Schlösser- die Sitze der Reichen und Mächtigen

 

 

Die Region Seine-et-Marne steht mit ihren Schlössern nicht hinter der Loire zurück


Wer im Zusammenhang mit Frankreich von Schlössern redet, denkt an die Loire. Dabei vergisst man gern, dass auch andere Regionen über eindrucksvolle Exemplare dieses Gebäudetyps verfügen. Vor allem die Region Seine-et-Marne im Osten von Paris hat in dieser Beziehung einiges zu bieten, nicht zuletzt aufgrund der Nähe zu Paris. War es doch vor der Revolution für alle Mitglieder des Adels wichtig, engen Kontakt zum Hofes zu halten, um die jeweilige politische Entwicklung rechtzeitig mitzubekommen.

Heutiger Haupteingang von Schloss FontainebleauDer heutige Haupteingang von Schloss Fontainebleau

Der Flecken Fontainebleau trägt seinen Namen angeblich daher, dass König François I. seinen Lieblingsjagdhund namens Bliot oder Bleau verlor und an einer Quelle wiederfand. Aus diesen beiden Zutaten sei der Name Fontainebleau entstanden. Eine realistischere Erklärung besagt, François I. habe nicht an der weiter entfernten Loire residieren wollen und seinen neuen Sitz deshalb an der Stelle der mittelalterlichen Burg nahe einer Quelle - "fontaine-bel-eau" - errichten lassen. Ob nun aufgrund einer Anekdote oder aus anderen Gründen: auf jeden Fall entstand hier im 16. Jahrhundert auf der Grundlage eines älteren Jagdschlosses das Renaissanceschloss Fontainebleau, das noch heute die Besucher mit seiner Geschlossenheit und seinen klaren Linien beeindruckt. Berühmte Künstler wie Le Primatice und Le Rosso waren die Baumeister dieses weit ausladenden und dennoch Ruhe ausstrahlenden Prachtgebäudes. Nach François I. haben seine Nachfolger das Schloss zielstrebig erweitert, jeder nach dem Geschmack der Zeit und doch, ohne die große Linie zu stören. Zur Taufe des lang ersehnten Thronfolgers Ludwig XIII. fügte Heinrich IV. das Taufportal und den ovalen Innenhof hinzu und verlegte gleich den Haupteingang dorthin. Napoleon wiederum ließ später die Seite zur Stadt öffnen und dort einen repräsentativen Haupteingang mit Hufeisentreppe anlegen. Hier verabschiedete er sich auch vor seiner - temporären - Verbannung nach Elba im Rahmen seiner offiziellen Abdankung von seinem Gefolge.

Blick über den Karpfenteich und den MusikpavillonBlick über den Karpfenteich und den Musikpavillon

Jeder Haupteingang zu diesem Schloss hatte seine eigenen Gründe - und Vorzüge. Ursprünglich erfolgte der Zugang von der heutigen Rückseite, zwischen dem großen Karpfenteich und der etwas tiefer gelegenen Garten- und Brunnenanlage. Eine von Bäumen gesäumte Allee führte direkt auf das "Goldene Tor", hinter dem später die Gemächer der Königin lagen. In diesem Zusammenhang musste der berühmte Gartenbaumeister Le Nôtre ein schwieriges Problem lösen: unterhalb des Karpfenteiches breitete sich eine weitläufige Sumpflandschaft aus, die bis zur Seine reichte und neben ästhetischen auch handfeste gesundheitliche Probleme aufwarf. Der Gartenexperte entwarf daraufhin ein abgestuftes Kanalsystem, das nicht nur das überschüssige Wasser in die zehn Kilometer entfernte Seine ableitete, sondern auch die zahlreichen Springbrunnen im Schlossgarten mit natürlichem Wasserdruck versorgte. Der Kanal zur Seine präsentiert sich den Besuchern heute als großes Wasserbecken mit scheinbar stehendem Wasser. In regenreichen Jahren kann man das Fließen des Wassers jedoch mit bloßem Auge verfolgen. Die Gartenanlagen von Fontainebleau bestehen aus zwei "englischen" und einem "französischen" Garten. Während sich die französische Variante durch die strengen geometrischen Figuren und die zu vielerlei Formen gestutzten Bäume auszeichnet - Kunst als Gartenbau oder Gartenbau als Kunst -, herrscht in der englischen Version eine nur scheinbar ungeplante Natürlichkeit. Doch was von der Natur nach ihren eigenen Gesetzen erschaffen zu sein scheint, wurde von den Gartenbaumeistern nach englischem Vorbild sorgsam choreographiert, angefangen von der geplanten Vielfalt und Anordnung der Bäume bis zu den künstlichen Felsen und Wasserläufen, die jedoch in ihrer Gestaltung wiederum natürliches Chaos suggerieren sollen.

