mitglieder dieser epigonalen Truppe nur vage bekannt, wobei Zuordnungen zu einzelnen Taten kaum möglich sind und auch kaum Fahndungserfolge erzielt wurden.

Sontheimer beschreibt die hier in Kurzform beschriebenen Ereignisse in ihrer Entstehung und allen Details, soweit sie bekannt sind, bis hin zu Diskussionen innerhalb der RAF oder der Ermittlungsbehörden. Sontheimer vermeidet dabei jegliche politische Stellungnahme zu den Motiven der RAF und der Politiker, legt jedoch Widersprüche, Fehler und bedenkliche Entwicklungen konsequent offen. Genauso, wie er die zunehmende politische Unglaubwürdigkeit der RAF aufdeckt, zeigt er auch die Einschränkungen, die der demokratische Rechtsstaat verfügen zu müssen glaubte, bis hin zu der bis heute nicht geklärten Frage, ob die Behörden von den geheimen Kommunikationsmechanismen und Waffen der Stammheim-Gefangenen wussten und ihre wenig verschlüsselten Selbstmorddrohungen billigend in Kauf nahmen. Ohne Zweifel war der Tod der Inhaftierten die beste Lösung für die Politik, musste man doch jetzt keine Freipressungen mehr befürchten.

Sontheimer geht auch auf die eigentümliche, geradezu starre Kompromisslosigkeit und Konsequenz der RAF ein. Obwohl bereits früh geschlagen und ohne den Hauch einer Chance, den Massen revolutionären Furor einzuhauchen, machten sie weiter und ähnelten darin ihren Vätern, gegen die sie doch die Revolte gestartet hatten. Auch diese setzten den Zweiten Weltkrieg trotz der Aussichtslosigkeit nach Stalingrad bis zum bitteren Ende fort. Und noch in einem anderen Aspekt glichen sie der Vätergeneration: wie die Eltern eisern über die Zeit des Dritten Reichs geschwiegen und die Greuel verdrängt haben, schweigt auch die RAF über die eigene Vergangenheit, anstatt sie aufzuarbeiten. Die Leidtragenden sind in erster Linie die Angehörigen der Opfer, von denen man sowieso bald nicht mehr sprach, da sie nie letzte Klarheit über die Details und die Schuldigen erhhalten werden. In diesem Zusammenhang kommt Sontheimer auch auf die späten Ermittlungsaktivitäten von Michael Buback, dem Sohn des ermordeten Bundesanwalts, zu sprechen und führt die von Buback aufgedeckten Widersprüche der offiziellen Ermittlungsergebnisse auf.

Als Sprecher fungiert der Schauspieler Bernt Hahn. Er trägt den Text ohne jedes Tremolo oder persönliche Empörung vor und bleibt dem sachlichen Stil des Autors treu. Diese Geschichte der RAF benötigt keine nachträgliche Entrüstung, sie spricht für sich. 

Das Hörbuch ist im Audio-Verlag unter der ISBN 978-3-89813-954-0 erschienen, besteht aus drei CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 233 Minuten und kostet 19,99 €.

Frank Raudszus     


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