Der Große Shell Atlas 2001/2002

Deutschland / Europa
 
Was wäre Wien ohne den Salzburger Wolfgang Amadé Mozart! Hier hat er Triumphe gefeiert, Kränkungen ertragen müssen, unter der Gesellschaft und eigener Unmäßigkeit gelitten, und hier ist er schließlich – zu früh - eines jämmerlichen Todes gestorben.

Die Autoren Michael Kunze  (Buch und Texte) und Sylvester Levay (Musik) haben dem größten Musiker Österreichs – und darüber hinaus – mit dem Musical „Mozart“ ein Denkmal gesetzt. Seit dem 2. Oktober 1999 läuft dieses neue Stück ununterbrochen vor ausverkauftem Haus. Bereits 150.000 Zuschauer haben die tempo- und bildreiche Inszenierung bis zum März 2000 gesehen, und es ist nicht abzusehen, dass der Zuspruch an der Wien in nächster Zeit abnimmt.

Musiker Levay hat dankenswerterweise der naheliegenden Versuchung widerstanden, das Musical aus „aufgepeppten“ Versatzstücken Mozartscher Werke zusammenzubauen. Nur in wenigen  Momenten ertönt Originalmusik des Protagonisten vom Band, wenn Mozart am Klavier auftritt oder wenn gegen Schluss die „Zauberflöte“ zitiert wird. 

Die Geschichte seines Lebens erzählen Texter und Komponist mit eigenen Worten und Melodien. Dabei steht der Mensch Mozart und nicht der große Musiker im Mittelpunkt: die unterdrückende und daher falsche Liebe eines übermächtigen und ehrgeizigen Vaters, der seinen Sohn wie einen persönlichen Besitz betrachtet; die ebenfalls autoritäre Vereinnahmung durch den Salzburger Erzbischof Colloredo und schließlich die Ausbeutung durch die schnorrende Familie seiner Frau Constanze. Dagegen kann ihn auch der musikalische Erfolg kaum schützen, da ihm die dekadente Wiener Hofgesellschaft sein Genie neidet und sich über jeden Misserfolg oder Fehltritt Mozarts freut.


In dreißig dichten und temporeichen Bildern wird Mozart noch einmal lebendig, so wie man ihn heute dank langjähriger Quellenforschung kennt. Der vernebelnde Weihrauch des bürgerlichen Mozartbildes des 19. und noch 20. Jahrhunderts ist weggeblasen, und zum Vorschein kommt ein Mensch, der den hohen kreativen Druck durch plakatives Leben kompensieren muss. Dazu gehören Saufen, Prassen und „Schweinigeln“ – Wesenszüge, die so gar nicht zum Schöpfer der wohl ergreifendsten Musik- werke passen wollen..... 


Als „alter ego“ stellen die Autoren dem Schauspieler Mozarts sein eigenes kindliches Wesen in Gestalt eines kleinen Jungen im Rokokko-Kostüm zur Seite, der unentwegt komponiert und den anderen Mozart immer wieder von den billigen Vergnügungen zurückhalten will, bis er ihn zum Schluss das Blut zum Schreiben der Noten direkt mit der Gänsekielfeder aus den Herzen schlägt. 


Diese Idee bringt den Kampf der „zwei Seelen in der Brust“ Mozarts deutlich zum Ausdruck, die einerseits die Musik und andererseits das platte Leben lieben....

Gelungen ist auch die Darstellung der Familie Weber aus Mannheim, die hier als drittrangige und verarmte Zirkustruppe daherkommt und Mozart als Heiratskandidaten für die zahlreiche Töchterschar gezielt einfängt um ihn dann mit allen Tricks bis zum letzten Groschen auszuquetschen. Die Tanzeinlagen der Wiener Gesellschaft in farben- prächtigen und grotesken Kostümen sorgen nicht nur für viel Schwung sondern reichern das Stück auch mit handfesten satirischen Zügen an. 

Die Texte der Songs über Neid und Missgunst der Gesellschaft gegenüber dem Genie sind durchaus nicht auf das ausgehende 18. Jahrhundert beschränkt.

Die Soloauftritte der Hauptdarsteller – Mozart Vater und Sohn, Nannerl, Constanze, Colloredo – sind geschickt über die Bilder verteilt und sorgen daher immer wieder für emotionelle und sängerische Höhe- punkte, die das Publikum dankbar mit jubelndem Szenenbeifall honoriert. Am Ende bringen die Besucher dem Ensemble schließlich „standing ovations“ dar, die diese noch einmal zu – scheinbar – improvisierten Zugaben verleiten.

Noch im Jahr 2000 soll „Mozart“ von Wien aus in alle Welt exportiert werden und dort nicht nur von dem großen Musiker sondern auch von der neuen Wiener Kunstszene berichten. Der Erfolg sollte dieser Tournée gewiss sein.