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Nordische Kurse mit frischem Wind und belebter See |
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Segelberichte: |
Ein Segeltörn
durch die mittlere Ostsee nach Bornholm und zurück
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| Wer lange Zeit in nordischen Gewässern gesegelt ist, der sehnt sich irgendwann nach der Wärme und der Sonne des Südens. Wenn man dann aber Mallorca und Ibiza bei Windstärken zwischen 0 und 2 und Temperaturen von weit über 30 Grad im Schatten vorwiegend unter Motor umrundet hat, dann wünscht man sich doch den frischen Wind und den herben Charme der Ostsee zurück. Schon einmal hatten wir den lange geplanten Bornholm-Trip zugunsten eines dann leider doch windarmen und feuchten Irland-Törns verschoben, und so galt es in diesem Jahr: Bornholm ist dran. Aus der Erfahrung früherer Jahre klug geworden, hatten wir uns für ein geräumiges Boot entschieden, da das Wetter in der Ostsee auch im Hochsommer ungemütlich und recht feucht werden kann. Dann ist es nicht besonders angenehm, einen großen Teil des Tages in einem zu kleinen Boot zu verbringen. Die Waarship 1220 bietet mit ihrer Gesamtlänge von 12,65 Metern ausreichend Raum für die vier Männer, die sich zu diesem Törn zusammengefunden hatten. Ihre zusätzlichen Vorzüge kannten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, und die - zugegebenerweise kleineren - Nachteile ebenfalls nicht. Wenige Wochen vor Antritt der für Mitte August geplanten Reise fielen unerwartet zwei Mitreisende aus, und eine kurzfristige Ersatzbeschaffung erwies sich wegen vielfältiger beruflicher und privater Verpflichtungen als unmöglich. So blieb schließlich nur eine Rumpfmannschaft aus Vater und Sohn übrig, die sich dann allerdings die Schlafplätze an Bord nach Belieben aussuchen konnte. Anreise Am Samstagnachmittag erreichen wir nach langer Autofahrt durch das sommerliche Deutschland das östlich von Rügen liegende Greifswald, dem Rest der Republik bekannt durch ein mittlerweile gottlob stillgelegtes Kernkraftwerk vom Tschernobyl-Typ und durch die medizinische Fakultät der Universität. Doch die Schönheiten des Städtchens können uns an diesem Abend nicht locken, müssen wir doch erst einmal das Boot übernehmen und für ausreichend Proviant und andere Betriebsmittel sorgen. Das Boot erweist sich als äußerst geräumig, zeigt sich aber durch den etwas spartanischen Innenausbau von einer eher spröden Seite. Erst später erfahren wir, dass die Werft dieses Boot als Baukastensystem zum Selbstausbau angeboten hat. Dieses Geschäftsmodell führte nicht nur die Werft in existienzielle Schwierigkeiten, sondern hat auch meist einen überschaubaren Innenausbau zur Folge, da den Besitzern irgendwann Geld oder Lust oder beides ausgehen. So zeigt sich auch unser Boot innen eher wie eine "Rennziege", obwohl kein wesentlicher Bestandteil fehlt. Doch nach anfänglichem Fremdeln freunden wir uns schnell mit dem Boot an, vor allem nach dem ersten Segeltag. Eine weitere Besonderheit dieses Bootstyps stellt die Klinkerbeplankung dar, die das Boot ein wenig wie eine überdimensionierte Version des alten Folkeboots aussehen lässt. Wer nur die glatten Außenwänder der heutigen Segelyachten kennt, zeigt sich anfangs etwas befremdet, bis er dann die großen Vorzüge dieser Bauweise kennenlernt. Vor
