Hörbücher  
Philip Sington: "Das Einstein-Mädchen"

 
                                                                    
Dezember 2010 Ein historischer Kriminalroman mit einer kritischen Sicht des großen Physikers

 

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CD-CoverAlbert Einstein, Vater der Relativitätstheorie und offiziell "größter Physiker aller Zeiten", gilt nicht zuletzt wegen seiner - später - kritischen Einstellung zur Atombombe und wegen seiner pazifistischen Einstellung als leuchtendes Beispiel eines Wissenschaftlers und Menschen des 20. Jahrhunderts. Bei der Eindordnung seiner Person stand stets die wissenschaftliche und politische Seite im Vordergrund. Private Daten nahmen meist einen sekundären bis unwichtigen Platz ein. Der vorliegende Roman zeigt eine ganz andere Seite des großen Wissenschaftlers, die eher von Rücksichtslosigkeit, Gleichgültigkeit und Egoismus in menschlichen Angelegenheiten geprägt ist. Dabei nimmt der Roman historisch belegte Tatsachen auf und setzt sie in einer durchaus nicht unwahrscheinlichen Art und Weise zu einer neuen, wenn auch fiktiven Realität wieder zusammen.

Im Herbst des Jahres 1932 wird im Wald nahe der kleinen brandenburgischen Stadt Caputh eine bewusstlose junge Frau mit Verletzungen, Erfrierungen und stark mitgenommener Kleidung gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Statt eines Ausweises trägt sie die Einladung zu einem Vortrag von Albert Einstein bei sich. Da sie der Polizei wegen einer offensichtlichen Amnesie weder über ihre Identität noch über die Geschehnisse etwas sagen kann, liefert man sie in die psychiatrische Abteilung der Charité ein, wo der Psychiater Dr. Martin Hirsch sie als Patientin aufnimmt. Er steht den derzeit gültigen Auffassungen und Therapien seiner Zunft kritisch gegenüber und vermutet hinter dem Gedächtnisverlust seiner Patientin einen psychischen Schock statt einer angeborenen psychischen Erkrankung. Aus wissenschaftlichem Interesse und einer gewissen Neigung zu der jungen Frau - er hat sie vorher schon einmal auf einer Tanzveranstaltung kurz kennengelernt - untersucht er den Fall mit geradezu kriminalistischen Methoden und trägt langsam aber stetig die Mosaiksteinchen ihrer Identität zusammen.

Der Akzent der unbekannten Schönen verweist auf den Balkan, und Hirschs Kurzbekanntschaft mit ihr führt ihn auch zu ihrer Wohnung, zu der er sich mit halblegalen Mitteln Zutritt verschafft. Als er bei der Wohnungsdurchsuchung ein Heft mit anspruchsvollen mathematischen Formeln findet, schließt er aus der Vortragseinladung und dem Fundort der Frau nahe Einsteins Sommerhaus darauf, dass sie den berühmten Physiker besuchen wollte. In der Wohnung hat er außerdem noch einen Brief von Einsteins erster Frau Mileva gefunden, die ebenfalls aus Jugoslawien stammt. Bald fügen sich die einzelnen Teile des Puzzles zu einem vagen Bild zusammen, aus dem Hirsch den Schluss zieht, die junge Frau könnte eine uneheliche Tochter von Einstein und Mileva sein und hier ihren Vater gesucht haben.

Parallel dazu wird kapitelweise eine Autobiografie der jungen Frau eingeschoben, die aber nur der Leser bzw. Zuhörer kennt und die physisch den anderen Beteiligten nicht zugänglich ist. In dieser Beschreibung einer Jugend in Jugoslawien erkennt zwar die junge Frau nicht die wahren Zusammenhänge, aber der Zuhörer merkt schnell, dass ihre jugoslawische Familie sie nur adoptiert hat und dass die fremde, dunkelhaarige Frau, die von Zeit zu Zeit zu Besuch kommt, Mileva Maric alias Einstein und ihre Mutter ist.

