Abend am See mit schmissiger Operette

 

 

Seefestspiele in Mörbisch am Neusiedler See

 

Nach Entspannung und Sport im "Reiter's Burgenland Resort" überwinden wir die kurze Strecke bis an den Neusiedler See in erstaunlich kurzer Zeit, wenn auch der Verkehr auf der Landstraße das Fortkommen etwas hemmt. Aber als wir dann zum ersten Mal das Wasser des Neusiedler Sees von einer Anhöhe aus erspähen, erwacht die Vorfreude auf neue Erfahrungen und touristische Attraktionen. Lassen wir uns also überraschen!

Die Seebühne in Mörbisch am Neusiedler See

Sommerliche Musikfestivals sind im Laufe der letzten Dekade fast zu einem "Muss" für jeden Urlaubsort geworden, der etwas auf sich hält. Um bei der Fülle des Angebots noch unterscheidbar zu bleiben, muss jeder Ort einen Schwerpunkt setzen, der ihm ein unverwechselbares Profil verleiht. Ausgerechnet in dem kleinen Ort Mörbisch am Südende des Neusiedler Sees hat sich bereits vor nahezu 50 Jahren eine Festspiel-"Szene" entwickelt, die bis heute Bestand hat und auf eine treue Fan-Gemeinde zählen kann. Von Anfang an hatte man sich bei diesen Festspielen auf die "Leichte Muse" konzentriert. Im Sinne der Traditionspflege hat man dabei auf Musicals und Pop-Veranstaltungen verzichtet und sich auf die klassische Operette beschränkt. Bei Opernliebhabern und Puristen aller Couleur ist diese Gattung nicht sehr beliebt, gilt sie doch als verstaubt, aussagearm und einer - glücklicherweise - vergangenen Epoche verhaftet. Doch all diesen Vorurteilen - denn nichts anderes sind sie - haften ihre typischen Merkmale an: pauschale Verurteilung und falsche Maßstäbe. Natürlich sind Operetten "per se" der "kaiserlichen" Zeit verhaftet - wilhelminische Ära in Deutschland und "k.u.k" in Österreich - und spiegeln damit auch die gesellschaftliche Mentalität dieser Zeit wider. Und ebenso natürlich stellen sie nicht tief gehende gesellschaftliche oder menschliche Konflikte in den Mittelpunkt, sondern handeln immer wieder das uralte Thema ab: die Irrungen und Wirrungen der Liebe. Nimmt man also die Libretti dieser Operetten "cum grano salis" und ist bereit, sich ohne schlechtes Gewissen auf leichte Unterhaltung einzulassen, dann können diese Operetten auch heute noch viel Spaß bereiten.

Festspiel-Intendant Harald Serafin, selbst auch in tragender Rolle auf der Bühne tätig, weiß durchaus um den Unterhaltungswert gut gemachter Operetten-Inszenierungen und setzt dieses Wissen in Mörbisch konsequent um. Dabei kommt ihm die professionelle Umgebung zugute. Die Besucher sind bei diesen Festspielen nicht mit temporären Festival-Einrichtungen - etwa Zelten - konfrontiert, sondern finden ein solide gebautes Freiluft-Theater mit über 6000 Plätzen und allen erforderlichen logistischen Einrichtungen vor. Vom ersten Augenblick an gewinnt man den Eindruck des Beständigen und Soliden. Die Organisation und der Zugang zu den Plätzen klappen ebenfalls vorzüglich, es gibt weder Gedrängel noch "last minute"-Hektik. Das Bühnenbild nimmt den gesamten Raum hinter der Bühne ein und lässt nur wenige Durchblicke zum Neusiedler See frei, der unmittelbar hinter der Seebühne beginnt. Doch dahinter steckt Absicht, denn die Zuschauer sollen sich für drei Stunden von der Bühnenatmosphäre gefangen nehmen lassen und keine weiteren Blicke und Gedanken an die Umgebung verschwenden.

Illuminierte Tanzszene im "Graf von Luxemburg"