der
Brücke
beim
AuslaufenDoch zurück zum ersten Tag: nach dem Leerkaufen eines bundesweit bekannten Discounters - nicht DER, sondern der Andere! - mit so wichtigen Utensilien wie Bier, Rot- und Weißwein entscheiden wir, dass es reine Zeitverschwendung wäre, jeden Abend in der Bordküche ein "Dinner for Two" zu veranstalten, und wenden uns an die lokale Gastronomie. Nahe dem alten Hafen von Greifswald sehen wir ein Gasthaus "Zur Sonne", das jedoch keinen besonders einladenden Eindruck auf uns macht. Erst als uns einige nette Studentinnen auf unsere Frage eben dieses Haus als das beste am Platze empfehlen, kehren wir reumütig dorthin zurück, was angesichts des Einbahnstraßengewirrs in Greifswald für einen Ortsfremden schon eine besondere Leistung darstellt. Die "Sonne" entschädigt uns dann nicht nur durch ihre gute Küche, sondern vor allem durch ihr modernes, fast möchte man sagen "stylisches" Ambiente im Inneren. Auch ohne eine Extraprovision des Wirtes können wir dieses Haus jedem empfehlen, der in angenehmer Umgebung gut essen möchte. Erster Tag Am nächsten Morgen beginnt dann der eigentliche Törn. Nach Wasserübernahme und letzten Checks verlassen wir gegen 9 Uhr unsere Box über den Achtersteven mit Hilfe des sonoren 43-PS-Penta und gleiten bei grauem Himmel und schwachem Wind einen lauschigen, schilfumstandenen Fluss Richtung Meer hinunter. Nach einigen hundert Metern stoppt uns eine Brücke, die entfernt an Vincent van Goghs "Brücke von Arles" erinnert, obwohl heute der blaue Himmel und die kräftigen Farben der Natur fehlen. Nach einiger Zeit erscheinen dann zwei Männer, stoppen in aller Seelenruhe den morgendlichen Verkehr über die Brücke und drehen dann die beiden Hälften mit der eigenen Körperkraft hoch, bis sich eine masthohe Durchfahrt für die Segler öffnet. Diese - darunter wir - gleiten unverzüglich durch die Lücke und streben an den Liegeplätzen und den noch vor sich hin dösenden Ausflugslokalen vorbei dem offenen Meer zu. Die erste BriseBeim Eintritt in die Boddengewässer kann man leider nicht sofort die Segel setzen und lustig drauflossegeln. Beiderseits des schmalen Fahrwassers wird es sofort flach, sodass eine Yacht wie unsere Waarship mit ihren 2,25 Metern Tiefgang dem Tonnenstrich folgen muss. Glücklicherweise herrscht an diesem Sonntag - wie übrigens in der gesamten folgenden Woche - ein südwestlicher Wind, der uns erlaubt, dem erst nach Norden und dann nach Nordosten führenden Fahrwasser unter Segeln zu folgen. Raumschots geht es mit 3 bis 4 Knoten an den grünen und roten Tonnen vorbei, die hier das Fahrwasser mehr als ausreichend kennzeichnen. Doch bis zur Südostspitze von Rügen, dem so genannten "Südperl", vergehen noch mehr als zwei Stunden in dem engen und etwas langweiligen Fahrwasser, und nur die entgegen kommenden Boote bringen ein wenig Abwechslung. So ergeht man sich in verschiedenen Betrachtungen über die Landschaft und besonders über das stillgelegte Kernkraftwerk, das mit seinem rechteckigen Unterbau und den vier großen Türmen an Steuerbord aus dem ufernahen Wald hervorragt. Mit zunehmendem Tag frischt der Wind auf und dreht schließlich ein wenig nach West. Unser Ziel für den ersten Tag ist Sassnitz an der Ostküste Rügens, und dafür müssen wir später einen nordwestlichen Kurs steuern. Wie