| Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies |
| Niederösterreichische Landesausstellung 2000 im Stift Melk | |
Sind wir nicht alle auf der Suche nach dem
verlorenen Paradies? Urlaubs-, Einkaufs-, Kinder- und Wellnes-Paradiese sind Projektionen des Friedens und des Wohlergehens. Wir suchen Harmonie und inneren Frieden mit Hilfe unser eigenen Kultur oder bedienen uns fremder Kulturen und suchen unser Heil bei Fengu Shui, Yoga oder wie die neuen Heils- lehren auch heißen mögen. Das Paradies mit all seinen vermeintlichen Annehmlichkeiten hat die Menschen schon immer beflügelt. Auf welche Art die katholischen Ordensgemeinschaften versuchten, dem Paradies ein Stück näher zu kommen, ist Thema der Niederösterreichischen Landesausstellung vom 15.4. bis zum 15.11.2000 im Stift Melk., einer Großveranstaltung internationalen Zuschnitts. Etwa 200 Museen und Klöster aus ganz Europa öffneten ihre Schatzkammern und Archive, um diese vielschichtige Ausstellung zu ermöglichen. In den frisch renovierten barocken Kellergewölben des Stiftes Melk, die über Jahrhunderte als Zufluchtsort in Kriegszeiten oder als Weinkeller dienten, wird der erste Teil der Ausstellung „Bilder vom Paradies“ gezeigt. Auf kostbaren Wandteppichen, Gemälden, Handschriften, Messgewändern und Skulpturen zeigt sich die Sehnsucht der Menschen nach Erlösung. Joseph Haydn hat das Thema in seinem Oratorium „Die Schöpfung“ in Musik umgesetzt, Rodin durch die Skulptur und Pieter Breughel d.Ä. mit Stichen und Gemälden ausgedrückt. Der zweite Teil der Ausstellung zeigt die Wege der Orden auf der Suche nach ihrem Paradies. Schon seit dem 3. Jahrhundert zogen Einsiedler auf ihrem Weg nach Erkenntnis in die Wüste, um dort weltabgewandt zu sich oder zu Gott zu finden. Hier wurzeln die Ursprünge christlichen Mönchtums. Durch ein Gott gefälliges Leben wollte man sich den Weg ins Paradies ebnen. Leben und Leistung der Mönche und Nonnen stehen im Mittelpunkt des zweiten Teils der Ausstellung, der in den Kaiserzimmern und in der Prälatur und der Stiftsbibliothek zu sehen ist. Jahrhunderte lang zählen die Klöster zu den bedeutendsten Kulturträgern der Kunst, der Wissenschaft und auch der Wirtschaft. Als Nebenprodukte der eigentlichen Aufgaben wie „Ora et Labora“, Krankenpflege und Schulbildung entstanden wertvolle Kunstgegenstände zu Ehren Gottes. In Melk reicht die Palette vom Abtstab, den der Heilige Bernhard von Clairvaux (Gründer des Zisterzienserordens) trug, über Handschriften, die das astronomische Wissen der Zeit bereits im 9. Jahrhundert in St. Gallen sammelten, bis zu den Geräten, die in den Sternwarten der Klöster Verwendung fanden. Der dritte und vielleicht schönste Teil der Ausstellung ist im Park von Stift Melk erlebbar. Hier sind alle Sinne der Besucher angesprochen. Nach alten Plänen teils aus dem Barock, teils aus der Romantik wurde der lange verwilderte Klostergar- ten liebevoll restauriert. Was sonst nur den Mönchen vorbehalten war, ist im Zuge der Landesausstellung allen Ausstellungsbesuchern zugänglich. Eine Oase der Stille lädt zum Verweilen ein, das „Labyrinth der Erkenntnis“ gibt Rätsel auf. Man wandelt weiter bis zum Wasser- becken auf der höchst gelegenen Terrasse, das den gesamten Gartenbereich mit Wasser versorgt und von wundersamen alten Baumwesen umstanden ist. Die Installation „Arche“, ein hölzernes
Schiffsskelett, das sich ambivalent entweder im Bau oder im Zustand der Auflösung befindet, beherrscht das Wasserbecken. In der Mitte der Arche glüht ein kleines Haus. Das barocke Gartenschlösschen lädt mit raumfüllendem Barockgesang zum Betreten ein. Die Ins- tallation „Lebensfest“, eine klingende Tafel, mutet fremdartig an, und die opulenten Wand- und Deckengemälde aus dem 18. Jahrhundert lassen den Kaffe trinkenden Gast ob der exotischen Darstellungen staunen. Archaisch wird es im „Garten der Erinnerung“. Sieben freigelegte Steinstelen ragen aus dem Boden sprechende Steine, denn aus ihnen tragen Kinderstimmen Bibeltexte aus dem Buch „Genesis“ vor. So gewinnen wir vielleicht ein kleines Stück vom Paradies zurück, vielleicht naschen wir auch ein wenig vom Baum der Erkenntnis. In jedem Fall erfährt der interessierte Ausstellungsbesucher geistige und sinnliche Anregungen, die ihm noch auf seiner Fahrt nach Hause oder zu anderen Zielen nachfolgen werden. Allerdings sollte man nach dem Besuch der
Ausstellung nicht sofort diesen Ort wieder verlassen. Melk selbst, unterhalb des gewaltigen Stiftskomplexes gelegen , lohnt einen Abstecher. Der Ort mit etwa fünftausend Einwohnern atmet die gleiche Beschaulichkeit wie das Stift selbst und bietet neben einer Reihe schön restaurierter Häuser auch eine abwechslungsreiche Fußgängerzone. Da man die Landesausstellung sowieso nicht an einem Tage erschöpfend studieren kann, quartiert man sich am besten im nahen Hotel „Zur Post“ ein, das neben gepflegten und preiswerten Zimmern auch über eine ausgezeichnete Küche verfügt. Es ist telefonisch unter (+43) (0)2752/523-45 zu erreichen (Fax: -50). |