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Gabriel García Marquez:"Chronik eines angekündigten Todes" |
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Die akribische Nacherzählung eines
fast zwangsläufigen Verbechens in einer feudalistischen Umgebung |
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In
dem vorliegenden Roman geht es um den jungen und attraktiven Santiago,
der aus einer der führenden Familien des Ortes stammt und auch ein
entsprechendes Leben führt. Schon im ersten Kapitel erfährt
man, dass es für die jungen Männer der Oberschicht
üblich ist, die hübschen Küchen- und Zimmermädchen
zu verführen, ohne im Traum an eine ernsthafte Bindung zu denken.
Santiago ist bereits von seinem Vater und mit seiner Zustimmung an eine
standesgemäße Frau vergeben worden, aber mit der Hochzeit
hat es noch Zeit. So genießt er sein Leben mit vollen Zügen,
bis er eines frühen Morgens nach einer großen Hochzeitsfeier
vor der Tür seines Hauses ermordet wird. Marquez
baut den Roman aus der Rückschau auf. In den ersten Sätzen
erfährt der Zuhörer, dass Santiago ermordet wurde, und bald
werden auch ohne größere Umschweife die Täter genannt.
Es geht hier also nicht um eine Kriminalgeschichte, bei der die
Täter ermittelt werden müssen, sondern um die detaillierte
Beschreibung und Herleitung des Verbrechens. Nach der einleitenden
Beschreibung des häuslichen Lebens in Santiagos Elternhaus werden
nacheinander die anderen Personen vorgestellt. Da ist die etwas
schlichte Victoria aus einer kinderreichen und bescheidenen aber
stolzen Familie, und da ist der fremde Mann, der eines Tages aus
unerfindlichen Gründen in dieses kleine, verlassene Dorf gekommen
ist. Man erkennt aus seinem Verhalten schnell seine Herkunft aus einer
guten Familie, kann ihn jedoch nicht recht einschätzen.
Ausgerechnet dieser Mann beschließt irgendwann und aus heiterem
Himmel, die einfache Victoria zu heiraten, und die Familie stimmt
schließlich zu. Victoria hat auch zwei Brüder, die beide in
der Metzgerei arbeiten und als gutmütig und harmlos gelten.
Ausgerechnet diese beiden sollen Santiago umgebracht haben. Doch wieso? Marquez
spinnt den Faden konsequent in mehreren Zeitebenen fort. Einerseits
beschreibt er minutiös, wie in einem Polizeiprotokoll die letzten
Stunden und Minuten von Santiago, andererseits schildert er das Unheil,
das sich langsam angebahnt hat und in der Nacht der Hochzeit
plötzlich ausbricht. Denn es handelt sich ausgerechnet um die
Hochzeit zwischen dem Fremden und Victoria, die zu einem opulenten Fest
für den ganzen Ort wird, da die Familie des Bräutigams -
dessen Vater ist ein bekannter und gefürchteter General - sich
nicht lumpen lässt. Der Bräutigam hat sogar einem Witwer sein
Landhaus für einen Betrag abgekauft, dem dieser nicht widerstehen
konnte, obwohl das Haus voller Erinnerungen an seine verstorbene Frau
war. Und in eben dieses Landhaus zieht sich das junge Brautpaar
zurück, als sich das Hochzeitsfest dem Höhepunkt nähert.