jeder Segler weiß, kommt der Wind immer aus der Richtung, in die man segeln muss, und diese Regel verletzt der Wettergott auch an diesem Tage nicht. Bis auf die Höhe von Sellin, dem nostalgischen Seebad an der Ostküste, geht es noch nördlich entlang der Küste, dann tritt die "Prorer Wiek" an Backbord weit zurück, die See wird etwas rauher und Sassnitz liegt noch gute zwölf Meilen entfernt im Norwesten. Wir können dank des auf West-Nordwest gedrehten Windes unser Ziel nicht anliegen und müssen erst einen langen Schlag nach Norden aussegeln, der uns in zunehmenden Seegang führt. Der vermittelt uns gleich das richtige Gefühl für die Seefähigkeiten des Bootes. Jetzt zeigt sich auch der Vorteil sowohl der schnittigen Form mit dem langgezogenen Vorschiff als auch der Klinkerbeplankung. Das Boot ist nicht nur ausgesprochen schnell, sondern nimmt auch wenig Spritzwasser über, da die an der Bordwand hochschießenden Wellen durch die Plankenstufen nach außen gelenkt werden. Als wir schließlich nach zwei weiteren Kreuzschlägen gegen 17 Uhr am Wanderrastplatz des Sassnitzer Fischereihafens festmachen, haben wir bereits Seebeine bekommen und unser Boot schätzen gelernt. Unser Boot im Hafen von SassnitzWas wir jedoch gar nicht schätzen, ist der unfertige und der Benutzung entzogene Zustand der Marina, die laut Hafenhandbuch bereits seit einem Jahr in Betrieb sein müsste. So gibt es keine bzw. nur unzumutbare sanitäre Anlagen, während die scheinbar fertiggestellten Stege der Marina gesperrt sind. So müssen wir unser fast dreizehn Meter langes Boot in den deutlich zu kurzen Boxen durch Springs nach achtern absichern, um nicht durch Wind und Schwell auf die Pier gedrückt zu werden. Später hören wir, dass kommunalpolitische Intrigen einschließlich einer grundsätzlichen Abneigung gegen die "artfremden" Yachtsegler - keine bodenständigen Fischer mit Pudelmütze, Norwegerpullover und Pfeife im Mund - ein Grund für die Sperrung der Marina sind. Man kann sich das Geschäft halt auch mit solchen Ressentiments verderben. Die Strandpromenade in Sassnitz direkt am Hafen hat sich jedoch dank privater Investoren sehr positiv entwickelt. Unter Wahrung der alten Bäder- und Hafenarchitektur ist hier eine stilechte und fast authentische Flaniermeile mit Restaurants und Aussichtsplätzen entstanden, die zum abendlichen Bummel mit anschließendem Fischessen einlädt. Auf diese Weise geht der erste Tag angenehm zu Ende. Zweiter Tag Der Montag Morgen begrüßt uns mit einer grauen Wolkendecke, die so gar nicht zum Segeln lockt. Aber heute heißt das Ziel Rønne auf Bornholm, und das liegt schließlich gute fünfzig Meilen nordöstlich von Sassnitz. Bei einer vorsichtig geschätzten duchschnittlichen Geschwindigkeit von 5 Knoten - man weiß ja nie, wie sich der Wind entwickelt - heißt das zehn Stunden auf hoher See. Wenn man rechtzeitig vor dem Abendessen am Ziel sein will, muss man spätestens um 9 Uhr aufbrechen. So laufen wir also kurz nach 9 Uhr aus dem dank der morgendlichen Fischerei-Routine etwas unruhigen Hafen aus und legen uns kurz darauf bei etwa 3 Windstärken platt vor den Südwestwind. Mit Autopilot und wenig Seegang entwickelt sich die Überfahrt in den ersten zwei bis drei Stunden zu einer eher eintönigen Angelegenheit, die nur hin und wieder durch eine vorbeilaufende Fähre unterbrochen