Die Auferstehung von Harry Lime

„Der dritte Mann“ ist immer dabei
 
Wie jede Großstadt verfügt auch Wien über ein weit verzweigtes Kanalisationsnetz – insgesamt über 2.100 Kilometer. Nach der großen Cholera- Epedemie um 1830 beschloss Kaiser Franz Joseph I., sich nicht mehr seine Steuerzahler vom Sensenmann abspenstig machen zu lassen, und ließ parallel zur Wien unterirdische Abwässerkanäle bauen, die man nicht mehr zur Entnahme von Wasch- und Trinkwasser nutzen konnte. Seitdem hat sich das unterirdische Netz kontinuierlich zu seiner heutigen Ausdehnung entwickelt.

Nun stellt üblicherweise die Kanalisation – so notwendig sie ist- nicht gerade das attraktivste touristische Thema dar. In Wien hat es damit jedoch eine besondere Bewandtnis: 
Nach dem zweiten Weltkrieg blühte im verarmten Wien der Schwarzhandel, vor allem zwischen den von Sowjets und Amerikanern verwalteten Stadtgebieten. Diese Situation hat Orson Welles in seinem „Jahrhundert-Film“ – so die Wertung des britischen Filminstituts – „Der Dritte Mann“ verewigt.  Ein amerikanischer Journalist sucht in Wien seinen verschwundenen Freund Harry Lime und muss feststellen, dass er zum skrupellosen Schwarzhändler mit dem lebenswichtigen Penicillin mutiert ist. In einem schaurigen „Showdown“ in der Kanalisation Wiens ereilt den Schurken das Schicksal ausgerechnet von der Hand des ehemaligen Freundes. Und dazu erklingt auf der Zither das berühmte „Harry-Lime-Thema“..... 

Pünktlich zum fünfzigjährigen Jubiläum der Filmpremiere hat die Wiener Stadtverwaltung die bereits seit Jahren übliche Führung durch die Kanalisation aktualisiert und touristisch angereichert. Zwei sehr glaubwürdige "Kanalarbeiter" mit erstaunlich guter Artikulation (!) führen die Besucher in die Unterwelt und erleben dabei leider einige Pannen, die sie sich auch schon mal gegenseitig vorwerfen. Mitten in die durchaus interessanten Ausführungen über den Fluss der unterirdischen Abwässer ertönt plötzlich Lärm in den dunklen Gängen und man vernimmt aufgeregte Rufe und sogar Schüsse. 


Plötzlich taucht ein Mann in Hut und Mantel aus dem Dunkel auf, dreht sich blitzschnell zu den Besuchern um und schießt mit einer Pistole auf sie, bevor er wieder verschwindet. Doch keine Angst: der Schreck ist zwar groß, aber die Platzpatronen sind harmlos. 

Wer den „dritten Mann“ je gesehen hat, spürt noch einmal die unheimliche, verzweifelt-zynische  Stimmung, die er verbreitet, wer ihn nicht kennt, wird sich das Video mit Sicherheit im nächsten Videoshopbesorgen. Noch einfacher wäre es jedoch, wenn die Stadtverwaltung das Band am Ausgang gleich zum Kauf anbietet. Damit könnte man vielleicht die wie in allen Großstädten der Welt maroden Finanzen (oder in Wien nicht??) sanieren......

 

Nach dem Ausstieg kann man dann auf den Schrecken in der Unterwelt gleich nebenan in einem hundert Jahre alten Café eine Melange zu sich nehmen und sich langsam wieder an das Licht der Oberwelt gewöhnen.