Doch kurz danach steht der Bräutigam mit der derangierten Braut
vor der Tür des elterlichen Hauses und gibt sie der Mutter
zurück, da sie keine Jungfrau mehr war. Die
Schande ist offenbar, sowohl für den "gehörnten"
Bräutigam" als auch für die Familie der Braut. Man presst ihr
den Namen des Übeltäters ab, und in der Not nennt sie
Santiago. Niemand wird je wissen, ob das stimmt, doch Kenner der
Verhältnisse bezweifeln es stark, da sich Santiago nie für
das einfache Mädchen interessiert hat - er konnte ganz andere
erobern - und auch bis zur letzten Minute seines Lebens keinen Argwohn
hegte. Selbst als man ihn vor den beiden als gutmütig bekannten
Brüdern der "Geschändeten" warnte, lachte er nur in
unschuldiger Naivität. Doch
die Mühlen des lateinamerikanischen Stolzes mahlen zwar langsam,
aber unerbittlich. Die von der Familie zur Rache ausgesandten
Brüder verkünden ihre Absicht mehrere Male offen in der
stillen Hoffnung, durch Mitbürger oder höhere Stellen an der
Durchführung ihres geplanten Mordes gehindert zu werden. Doch
Ungläubgkeit, Vergesslichkeit, Leichtsinn und Zufall führen
dazu, dass bis kurz vor der Tat weder irgendjemand den Betroffenen
ernsthaft warnt noch die potentiellen Täter festsetzt. Da das
Gesetz des Stolzes von diesen die Durchführung der Tat unbedingt
verlangt, beugen sie sich ihm und erledigen ihre Aufgabe fast schon in
widerwilliger Trance. Marquez
beschreibt den Hergang der Ereignisse mit einer geradezu tödlichen
Genauigkeit und Zwanghaftigkeit. Trotz aller Möglichkeiten der
Rettung nimmt das Schicksal unvermeidlich seinen Lauf. Diese
unausweichliche Konsequenz steht bei Marquez als Zeichen für eine
völlig versteinerte Gesellschafts- und Moralstruktur, die sich
über Jahrhunderte nicht geändert hat und sich voraussichtlich
auch in kurzer Zeit nicht ändern wird. Sowohl bei potentiellen
Opfern wie Tätern gelten eiserne Gesetze, denen man sich beugt,
auch wenn man sie nicht versteht. So bringt man am Ende jemanden aus
abstrakten Gründen - Jungfräulichkeit, Ehre, Schande - um,
obwohl man ihn gut kennt und persönlich nichts gegen ihn hat. Die
beiden Brüder können die Begriffe der Schande und der Ehre
intellektuell und moralisch nicht erfassen, sie führen nur den
Auftrag aus, den ihnen ihre Familie und deren Ehre übertragen
haben. Daher stellen sie sich auch unmittelbar nach der Tat den
Behörden, denn die Tat erfolgte nicht im Affekt sondern im vollen
Bewusstsein ihrer rechtlichen Unmöglichkeit. Marquez
berichtet auch von dem Prozess gegen die beiden, in dem sie wegen
Totschlags aus Ehrgründen zu wenige Jahren Gefängnis
verurteilt wurden. Anschließend ging für sie das Leben fast
normal weiter. Auch für das Gericht war dies offensichtlich ein
alltäglicher Vorgang, obwohl der Richter alles versucht hat, um
die Hintergründe der Tat aufzuklären. Doch Victoria blieb
hartnäckig bei ihrer Festlegung auf Santiago, und allgemein nimmt
man an, dass sie einen anderen Mann schützt, aus welchen
Gründen auch immer. Was der Autor nicht sagt, steht zwischen den
Zeilen. Die Braut war - wie in diesen Ländern üblich -
während ihrer gesamten Jungmädchenzeit ständig unter der
Kontrolle von Mutter und Schwestern, und Männer durften sich ihr
nur in deren Beisein nähern - außer dem Pfarrer. Da dieser
an einigen Stellen nicht gut wegkommt, kann sich jeder Hörer
seinen eigenen Reim auf die Geschichte machen. Die Tatsache, dass
niemand dem Mädchen eine Verführung durch einen Geistlichen
glauben würde und alle sie einer abenteuerlichen Verleumdung
bezichtigen würden, fügt einen weiteren Mosaikstein zu diesem
Bild hinzu. Doch wie gesagt, Marquez erwähnt diese
Möglichkeit nicht explizit sondern lässt sie nur aus den
Umständen implizit zu. Vielleicht wäre zur Zeit der
Niederschrift dieses Buches - 1981 - ein solcher Verdacht - wenn auch
nur in einem Roman - in einem südamerikanischen Land wie Kolumbien
für den Autor zu gefährlich geworden. Der
bekannte Schauspieler Hanns Zischler liest den Roman mit
ausgeprägter Eindringlichkeit und einem Gespür für die
gesellschaftlich bedingte Unausweichlichkeit des Geschehens. Seine
Stimme versetzt den Zuhörer tatsächlich auf den sengend
heißen Marktplatz eines kleinen südamerikanischen Dorfes mit
seinen schwarz gekleideten Frauen, den auf und ab stolzierenden
Granden, der unterwürfigen Landbevölkerung, ehrversessenen
Väter nund Müttern sowie einem bigotten Pfarrer. Das
Hörbuch
ist im Audio-Verlag
unter
der
ISBN 978-3-89813-847-5 erschienen, besteht aus drei CDs
mit einer Gesamtlaufzeit von 181 Minuten und kostet 12,99 €. |
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