wird. Dann taucht an Steuerbord mitten im Meer ein hoher Mast auf, der wie ein Mobilfunkmast aussieht und nördlich der nur für Dickschiffe kritischen Untiefe "Adlergrund" steht. Da auch die Karte keinen eindeutigen Aufschluss gibt, lassen wir diese Angelegenheit auf sich beruhen und sehen den Mast schließlich langsam acheraus sacken. Am Nachmittag frischt der Wind auf Beaufort 4 auf, und mit der ausgebaumten Genua geht es nun per "Flieger" einfacher und schneller, nachdem das Vorsegel bei dem acherlichen Wind doch schon ziemlich erratisch von Seite zu Seite gewandert war. Zwischen 3 und 4 Uhr nachmittags schält sich langsam der flache Schatten von Bornholm aus dem vorlichen Dunst und beendet die landlose Zeit auf "hoher See". Kurz vor dem Einlaufen frischt der Wind dann noch etwas auf, um uns beim Segelbergen ein wenig zu ärgern. Denn mittlerweile hat sich von Südosten ein fühlbarer Seegang aufgebaut, der zwar weder Boot noch Besatzung schadet, beim Bergen des konventionell geriggten Großsegels jedoch nicht gerade hilfreich ist. So steht man also im Seegang - und natürlich Regen! - vor der Mole von Rønne auf dem gegenan stampfenden Boot am Mast und klariert die Buchten des niedergehenden Großsegels. Doch auch diese kleine Unannehmlichkeit geht vorüber, und gegen 17:30 laufen wir in den Yachthafen ein. Glücklicherweise haben die dunklen Ahnungen von überfüllten Häfen getrogen und wir finden auf Anhieb eine - diemal ausreichend lange - Box, in der wir festmachen. Wem das Anlegen im Haupthafen der Stadt authentischer erscheint - schließlich haben Marinas den Ruf von Künstlichkeit und mangelnder Originalität -, dem sei gesagt, dass hier rund um die Uhr Fähren, Fischer und Frachter ein- und auslaufen. Der Yachthafen dagegen liegt ruhig nur wenige hundert Meter nördlich des Fährhafens, ist mit Sanitäreinrichtungen und Einkaufsmöglichkeiten gut ausgestattet und bietet dazu einen kurzen Weg in die Innenstadt. Impressionen von RønneRønne hat sich den Charakter eines Fischereihafens bewahrt und zeigt keinerlei Anzeichen eines forcierten Tourismus. Kleine, gepflegte Häuser säumen die Straßen, und das Ortszentrum besteht aus einem großen gepflasterten Marktplatz mit weitgehend alten, schön restaurierten Gebäuden, die noch den Charme der sogenannten "guten alten Zeit" des 19. und 18. Jahrhunderts ausstrahlen. Ob es damals wirklich so gemütlich und geruhsam zuging, wie es sich so mancher einredet, sei dahingestellt, aber die Vorstellung allein erzeugt ein nostalgisches Wohlgefühl. Auch die kulinarische Seite stimmt hier, sobald man sich auf die typisch skandinavischen Preise eingestellt hat. Doch im Urlaub soll man nicht auf den Cent achten sondern den Augenblick genießen, der eben nicht verweilt, weil er so schön ist. Noch während des Abendessens beschließen wir, uns am nächsten Tag die Insel wenigstens teilweise zu erradeln, um einen unmittelbaren Eindruck von Landschaft und Orten zu gewinnen. Mit dieser guten Absicht im Kopf und einem guten Mahl im Magen lässt sich gut einschlafen. Dritter Tag Am Morgen danach sind die Wolken verschwunden, und der regengetränkte Wind des Vortages ist einem sonnigen Himmel gewichen. Nach ausgiebigem Frühstück mit frischen dänischen Backwaren - man muss sich beim Einkaufen wieder an eine andere Währung gewöhnen! - leihen wir