Johann Wolfgang von Goethe: "Novelle"

Eine Parabel über die Bändigung der Mächtigen
 

In einem kleinen Dorf nahe der Fürstenresidenz gastiert ein Zirkus. Bei einem plötzlich ausbrechenden Brand entlaufen ein Tiger und ein Löwe. Der offizielle Begleiter der ausreitenden Fürstin rettet sie vor dem Tiger, indem er diesen im letzten Augenblick erschießt. Als die jammernde Schaustellerfamilie sich über die Leiche des angeblich zahmen Tigers wirft, erscheint der Fürst, und der Besitzer der beiden Tiere bittet ihn, den noch frei umherlaufenden Löwen zu verschonen. Sein kleiner Sohn werde ihn mit der Flöte einfangen. Tatsächlich gelingt es dem Knaben, den ihm vertrauten Löwen mit einschmeichelnden Tönen aus seinem Versteck zu locken und ihn vor dem gewaltsamen Tode zu bewahren. So einfach - ja fast trivial - die Geschichte erscheint, birgt sie doch parabelhaft die Erkenntnis, dass der Mächtige durch Kunst und Liebe - oder durch Liebe zur Kunst? - zu bändigen sei. Ob dies in der Realität immer der Fall ist, sei dahingestellt, Goethe jedoch sieht dies als Chance für eine humanere Welt ohne Despoten und Revolutionen. Da diese Novelle aus der Zeit der französischen Revolution stammt, zeigt sie, wie man die gefährliche Macht auch anders als mit der Guillotine bekämpfen kann.

Die goethesche Hochsprache ist anfangs gewöhnungsbedürftig, wurde sie doch in unzähligen Filmen des Typs "Sissi" verschlissen. Wischt man jedoch die falschen Assoziationen beiseite, entfaltet sie ihre wahre Stärke und gewinnt von Satz zu Satz an ästhetischer Wirkung. Am Schluss bleibt kein Hauch von Trivialität übrig.

Das Kassetten mit einer Laufzeit von 57 Minuten ist im HÖR-VERLAG unter der ISBN 3-89584-025-4 erschienen.