Hörbücher  
Gabriel García Marquez:"Chronik eines angekündigten Todes"

 

                                                                    
August 2010 Die akribische Nacherzählung eines fast zwangsläufigen Verbechens in einer feudalistischen Umgebung

 

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CD-CoverGabriel García Marquez ist bekannt für seine sozialkritischen Romane, die immer wieder die feudalistische Struktur der lateinamerikansichen Gesellschaften thematisieren. Dabei greift er die Zustände nicht in der Art eines direkten politischen Protests an, sondern bettet seine Kritik in eine spannende Erzählung an, die den Leser sowohl mental als auch moralisch fesseln und zu einer Stellungnahme bewegen soll.

In dem vorliegenden Roman geht es um den jungen und attraktiven Santiago, der aus einer der führenden Familien des Ortes stammt und auch ein entsprechendes Leben führt. Schon im ersten Kapitel erfährt man, dass es für die jungen Männer der Oberschicht üblich ist, die hübschen Küchen- und Zimmermädchen zu verführen, ohne im Traum an eine ernsthafte Bindung zu denken. Santiago ist bereits von seinem Vater und mit seiner Zustimmung an eine standesgemäße Frau vergeben worden, aber mit der Hochzeit hat es noch Zeit. So genießt er sein Leben mit vollen Zügen, bis er eines frühen Morgens nach einer großen Hochzeitsfeier vor der Tür seines Hauses ermordet wird.

Marquez baut den Roman aus der Rückschau auf. In den ersten Sätzen erfährt der Zuhörer, dass Santiago ermordet wurde, und bald werden auch ohne größere Umschweife die Täter genannt. Es geht hier also nicht um eine Kriminalgeschichte, bei der die Täter ermittelt werden müssen, sondern um die detaillierte Beschreibung und Herleitung des Verbrechens. Nach der einleitenden Beschreibung des häuslichen Lebens in Santiagos Elternhaus werden nacheinander die anderen Personen vorgestellt. Da ist die etwas schlichte Victoria aus einer kinderreichen und bescheidenen aber stolzen Familie, und da ist der fremde Mann, der eines Tages aus unerfindlichen Gründen in dieses kleine, verlassene Dorf gekommen ist. Man erkennt aus seinem Verhalten schnell seine Herkunft aus einer guten Familie, kann ihn jedoch nicht recht einschätzen. Ausgerechnet dieser Mann beschließt irgendwann und aus heiterem Himmel, die einfache Victoria zu heiraten, und die Familie stimmt schließlich zu. Victoria hat auch zwei Brüder, die beide in der Metzgerei arbeiten und als gutmütig und harmlos gelten. Ausgerechnet diese beiden sollen Santiago umgebracht haben. Doch wieso?

Marquez spinnt den Faden konsequent in mehreren Zeitebenen fort. Einerseits beschreibt er minutiös, wie in einem Polizeiprotokoll die letzten Stunden und Minuten von Santiago, andererseits schildert er das Unheil, das sich langsam angebahnt hat und in der Nacht der Hochzeit plötzlich ausbricht. Denn es handelt sich ausgerechnet um die Hochzeit zwischen dem Fremden und Victoria, die zu einem opulenten Fest für den ganzen Ort wird, da die Familie des Bräutigams - dessen Vater ist ein bekannter und gefürchteter General - sich nicht lumpen lässt. Der Bräutigam hat sogar einem Witwer sein Landhaus für einen Betrag abgekauft, dem dieser nicht widerstehen konnte, obwohl das Haus voller Erinnerungen an seine verstorbene Frau war. Und in eben dieses Landhaus zieht sich das junge Brautpaar zurück, als sich das Hochzeitsfest dem Höhepunkt nähert. Doch kurz danach steht der Bräutigam mit der derangierten Braut vor der Tür des elterlichen Hauses und gibt sie der Mutter zurück, da sie keine Jungfrau mehr war.

Die Schande ist offenbar, sowohl für den "gehörnten" Bräutigam" als auch für die Familie der Braut. Man presst ihr den Namen des Übeltäters ab, und in der Not nennt sie Santiago. Niemand wird je wissen, ob das stimmt, doch Kenner der Verhältnisse bezweifeln es stark, da sich Santiago nie für das einfache Mädchen interessiert hat - er konnte ganz andere erobern - und auch bis zur letzten Minute seines Lebens keinen Argwohn hegte. Selbst als man ihn vor den beiden als gutmütig bekannten Brüdern der "Geschändeten" warnte, lachte er nur in unschuldiger Naivität.