uns bei dem nahe dem Yachthafen gelegenen Fahrradverleih zwei Räder aus und studieren anschließend erst einmal die mitgelieferte Fahrradkarte. Bornholm ist mit seinen knapp 600 Quadratkilometern von überschaubarer Größe, und angesichts der parallelogrammartigen Form kann man grob von 30 km Länge und 20 km Breite ausgehen. Wir entscheiden uns für eine Fahrt ins Binnenland, da wir vom Wasser und von der Küste schon während der Seefaht genug sehen. Etwa 15 km östlich von Rønne liegt der kleine Ort Akirkeby, der laut Plan auf einem separaten Radweg zu erreichen ist. Zwar scheint sich der Autoverkehr auf dieser vom Massentourismus noch nicht entdeckten Insel in Grenzen zu halten, aber dennoch ziehen wir natürlich einen abseits der Straße gelegenen Radweg vor. Während die Radspur innerhalb der Stadt noch entlang der Straße verläuft, zweigt sie bereits kurz nach dem Ortsausgang links ab und führt durch eine typisch nordische Hügellandschaft nach Osten. Gleich zu Beginn geht es mitten durch einen großzügig angelegten Golfplatz, den wir unbeschadet von fliegenden Bällen passieren. Nach kurzer Zeit stoßen wir auf eine "Steinkultur" im Wald neben dem Radweg. Die erste Vermutung, hier handle es sich um alte Wikingersteine ritualen Ursprungs, erweist sich schnell als falsch, denn hier hat ein zeitgenössischer Künstler die verschiedensten Märchenfiguren in Feldsteine gehauen und diese in der Art eines "Kunstwegs" um einen kleinen Teich herum arrangiert. Wie auch andere Radfahrer, halten wir hier, schauen uns die humorigen Figuren an und machen einige Fotos. Die
Rundkirche
von
NylarsWenig später erreichen wir den kleinen Ort Nylars, wo sich eine alte Rundkirche malerisch präsentiert. Das dicke, runde Gemäuer diente vor gut tausend Jahren neben den kirchlichen auch profaneren Zwecken wie dem Schutz vor marodierenden Seeräubern und gibt heute vor allem ein ideales Foto-Objekt ab. Leider ist die Kirche an diesem Tage geschlossen, sodass wir unsere kulturellen Ambitionen zurückstellen müssen. Nun geht es durch flache Felder Richtung Akirkeby, das wir nach einer Gesamtfahrzeug von knapp eineinhalb Stunden erreichen. Der kleine Ort wirkt mit seinen farbigen, ein- bis zweistöckigen Häusern wie eine Modellbaustadt, auf dem Marktplatz begrüßen uns steinerne Gänse in Lebensgröße sowie ein Trödelmarkt, der uns jedoch nicht gerade in einen Kaufrausch versetzt. Stattdessen gönnen wir uns einen Kaffee und ein Eis und genießen die warme Augustsonne. Doch eine lange Siesta verbietet sich, da wir heute noch ein Stück segeln und einen anderen Bornholmer Hafen kennenlernen wollen. Also geht es wieder zurück auf demselben Weg - eine Rundtour akzeptabler Länge bietet sich hier leider nicht an - nach Rønne, wo wir kurz vor zwei Uhr nachmittags wieder eintreffen. Nach der Rückgabe der Fahrräder legen wir unverzüglich ab und laufen mit raumem Wind von Stärke 3 nach Norden. Die Gänse von AkirkebyDer ursprüngliche Plan war, nach Gudhjem auf der Ostseite der Insel zu gehen und dort zu übernachten. Anschließend wollten wir dann weiter nach Nexø an der Ostküste laufen und von dort zurück nach Rügen. Doch zwei Dinge durchkreuzen diesen Plan. Der Wetterbericht sagt für Donnerstag - also übermorgen - 6 bis 7 Windstärken aus Südwest voraus. Geht man davon aus, dass wir spätestens am Donnerstagabend