Die Innenräume des Schlosses enthalten unschätzbare Innendekorationen, Möbel und Kunstwerke aus verschiedenen Epochen. Von Zimmerflucht zu Zimmerflucht ändert sich der Stil, da neue Herrscher - glücklicherweise - eher Anbauten nach eigenem Geschmack hinzufügten, statt die bestehenden Gebäudeteile zu ändern. So lässt sich die Entwicklung des Schlosses von François I. bis zu Napoleon Bonaparte und sogar zu Napoleon III. sehr gut nachvollziehen. Renaissance, Rokkoko, Empire und Louis Philippe wechseln sich von Flügel zu Flügel und von Stockwerk zu Stockwerk ab und vermitteln dem Besucher dabei einen Schnellkurs in den Baustilen der letzten sechs Jahrhunderte. Für die Besichtigung dieses Schlosses braucht man eigentlich drei Tage, und wer diese Zeit erübrigen kann und das nötige Interesse für die Schlösser-Architektur mitbringt, der sollte sich eine mehrtägige Besichtigung gönnen Allerdings sollte man für dieses Unterfangen einen genauen erarbeiteten Plan erarbeiten, um wirklich alle die Reichtümer und Besonderheiten dieses Baus in sich aufnehmen zu können.

Die Vorderseite von Schloss Vaux-le-VicomteDie Vorderseite von Schloss Vaux-le-Vicomte

Eine halbe Autostunde nördlich von Fontainebleau, etwas östlich von Melun, erhebt sich mit "Vaux-le-Vicomte" das zweite großartige Schloss der Region Seine-et-Marne mitten aus der flachen Landschaft. Hier ließ Nicholas Fouquet von 1654 bis 1661 ein Traumschloss von den größten Baumeistern seiner Zeit buchstäblich aus dem Boden stampfen. Fouquet kam aus einer gebildeten, begüterten Familie und erwarb schon als junger Mann durch Handel und Heirat ein immenses Vermögen. Er verstand sich als Liebhaber und Mäzen der Künste und war daher in gebildeten Kreisen äußerst beliebt. Angeregt von den Schlössern der Loire und Fontainebleau, beschloss er, seinen Traum in dieser Landschaft zu realisieren. Allein die Erdbewegungen müssen die Leistungsfähigkeit der damaligen Bauwirtschaft an ihre Grenzen geführt haben. Bis zu vierzigtausend Arbeiter zogen den Bau und die dazugehörigen Gartenanlagen in knapp sieben Jahren in die Höhe bzw. in die Breite. Auf der Südseite wurde ein künstlicher Hügel mit einer sie krönenden Herkulesfigur aufgeschüttet, deren Erdmassen beim Aushub des großzügigen Schlossteiches anfielen. Zwischen Schloss und Herkulesfigur erstrecken sich ausgedehnte symmetrische Gartenanlagen mit Brunnen und kleinen Hainen, vor dem Schloss erstreckt sich eine - für die damalige Zeit ungewohnte - breite Freitreppe. Vor dem Schloss steigt das Gelände langsam an bis zu den ehemaligen Stallungen und Gesindehäusern und dem großen Einganstor.

