Antonio Tabucchi: "Indisches Nachtstück"

Indien als symbolischer Ort für die Suche nach dem Selbst
 

Ein junger Mann dieser Tage reist nach Bombay, um dort die Spur eines verschollenen Freundes aufzunehmen. Warum der Gesuchte verschwand und warum der Freund ihn so hartnäckig sucht, bleibt unklar, denn es liegt weder ein Verbrechen noch ein Hilferuf vor. In einem billigen Stundenhotel erfährt der junge Mann von einer ehemaligen Geliebten des Freundes, daß dieser undurchsichtige Geschäfte mit einer Gesellschaft in Madras betrieben habe. Von Hotel zu Hotel folgt jetzt der junge Mann den Spuren des Freundes, lernt dabei indische Prieser, enttäuschte Frauen und exotische Reisegenossen kennen. Seine Reise führt ihn weiter nach Goa, wo er dem verschwundenen Freunde immer näher kommt. Gleichzeitig verstärkt sich bei ihm die Erkenntnis, daß der Gesuchte sich gar nicht finden lassen will. Am Schluß erhält er auf einer Hotelterrasse die Gewißheit, daß der Gesuchte im selben Moment nur Meter entfernt von ihm an einem Tisch sitzt. Im selben Augenblick jedoch verliert der Jäger das Interesse an einem direkten Kontakt mit dem Gesuchten, so als reiche es ihm, ihn gefunden zu haben. Die Aussage des Romans hinter dieses Ende läuft offensichtlich auf die Erkenntnis hinaus:"Der Weg ist das Ziel". Letzten Endes ist die Suche nach dem Freund eine Metapher für die Suche nach der eigenen Identität, die man gerade in Indien sehr leicht verlieren kann.

Die Frauen spielen immer wieder eine wichtige Rolle in dieser Geschichte, obwohl sie weder wesentlich zum Fortgang der Suche beitragen noch selbst die Handlung entscheidend beeinflussen. In einem Hotelzimmer entdeckt er die liegengebliebenen Beweise für den Betrug einer jungenFrau an ihrem ehemaligen Mann oder Liebhaber und lernt diese selbst kennen. Am Ende freundet er sich mit einer Fotografin an, die ihn langsam aus der Obsession der Suche in die Realität zurückführt.

Die Hörspielversion des Romans leidet unter der typischen Schwäche, die dramaturgische Bearbeitungen epischer Romane aufweisen. Gerade bedeutende Romane zeichnen Charaktere, Stimmungen und Gedankengänge in langen, relativ handlungsfreien Passagen nach. Der Autor führt mit dem Leser einen andauernden, intensiven Dialog, indem er dessen Phantasie und Intellekt durch das geschriebene Wort anregt. Eigene Vorstellungen und Erfahrungen des Lesers gehen in die Lektüre ein und bauen eine eigene Sicht des Gelesenen zusammen. Im Hörspiel wie im Film ist der Rezipient auf das passive "Konsumieren" zurückgeworfen und seiner aktiven Ausgestaltungsmöglichkeiten beraubt. Um ihn dennoch "bei der Stange" zu halten, wird der Roman auf seinen Handlungsstrang reduziert. Wenn dieser gegenüber dem gedanklichen Gehalt des Romans zweitrangig ist, bleibt ein Torso einer weitgehend unlogischen oder bedeutungslosen Handlung ohne den eigentlichen Kern der Aussage.

Dieses Dilemma hat Verfilmungen von Musils "Mann ohne Eigenschaften" und vergleichbarer Romane scheitern lassen und wird auch der Hörversion von Tabucchis "Indischem Nachtstück" zum Verhängnis. Der Extrakt des Romans bleibt zusammenhanglos, offensichtlich zentrale Kapitel wie die Gespräche mit den Vertretern der theosophischen Gesellschaft oder die Episoden mit den Frauen bleiben unverbindlich, unklar oder nähern sich in der Verkürzung der Aussage über religiöse und andere existenzielle Fragen gefährlich der Platitüde.

Der Versuch, die Stimmung eines geheimnisvollen Kontinents im Hörspiel wiederzugeben und glaubhaft zu machen, daß man sich dort im wahrsten Sinne des Wortes "verlieren" kann, ist hier nur teilweise gelungen. Bisweilen blitzen Ahnungen anderer Dimensionen auf, können jedoch die insgesamt unklare Aussage nicht aufwiegen.

Die CD mit einer Laufzeit von 56 Minuten ist im HÖR-Verlag erschienen(ISBN 3-89584-540-X) und kostet 32,- DM.