in Sassnitz sein müssen, um dann am Freitag nach Greifswald zurückzusegeln, heißt das, fünfzig Meilen direkt gegenan zu knüppeln. Auf der unvermeidlichen Kreuz würden wir mindestens 14 Stunden benötigen und erst bei Dunkelheit in Sassnitz einlaufen, und das mit einer Minimalbesatzung bei viel Wind und Seegang auf einer vielbefahrenen Wasserstraße. Daher beschließen wir, noch am Mittwoch Strecke nach West gutzumachen, was am besten über einen Abstecher nach Ystad an der schwedischen Südküste zu realisieren ist. Zwar könnten wir diese Strecke auch von Gudhjem gut schaffen, aber das Hafenhandbuch weist Gudhjem als einen kleinen Hafen aus, der überdies im Sommer oft überfüllt ist. Wir sehen uns in Gedanken schon mit unserem 13-Meter-Schiff in einen verstopften Hafen einlaufen und verzweifelt nach einer Lücke suchen, während draußen der Wind auffrischt. Obwohl Gudhjem der schönste Ort Bornholms sein soll, verzichten wir schweren Herzens auf diesen Ausflug und wählen den kleine Ort Tejn an dem Nordzipfel der Insel als Tagesziel. Im Hafen
von
TejnDortin gelangen wir dank des etwas auffrischenden Windes und unseres schnellen Schiffes in etwas mehr als drei Stunden, wobei wir uns erst einmal einmal nach unserer - für Seeleute - erschöpfenden Fahrradtour eine kräftige Vesper mit einem kühlen Bier, Autopilot und Sonnenbrillenwetter gönnen. Kurz vor Bornholms "Nordkap" baumen wir sogar noch die Genua aus, bevor wir mit einer Halse auf Backbord-Bug gehen und gegen 17.30 Uhr in den Hafen von Tejn einlaufen. Der erweist sich jedoch als nicht unbedingt einfach für ein Boot unserer Größe, müssen wir doch um zwei scharfe Ecken und durch eine sehr enge Durchfahrt ins hinterste Hafenbecken, wo - oh Wunder - noch genau EIN Platz an der Pier für uns frei ist. Wir können sogar mit unserer Schokaladenseite - Steuerbord wegen der Ruderwirkung der Schraube - anlegen und liegen hier sicher wie in Abrahams Schoß, ganz gleich, wie es draußen pfeifen mag. Tejn erweist sich als ein ruhiger, kaum touristisch geprägter Hafen. Fischerboote und Segel- wie Motorboote der Einheimischen bevölkern den Hafen, was man daran erkennt, das die meisten Boote unbewohnt sind. Nach unserem vormittäglichen Ausflug haben wir keinen gesteigerten Bedarf an weiteren Besichtigungen und genießen den Rest des Tages in der Nachmittagssonne und dann bei einem zünftigen Fischessen in einem erhöhten Restaurant mit Blick auf die Ostsee. Vierter Tag Im Hafen wirkt es morgens spätsommerlich ruhig. Fast könnte man an einen Strandtag denken, gälte es nicht, Boden - bzw. Wasser - nach Westen gutzumachen. Da wir für die etwa vierzig Meilen je nach Wind nicht mehr als 7 bis 8 Stunden benötigen, lassen wir uns beim Frühstück Zeit und schlängeln uns erst um kurz nach halb zehn aus dem engen Hafen hinaus. Draußen empfangen uns gleich einige "Drücker" aus Südwest, die uns aber nach Setzen der Segel schnell um die Nordspitze von Bornholm führen. Ein letzter Blick zurück zum Leuchtturm, und dann geht der Blick nach vorne, wo schon die schwedische Küste zu sehen ist. Bei mäßigem Wind können wir knapp den Sollkurs nach Ystad - 280 Grad - anliegen, aber der erfahrene Segler weiß, dass Wind und Seegang ihren Teil dazu beitragen, uns nach Steuerbord zu versetzen. Doch mit einiger Aufmerksamkeit am Ruder gelingt es