Baukunst, Braukunst und Schaukunst

 

 

Weitra - Verdichtete Geschichte und profilierte Künste im österreichischen Waldviertel

 

Die österreichische Region nördlich der Donau gleicht in vielem dem Bayerischen Wald in Deutschland: über vierzig Jahre lang Grenzgebiet zum Ostblock und damit wirtschaftliches Brachland, lebte es all die Jahre mehr schlecht als recht von Landwirtschaft und stillem Tourismus. Die weltpolitische Wende hat diesem Landstrich unerwartet neue - und alte - Bedeutung zukommen lassen. Wanderer müssen nun nicht mehr abweisende Grenzanlagen meiden, und der Auto-Tourist kann von hier aus einfach in tschechische Städte wie Budweis reisen. Das Waldviertel , eine nach ihrem Waldreichtum benannte Region Niederösterreichs, hat sich in kurzer Zeit zu einem beliebten Urlaubsziel entwickelt, und dies merkt man den Orten auch an.

Das "Sgrafitto"-Haus am Marktplatz

Der kleine Ort Weitra zwischen Freistadt und Gmünd gehört zu den ältesten Städten Österreichs, und nur die im Laufe der Jahrhunderte wechselnde Bedeutung seiner Lage hat eine Entwicklung zur pulsierenden Mittel- oder Großstadt verhindert. Dafür hat Weitra jedoch bis heute seine mittelalterlichen Struktur und seinen spezifischen Charme erhalten. Auf einem großen Granitblock Anfang des 13. Jahrhunderts gegründet, entwickelte sich der am Flüsschen Lainsitz gelegene Ort dank seiner geschützten Lage mit Trutzburg und Wehrkirche schnell zu einem Handelszentrum an zwei wichtigen Verbindungswegen. Die im 16. Jahrhundert zu einem Renaissance-Schloss umgebaute Burg, das großzügige Rathaus und eine Reihe aufwändig gestalteter Bürgerhäuser zeugen noch heute von dem Wohlstand der ersten Jahrhunderte. In der letzten Dekade wurden etwa 150 Häuser mit Hilfe des Landes und des Bundes liebevoll restauriert, wobei besonders das Sgrafitto-Haus mit seinen römischen und allegorischen Darstellungen sowie der Auhof mit seiner gotischen Holzdecke zu erwähnen sind. Doch auch das repräsentative Rathaus fällt angesichts der heutigen Ortsgröße aus dem Rahmen und stellt an sich schon eine Sehenswürdigkeit dar. Nördlich des Ortes stürzt sich in Stromschnellen die Lainsitz sechzig Meter unterhalb des Ortes in einer großen Schleife ins Tal, und den Süden der Stadt umgibt die heute noch weit gehend unzerstörte Stadtmauer.

Braukeller im "Brauhotel"

Weitra erhielt neben Straßen und Stadtrechten bereits früh eine Brau-Lizenz. Angesichts der durchreisenden Händler dürfte das bereits damals ein lukratives Geschäft gewesen sein. Von dieser speziellen "Bier-Geschichte" zeugt noch heute das "Brauhotel", heute das erste Haus am Rathausplatz. Die umgebauten Brauerei-Gewölbe beherbergen heute ein modernes Hotel mit - immer noch - eigener Braulizenz, deren Erzeugnisse der Gast ausgiebig verkosten kann. Neben verschiedenen Gaststuben - Cafe, Restaurant, Braustube - verfügt das umfassend restaurierte ehemalige Brauhaus über einen ausgedehnten Wellness-Bereich und über zwei Seminarräume, von denen der größere wegen seiner repräsentativen Ausstattung gerne auch für Veranstaltungen aller Art genutzt wird. Die Speisekarte des Hotels stützt sich stark auf das Thema "Bier" ab. Ob Vor-, Haupt- oder Nachspeise: man ahnt gar nicht, wie vielfältig und schmackhaft sich Bier auch bei Speisen verwenden lässt. Der Bierteig mag Vielen noch ein Begriff sein, doch die Fantasie der Köche im "Brauhotel" findet noch zahlreiche weitere Kombinationen, die sich - soweit wir sie verkosten konnten - als außerordentlich schmackhaft und pikant erwiesen.