Hirschs Nachforschungen werden von mehreren Stellen behindert. Da ist einmal die offizielle Psychiatrie, die seine Theorie eines psychischen Schocks ablehnt und ihn zwingt, die Untersuchungen versteckt durchzuführen; da ist andererseits die Presse, die eine spannende Geschichte oder gar einen Skandal hinter dem Schicksal der jungen Frau vermutet und Hirsch mit allen Mitteln ausspioniert; da ist auch ein weiterer Akteur im Hintergrund, der die Wahrheit über die junge Frau nicht ans Tageslicht lassen will, und der Hörer merkt bald, dass dieser Unbekannte niemand anderer als Einstein selbst ist. Über allem hängt Ende 1932, Anfang 1933 wie ein Damoklesschwert die politische Situation in Deutschland, die sich rapide verschlechtert und auf die Machtergreifung durch die Nazis zuläuft. Unter dem Schutz ihres Aufstiegs entwickeln sich auch in der Psychiatrie mehr und mehr Tendenzen, die in den Patienten der Psychiatrie letztlich nur "unwertes Leben" sehen und die zunehmend Druck auf die medizinsichen Institutionen ausüben.

Als Hirsch Vermutung enger Zusammenhänge zwischen der jungen Frau, Mileva Maric und Albert Einstein sich verdichten, reist er in die Schweiz, wo Mileva Maric an der Universität lehrt und wo ihr und Einsteins gemeinsamer Sohn Eduard - auch dies historisch belegt - wegen psychischer Labilität in einer Klinik lebt. Bei seinen Befragungen der Akteure stößt er auf eine Mauer des Schweigens bzw. einer  offensichtlich vorgetäuschten Unwissenheit. Mileva gibt nur zu, was offensichtlich ist, und bagatelisiert alle weiteren Fragen; Eduard flüchtet sich in geheimnisvolle Andeutungen und eine - ebenso vorgetäuschte - mentale Labilität, die seine Aussagen von vornherein fragwürdig werden lassen sollen. Als Hirsch nach Berlin zurückkehrt, haben die Nazis die Macht übernommen und lassen ihre neue Macht auch sofort die Charité spüren. Hirsch verhilft der jungen Frau zur Flucht und kündigt selbst, da er keine Chance mehr sieht, seinen Beruf gemäß den Standesregeln und seinem Gewissen auszuführen. Der "Showdown", der eigentlich keiner ist und nur einen Schlusspunkt setzen soll, findet dann in Jugoslawien statt.

Parallel zu diesen Handlungssträngen läuft noch ein weiterer Erzählstrang, der Hirschs anstehende Hochzeit mit einer Industriellentochter zum Gegenstand hat. Doch er hat sich im Weltkrieg als Feldchirurg bei den Soldaten mit der Syphilis angesteckt und muss sich jetzt von seinem ehemaligen Vorgesetzten die Diagnose des Endstadiums dieser Krankheit stellen lassen. Auch diese Erkenntnis bewegt ihn letztlich zu seiner Kündigung und der Reise nach Jugoslawien, wo er die junge Frau noch einmal zu treffen hofft. Dort aber trifft er unerwarteterweise auf ihren Vater....

Philip Sington hat mit diesem Roman auf spannende Weise die Entwicklung der Psychiatrie mit der Person Albert EInstein und dem politischen Umbruch in Deutschland verbunden. Dabei hat er umfangreiche Recherchen angestellt und auf jegliche spaktakulären Thriller-Methoden verzichtet. Schießereien und Verfolgungsjagden wären allerdings bei diesem Thema auch fehl am Platze. Die einzige Schwäche dieses informativen und investigativen Buches ist die Vielzahl der Themen und Handlungsstränge. Zu Beginn fragt man sich, ob es um unerlaubte Menschenveruche, dann, ob um den Aufstieg der Nazis und den Widerstand gegen sie geht. Schließlich erwartet man einen Wissenschaftskrimi, der auf die Relativitätstheorie und ihre Entstehungsgeschichte eingeht. Tatsächlich spielt von jedem Thema ein bisschen hinein, und das führt dazu, dass die einzelnen Themen nur angerissen und dann liegengelassen werden. Man hätte sich gerne zu jedem Thema mehr Handlunsgelemente und eine stringentere dramatische Entwicklung gewünscht, doch dann wäre der Roman wahrscheinlich dreimal so lang und letztlich langatmig geworden. So muss man sich am Schluss damit begnügen, mehr über die private Seite Albert Einsteins und deren dunkle Aspekte zu erfahren und ein wenig über die Psychiatrie gelernt zu haben. Neben der unterhaltenden Wirkung des Romans ist das schließlich auch etwas.

Das Hörbuch ist im Audio-Verlag unter der ISBN 978-3-89813-948-9 erschienen, besteht aus sechs CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 458 Minuten und kostet 24,99 €.

Frank Raudszus     


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