Das Schloss selbst ist im Stil des 17. Jahrhunderts gebaut, in hellem Stein und mit dunkelgrauen Schieferdächern. Innen empfängt den Besucher ein großzügiger ovaler Empfangssaal, der erst in der zentralen Kuppel des Schlosses endet. In den Flügeln sind die Gemächer des Hausherren und seiner Ehefrau untergebracht, wobei Fouquet seiner Frau galanterweise die schöneren Zimmer zum Garten zugestand. Für den Fall königlicher Besuche ließ Fouquet eigens prächtige Gemächer im rechten Seitenflügel mit Ausblick in den Garten einrichten, denen es an keinem Luxus der damaligen Zeit mangelte. Hier konzentrierten sich Geschmack und Reichtum eines führenden Vertreters seiner Zeit, und das zum Ruhme und Komfort seines Königs Ludwig XIV., den er auch zur Einweihung des neuen Schlosses am 17. August 1661 einlud. Doch Fouquet hatte sich auf geradezu tragische Weise verrechnet. Den frisch zum Regenten ernannten dreiundzwanzigjährigen Ludwig XIV. packte angesichts des großartigen Schlosses und des prachtvollen Fests der blanke Neid, und noch in derselben Nacht kehrte er nach Fontainebleau zurück, um dort zu schlafen. Fouquet jedoch wurde wenige Wochen später unter fadenscheinigen Gründen verhaftet, des Verrats bezichtigt und eingekerkert. Als das - vom König eingesetzte - Gericht auf lebenslange Verbannung entschied, übte Ludwig XIV. seine Einspruchsrecht aus und verschärfte - eine einmalige Perversion dieses eigentlich zu Begnadigungszwecken gedachten Rechts - die Strafe auf lebenslange Haft. Fouquet starb 1680 in einer finsteren Alpenfestung, ohne sein Schloss oder seine Familie je wiedergesehen zu haben. Man versucht nicht ungestraft, einen Herrscher mit Geld und Einfluss zu beeindrucken!

Möbel und Wandteppiche im Inneren des SchlossesMöbel und Wandteppiche im Inneren des Schlosses

Das Schloss selbst erzählt wenig von diesem tragischen Schicksal. Die Familie Fouquet verkaufte es später, es blieb jedoch bis heute in privaten Händen. Der heutige Besitzer hat es zu einem historischen Museum gemacht und es für die Öffentlichkeit geöffnet. Als das ursprünglich nur als Sommerresidenz gedachte Schloss im 18. Jahrhundert durchgehend zum Wohnsitz der jeweiligen Besitzer wurde, baute man Heizungen ein und verkleinerte viele Gründen aus Gründen der Wärmeeffizienz. Die heutigen Besitzer haben die Räume zum Teil wieder in den Originalzustand zurückversetzt und vermitteln dem Besucher damit einen Eindruck von der Großzügigkeit und Leichtigkeit des ursprünglichen Entwurfs. Die Räume enthalten zum Teil noch die ursprünglichen Möbel, Bilder, Wandteppiche und baulichen Merkmale und führen zurück ins 17. Jahrhundert. Andere Räume wiederum zeigen das Leben im 18. und 19. Jahrhundert, und einige Stellen wie die Treppenhäuser zeigen den enormen Renovierungsbedarf, dem ein solcher Bau unterliegt. Das Dach wurde mittlerweile zur Hälfte erneuert, und die Arbeiten gehen entsprechend den finanziellen Möglichkeiten der Besitzer weiter. Als eines der wenigen in privater Hand befindlichen Baudenkmäler dient es als lebendes Beispiel dafür, inwieweit der Privatsektor solche Aufgaben glaubwürdig übernehmen kann. Angesichts der Sorgfalt und des weitgehend guten Zustandes von Gebäude und Inventar kann man den Besitzern eine gewisse Hochachtung nicht verwehren, und wenn man bedenkt, dass das öffentlich verwaltete Fontainebleau innen und außen einen mindestens ebenso hohen Renovierungsbedarf aufweist, steht "Vaux-le-Vicomte" dem großen Bruder in nichts nach.

Die Region Seine-et-Marne verfügt noch über eine Reihe weiterer Schlösser und historischer bauten, doch diese beiden Schlösser stehen stellvertretend für die ganze Region, die sich in den letzten Jahrzehnten aus dem touristischen "Würgegriff" von Paris befreit und eine eigene Identität entwickelt hat. Wo man hinschaut, profilieren sich die Städte und Gemeinden mit touristischen Attraktionen, die über "Disneyland" hinausgehen und stattdessen das reiche historische Erbe Frankreichs aufarbeiten und neu präsentieren. Man darf von dieser Region in den nächsten Jahren noch einige touristische Leckerbessen erwarten.


Weitere Informationen:

www.musee-chateau-fontainebleau.fr
www.vaux-le-vicomte.com

Comité Départemental du Tourisme de Seine et Marne
Tel.: +33 (0)1 / 60396039
Fax: +33 (0)1 / 60396040
http://www.tourisme77.fr
 

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