Doch die Mühlen des lateinamerikanischen Stolzes mahlen zwar langsam, aber unerbittlich. Die von der Familie zur Rache ausgesandten Brüder verkünden ihre Absicht mehrere Male offen in der stillen Hoffnung, durch Mitbürger oder höhere Stellen an der Durchführung ihres geplanten Mordes gehindert zu werden. Doch Ungläubgkeit, Vergesslichkeit, Leichtsinn und Zufall führen dazu, dass bis kurz vor der Tat weder irgendjemand den Betroffenen ernsthaft warnt noch die potentiellen Täter festsetzt. Da das Gesetz des Stolzes von diesen die Durchführung der Tat unbedingt verlangt, beugen sie sich ihm und erledigen ihre Aufgabe fast schon in widerwilliger Trance.

Marquez beschreibt den Hergang der Ereignisse mit einer geradezu tödlichen Genauigkeit und Zwanghaftigkeit. Trotz aller Möglichkeiten der Rettung nimmt das Schicksal unvermeidlich seinen Lauf. Diese unausweichliche Konsequenz steht bei Marquez als Zeichen für eine völlig versteinerte Gesellschafts- und Moralstruktur, die sich über Jahrhunderte nicht geändert hat und sich voraussichtlich auch in kurzer Zeit nicht ändern wird. Sowohl bei potentiellen Opfern wie Tätern gelten eiserne Gesetze, denen man sich beugt, auch wenn man sie nicht versteht. So bringt man am Ende jemanden aus abstrakten Gründen - Jungfräulichkeit, Ehre, Schande - um, obwohl man ihn gut kennt und persönlich nichts gegen ihn hat. Die beiden Brüder können die Begriffe der Schande und der Ehre intellektuell und moralisch nicht erfassen, sie führen nur den Auftrag aus, den ihnen ihre Familie und deren Ehre übertragen haben. Daher stellen sie sich auch unmittelbar nach der Tat den Behörden, denn die Tat erfolgte nicht im Affekt sondern im vollen Bewusstsein ihrer rechtlichen Unmöglichkeit.

Marquez berichtet auch von dem Prozess gegen die beiden, in dem sie wegen Totschlags aus Ehrgründen zu wenige  Jahren Gefängnis verurteilt wurden. Anschließend ging für sie das Leben fast normal weiter. Auch für das Gericht war dies offensichtlich ein alltäglicher Vorgang, obwohl der Richter alles versucht hat, um die Hintergründe der Tat aufzuklären. Doch Victoria blieb hartnäckig bei ihrer Festlegung auf Santiago, und allgemein nimmt man an, dass sie einen anderen Mann schützt, aus welchen Gründen auch immer. Was der Autor nicht sagt, steht zwischen den Zeilen. Die Braut war - wie in diesen Ländern üblich - während ihrer gesamten Jungmädchenzeit ständig unter der Kontrolle von Mutter und Schwestern, und Männer durften sich ihr nur in deren Beisein nähern - außer dem Pfarrer. Da dieser an einigen Stellen nicht gut wegkommt, kann sich jeder Hörer seinen eigenen Reim auf die Geschichte machen. Die Tatsache, dass niemand dem Mädchen eine Verführung durch einen Geistlichen glauben würde und alle sie einer abenteuerlichen Verleumdung bezichtigen würden, fügt einen weiteren Mosaikstein zu diesem Bild hinzu. Doch wie gesagt, Marquez erwähnt diese Möglichkeit nicht explizit sondern lässt sie nur aus den Umständen implizit zu. Vielleicht wäre zur Zeit der Niederschrift dieses Buches - 1981 - ein solcher Verdacht - wenn auch nur in einem Roman - in einem südamerikanischen Land wie Kolumbien für den Autor zu gefährlich geworden.

Der bekannte Schauspieler Hanns Zischler liest den Roman mit ausgeprägter Eindringlichkeit und einem Gespür für die gesellschaftlich bedingte Unausweichlichkeit des Geschehens. Seine Stimme versetzt den Zuhörer tatsächlich auf den sengend heißen Marktplatz eines kleinen südamerikanischen Dorfes mit seinen schwarz gekleideten Frauen, den auf und ab stolzierenden Granden, der unterwürfigen Landbevölkerung, ehrversessenen Väter nund Müttern sowie einem bigotten Pfarrer.

Das Hörbuch ist im Audio-Verlag unter der ISBN 978-3-89813-847-5 erschienen, besteht aus drei CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 181 Minuten und kostet 12,99 €.

Frank Raudszus     


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