Vom "Brauhotel" lässt sich gut ein Rundgang durch den Ort beginnen, der viele reizvolle Ausblicke auf die Altstadt sowie auf die sie umgebende Landschaft gestattet. Noch besser aber ist es, sich dem regelmäßig angebotenen "Nachwächter-Rundgang" anzuschließen, bei dem ein amtstypisch gekleideter Nachtwächter, mit Laterne und Hellebarde "bewaffnet", die Gäste an all die versteckten und sehenswerten Örtlichkeiten der Stadt führt und diese mit viel Sachkenntnis und Humor erklärt. Dazu gehört unter anderem eine alte Zisterne, in der vor hunderten von Jahren das Wasser für Notfälle wie Belagerungen gesammelt wurde und die man erst 1993 wieder entdeckte. Man sieht also, in Weitra gibt es noch viel zu entdecken, und wer weiß, welch ungeahnte Funde man hier in der Zukunft noch tätigt. Nur wenige Kilometer entfernt, in Harbach, lockt - nicht nur bei schlechtem Wetter - ein modernes, weitläufiges Moorheilbad, und die dichten Wälder des Waldviertels laden zu ausgiebigen Wanderungen ein. 

Blick vom Golfplatz auf Schloss Weitra

Eine weitere Überraschung, mit der Weitra aufwarten kann, ist der Golfplatz. Nur wenige hundert Meter vom Ortskern entfernt erstreckt sich eine Anlage mit 18 Löchern über Felder und Hügel der unmittelbaren Umgebung. Die Besonderheit dieses Platzes besteht nicht nur in ein paar recht steilen Löchern - so die "17" und die "18", bei denen man einige Höhenmeter überwinden muss -, sondern auch in den Postkarten-Ausblicken, die sich den Spielern an allen erdenklichen Stellen bieten. Und immer wieder steht das repräsentative Schloss von Weitra im Mittelpunkt der Aussicht. Die Architekten des Golfplatzes haben den Ort offensichtlich von vornherein ganz bewusst in ihre Planung einbezogen. Selbst die Golfplatz-Broschüre warnt vor den beeindruckenden Ausblicken, die unter Umständen den Abschlag beeinträchtigen können. Vor allem bei Loch 17 gewinnt man den Eindruck, direkt unterhalb des greifbar nahen Schlosses zu spielen, steht man aber auf dessen Mauern, so versteckt sich der Golfplatz vornehm zurückhaltend hinter den Baumreihen am Ortsrand. Wer als Golfer einige Tage im Waldviertel verbringt, sollte sich unbedingt die Zeit für den Besuch dieses Platzes nehmen. bei sommerlicher Hitze kann man sogar nach Loch 9 oder 18 in den unmittelbar am Clubhaus gelegenen Badesee springen und sich von der Hitze des Spiels abkühlen.

Szenenfoto aus "So ein Theater"

Doch außer mittelalterlichem Flair und sportlicher Betätigung bietet Weitra auch kulturelle "Schmankerln". Ein sommerliches Festival-Programm im August unterhält die Gäste täglich mit Theater-Aufführungen im Schlosshof. Dafür ist der Renaissance-Hof mit modernsten Schirmen abgedeckt, die nicht nur bei Hitze Schatten spenden, sondern bei Regen das Wasser auffangen und automatisch über elegant verkleidete Leitungssysteme ableiten. Selbst bei schweren Schauern vernimmt der Gast nur ein gleichmäßiges Rauschen. Im August 2006 läuft auf der weitläufigen Bühne George Feydeaus Komödie "So ein Theater", die man aus dem fernen Paris nach Wien und in die k.u.k.-Provinz verlagert hat. Feydeaus bissige Satire auf eingebildete Städter und biedere Provinzler gibt auch mit Wiener Vorzeichen viel Anlass für befreiendes Lachen, wobei die Hauptdarstellerin mit ihren deftigen Sottisen im breiten Wiener Dialekt Dreh- und Angelpunkt ist. Einziger Wermutstropfen ist die Akustik in dem weiten Carre des Hofes. Die Bühne erstreckt sich über fast die gesamte Hofbreite und misst sicherlich an die zwanzig Meter. Die Bühnenbreite im Verein mit dem Echo von den Schlosswänden lässt dann so manches Bonmot akustisch im Raum verschwinden. Doch dieses - zugegeben kleinere - Problem lässt sich sicherlich im Rahmen der weiteren Entwicklung des Festivalprogramms noch beheben.

Obwohl in Weitra und Umgebung sicher noch einige landschaftliche und historische Attraktionen zu entdecken sind, müssen wir nach zwei Tagen bereits wieder - mit leiser Wehmut - die Koffer packen, da uns unser Reiseplan weiter ins Burgenland zu "Reiter's Burgenland Resort" führt.

 

Frank Raudszus

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