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Wer vom Elsass spricht, meint meist den Süden mit Colmar, Riquewihr und anderen touristischen Magneten. Es gibt aber auch den Norden – weniger besiedelt, weniger bekannt und doch voller Reize. Zum Beispiel Wissembourg, das Städtchen an der Nordgrenze zu Deutschland, das Tor zu Frankreich. Gerade jetzt im Herbst ein lohnendes Ziel.
Der
Marktplatz von Wissembourg
Es ist immer wieder ein kleines Wunder, wenn man von Deutschland her die unsichtbare Grenze überquert und sofort in einer anderen Welt landet. Wir haben das Auto auf einem der großen Parkplätze rund um die Altstadt abgestellt und schlendern zu Fuß ins Zentrum von Wissembourg. Schon in der Hauptstraße, der Rue Nationale, spüren wir den gemächlichen Ruhepuls der französischen Provinz. Wir tauchen ein in den Zauber des alten Weißenburg mit seinem historischen Stadtkern.
In der Rue Nationale gibt es frische Austern, die Bäckereien offerieren Baguette, das alle zwei Stunden frisch gebacken wird, die Stühle der Cafés und Restaurants unter die Bäumen auf der Straße sind schon ab elf Uhr gut besetzt. Viele kommen von weit her, um bei „Au P’tit Kougelhopf“ den berühmten Napfkuchen zu kosten, andere zieht es zur Brasserie „A La Vignette“ zum Aperitif oder um eine Kleinigkeit zu essen. Die traditionelle elsässische Küche lockt mit Flammkuchen in allen Spielarten, mit Choucroute oder Baeckeoffe, dem speziellen Eintopf. Große französische Küche (nicht ganz billig, aber erstklassig) findet sich im „Du Cygne“ am Place de la République oder im „Restaurant de L’Ange“ in der gleichnamigen Rue.
Der runde Place de la République im Herzen der Altstadt wird dominiert vom imposanten Rathaus (das Gebäude mit Dreiecksgiebel und Uhrturm wurde von 1741 bis 1752 in rosafarbenem Sandstein erbaut). Von hier aus sieht man die mächtige Kirche St-Pierre-et-St-Paul, ein gotischer Sandsteinbau aus dem 13. Jahrhundert mit Resten einer romanischen Kirche und einen prachtvollen gotischen Kreuzgang. Hier stand das im 7. Jahrhundert gegründete Benediktinerkloster, die Keimzelle von Wissembourg, das einmal zu den großen Städten des Elsass zählte. Und stolz berichten die Einheimischen, dass ihre Kirche nach dem Straßburger Münster die zweitgrößte im Elsass ist.
Idylle
mit Wasser und Kirchturm
In Wissembourg sind trotz der Launen der Geschichte viele Abschnitte des alten Befestigungswalls und wesentlichen Teile des historischen Stadtkerns erhalten geblieben. Ein Rundgang auch durch die Seitengassen lohnt sich, sie sind voller Geschichte und Geschichten. Dort besticht das Haus des „Ami Fritz“ durch den reinen elsässischen Renaissancestil, das schlossartige „Haus Stanislas“ erinnert an den entthronten polnischen König Stanislaus Leszczynsi, der hier in Armut hauste, ehe der französische König Ludwig XV. 1725 seine Tochter Maria heiratete. Im Viertel Le Bruch stammen die Häuser bis aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Der Bummel kann einen aber auch zu landesweit berühmten Patisserie Rebert führen, wo es spezielle Kurse gibt, die einen in die Geheimnisse des Patissiers einführen.
Das unverwechselbare Lokalkolorit Wissembourgs wird auch vom Flüsschen Lauter geprägt, das sich mit seinen Seitenarmen geruhsam durch die Stadt schlängelt. „Der Schlupf“ heißt ein kleines Stück Wasser und Blickfang mitten in der Altstadt – das „Klein-Venedig“ von Wissembourg.
Wissembourg mit seinen rund 8.000 Einwohnern ist authentisch und kein Freilichtmuseum. In den alten Fachwerkbauten und in den stolzen Patrizierhäusern wird gewohnt, gearbeitet und gelebt. Im berühmten Salzhaus von 1448 finden sich heute Läden und Wohnungen, in der Dominikanerkirche ist ein Kulturzentrum untergebracht, im alten Weinhaus Westercamp ein Museum.
Der Gast kann die Stadt mit dem weißen Bähnchen entdecken, das zur vollen Stunde vom Place de la République abfährt. Oder er umrundet die Stadt zu Fuß, auf der Promenade des Remparts, dem Spaziergang entlang der Stadtmauer und hoch auf den Festungswällen. Das eröffnet nicht nur schöne Blicke auf das Gassengewirr, sondern auch auf die Umgebung, die dunkelgrünen Höhenzüge der Nordvogesen mit ihren Weinhängen. Im Verkehrsamt am Place de la République gibt man auch gerne Auskunft, wann spezielle Führungen stattfinden, etwa zu Bauten aus jeweils einem Jahrhundert.

Ein Gemütliches
Terrassenplätzchen in Wissembourg
Die Plätze, das Ufer der Lauter und viele Hausfassaden sind liebevoll mit Blumen geschmückt – die Stadt nennte sich auch Ville Fleurie. Und sie ist sehr gepflegt; die Abfallkörbe werden täglich geleert, die Grünanlagen der alten Befestigungswälle sind mustergültig in Ordnung, noch spät am Abend wässern Mitarbeiter der Stadt die kommunalen Pflanzentröge.
Wissembourg liegt vor der Haustür. Von Landau im Norden oder Karlsruhe im Osten sind es je nur etwa 40 Kilometer Straße. Auch per Bahn ist Wissembourg erreichbar. Sie wird gerne von Radfahrern genutzt, die Ausflüge in den nahen, riesigen Wald von Haguenau machen oder von Wanderern, die die Vogesen oder die Südpfalz erkunden wollen mit ihren alten Burgen.
In der Stadt leben und arbeiten auch viele Deutsche, während umgekehrt viele Elsässer täglich zur Arbeit nach Deutschland fahren. Es ist ein Stück gelebtes Europa in diesem Grenzzipfel. Mit Deutsch kommt man gut durch, doch jedes „Bonjour“ oder „Merci“ macht die Einheimischen noch einen Grad freundlicher..
Die meisten Besucher kommen für einen Tagesausflug oder ein kulinarisches Wochenende nach Wissembourg. Man kann es aber auch länger hier aushalten und jeden Tag neue Eindrücke sammeln. Es gibt Dutzende kleiner Hotels und Pensionen zu annehmbaren Preisen.
Von dort aus lassen sich herrliche Ausflüge unternehmen, etwa in den Naturpark Nordvogesen, zum Erdöl-Museum in Pechelbronn oder zu den Befestigungsanlagen der alten Maginotlinie. Mit Hunspach lockt eines der schönsten Dörfer Frankreichs und im berühmten Weinort Cleebourg kann man sich für zu Hause mit den Weinen aus Frankreichs nördlichster Weinbauregion eindecken.
www.ot-wissembourg.fr
www.alsacedunord.fr
Alexander Hoffmann
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