In diesem Jahr steht vom 13. Juli bis zum 27. August Franz Lehars "Der Graf von Luxemburg" auf dem Programm. Da die Geschichte in Paris spielt, zieren Maler-Dachwohnungen - heute würde man so etwas "Penthouse" nennen und teuer bezahlen -, Bistros, natürlich das "Moulin Rouge" - eine lebensgroße Mühle mit drehenden Flügeln! - und der "Place Pigalle" die Bühne. Alles ist eng ineinander verschachtelt und soll die Enge und Ärmlichkeit der Pariser Künstlerviertel des 19. Jahrhunderts wiedergeben. In diesem Ambiente lebt der verarmte Graf von Luxemburg mit seinem malenden Freund und dessen heiratswütiger Geliebten. Als ihm eines Tages ein reicher russischer Fürst fortgeschrittenen Alters eine beträchtliche Summe für eine Scheinheirat bietet, die einer Tänzerin des "Moulin Rouge" den richtigen Stand für eine Heirat mit dem Fürsten verschaffen soll, schlägt er ein. Doch wie es das (Operetten-)Schicksal will, lernt er kurz vor der geplanten Scheidung ausgerechnet seine Frau kennen und lieben, ohne sich - wie auch sie - über die Situation im Klaren zu sein. Als die beiden sich schließlich als - formale - Eheleute erkennen, geht es nur noch darum, wie man dem liebestollen Alten aus Russland ein Bein stellen kann, um die richtigen erotischen Proportionen herzustellen. Als eine russische Adlige mit langjährigen Ambitionen auf den Fürsten und echter russischer Durchsetzungskraft erscheint, ist das Spiel gelaufen und es geht nur noch um die Feinheiten sowie letzte Verwirrungen und Verzögerungen bei der Auflösung. Am Ende "kriegen" sich alle Pärchen, wie es sich gehört, und alle singen noch ein gemeinsames Abschiedslied für das Publikum.

Wie bereits erwähnt, spielt die Handlung eigentlich nur eine untergeordnete Rolle. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die Musik und die Inszenierung. Und diese beiden Aspekte sorgen in Mörbisch tatsächlich für einen hohen Unterhaltungswert. Lehars Musik bietet auch heute noch durch ihr Tempo und den Einfallsreichtum des Komponisten erstklassige Unterhaltung. Einige "Ohrwürmer" sorgen für den nötigen Wiedererkennungseffekt, und schmissige Arien der Hauptdarsteller sorgen immer wieder für Höhepunkte. Vor allem sind - neben dem Bühnenbild - die opulenten Kostüme hervorzuheben. Da das Stück zu Beginn im Karneval spielt, lässt Regisseur Dietmar Pflegerl ausgiebig kostümierte Tanzgruppen die Bühne bevölkern. Dabei zieht ein veritabler "Faschingszug" - wie man ihn eigentlich nur in Mainz und Köln (und vielleicht in Venedig) kennt, mit viel buntem Personal vor der Bühne ein und wieder aus. Immer wieder wird das Geschehen durch temperamentvolle Choreografien der großzügig bemessenen Tanztruppe aufgelockert, und die Regie überbrückt ebenfalls die Umbaupausen mit Tanzeinlagen, die den eigentlichen Kulissenwechsel geschickt integrieren. In der zweiten Hälfte, nach Einbruch der Dunkelheit, folgen dann verschiedene Lichteffekte mit einer glitzernden "Lightshow" des "Moulin Rouge", und sogar der - echte - Vollmond trägt an diesem Abend sein Scherflein mit seiner sattgelben Vollgestalt knapp über dem Bühnenbild bei. 

Den Abschluss dieses gelungenen Operettenabends am stillen Neusiedler See bildet dann ein prächtiges Feuerwerk, dass hinter der Bühne aus dem Wasser in den dunklen Nachthimmel hinaufschießt und das gesamte Rund noch einmal in allen Formen beleuchtet. Dazu spielt das Orchester bis zur letzten Rakete die Melodien aus dem "Graf von Luxemburg". Die letzten drei "Kracher" am Himmel fallen punktgenau mit den Schlussakkorden zusammen.

Naturschutzgebiet am Ostufer des Neusiedler Sees

Urlauber, die der Festspiele wegen nach Mörbisch kommen, sollten jedoch noch ein oder zwei Tage anhängen und die Landschaft um den Neusiedler See genießen. Das tut man am besten mit dem Fahrrad, das sich problemlos bei verschiedenen Hotels und Verleihfirmen ausleihen lässt. Mit der Fähre kann man übersetzen an das Ostufer bei Illmitz, dann auf dem Radweg B20 durch das Naturschutzgebiet bis nach Podersdorf radeln und dabei seltene Wasservögel in den flachen Binnengewässern - den sogenannten "Lacken" - beobachten. Von Podersdorf können rüstige Radler die Fähre nach Breitenbrunn nehmen und dann die 30 km lange Strecke bis nach Mörbisch durch Weinberge und kleine Ortschaften zurückradeln. Wer es weniger sportlich mag, nimmt die Fähre nach Rust und braucht dann nur noch 5 km bis Mörbisch zu bewältigen. Vor der Rückreise sollte man sich jedoch noch mit einem guten Burgenländer Wein eindecken, den man hier bei vielen Hoteliers direkt einkaufen kann, die gleichzeitig eine Weinhandlung betreiben. Als Beispiel mag das kleine aber feine "Casa Peiso" in Mörbisch dienen, das nicht nur in der alten Weinhandlung einige sehr geschmackvolle und geräumige Appartements eingerichtet hat, sondern im Vorderhaus auf hervorragende Weine anbietet.

Nach zwei Tagen mit Kultur und Fahrradtour um den See zieht es uns weiter an den nächsten Ort unserer Österreich-Erkundung, nach Gai in der Obersteiermark.

Frank Raudszus

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