uns, den Kurs bis dicht unter die schwedische Küste zu halten. Als man schon die Steine am Ufer erkennen kann und das Echolot bereits deutlich unter 10 Metern anzeigt, überlegen wir, freiwillig einen Holeschlag nach Süden einzulegen. Doch während wir noch die karge Küste mit ihren wenigen Bäumen und Häusern studieren und ansonsten um jedes Grad Höhe kämpfen, nehmen uns die schwedischen Behörden die Entscheidung ab. Gerade als wir uns der entscheidenden Huk nähern, hinter der wir nach Steuerbord - sprich Nord - abfallen können, stampft ein kleines oranges Motorboot durch die mittlerweile bewegte See auf uns zu und weist uns an, auf See hinauszusegeln. Ein Blick auf die Seekarte klärt die Situation: wir waren gerade dabei, ein Schießgebiet zu durchqueren, das uns beim ersten Blick in die Karte nicht aufgefallen war. Also geht es noch einmal vier Meilen nach Süden, wohin wir eigentlich erst morgen wollten. Der Wind hat mittlerweile auf 4- 5 Beaufort aufgefrischt und lässt das Boot mit entsprechender Krängung durch die von vorne anrollenden Seen preschen. In See vor YstadSo macht Segeln Spaß, vor allem, wenn dabei die Sonne scheint! Allerdings legen wir die Grenzen des in der Seekarte ausgewiesenen Schießgebietes etwas großzügig - in unserem Sinne - aus und wenden schon vorzeitig, um nicht jetzt schon den halben Weg nach Rügen zurückzulegen. Bei weiter auffrischendem Wind geht es nun in zwei Etappen durch die Ecken des Schießgebietes nach Ystad. Offensichtlich wird heute nicht geschossen, denn es ist ausgesprochen friedlich hier draußen, von Wind und Wellen einmal abgesehen. Gegen 17 Uhr stehen wir schließlich vor dem Hafen von Ystad, der unangenehmerweise direkt im Schwell der auflandigen See steht. Unter Achterbahnbewegungen bergen wir die Segel - das Groß immer noch mit manueller Hilfe am Mast - und gehen dann vor der doch nicht geringen See über flaches Wasser in die enge Einfahrt des Yachthafens hinein. So eine Situation ist halt immer ein wenig kitzlig, weil man keinen Fehler machen darf und auf verschiedene Dingen gleichzeitig achten muss. Doch, einmal im Hafenbecken, sieht es gleich ganz anders aus, da die Mole uns vor dem Seegang schützt. Allerdings kann der Wind, der nun mit etwa 5 bläst, ein langsam fahrendes Boot in den Hafengewässern beim Manövrieren ziemlich behindern. Wir merken das, als wir in dem engen Raum zwischen zwei Boxenreihen manövrieren wollen. Natürlich geht in solchen Sitiationen die Ruderwirkung der Schraube immer in die falsche Richtung, dreht uns von der ausgewählten Box weg statt dorthin, und es erfordert einiges Vor- und Zurücksetzen, bis wir endlich in unsere Wunschbox eindrehen und dort mit Hilfe einiger freundlicher Segler festmachen können. Mit nur zwei Mann an Bord ist so ein Anleger bei ungünstigen Windverhältnissen nicht gerade trivial. An der Schwimmpier liegt es sich dann auch nicht sehr ruhig, da diese im auslaufenden Schwell der auflandigen See ziemlich ruckt. Aber wir liegen hier sicher und können uns dem Landgang widmen. Ein
geschmücktes
Haus
in
YstadYstad - die Stadt von Kommissar Wallander. Wer Henning Mankells Krimis gelesen hat, muss hinter jeder Straßenecke das Verbrechen fürchten. Leser mit einer blühenden Phantasie bleiben daher in Ystad lieber gleich an Bord. Wir allerdings wagen den mutigen Schritt an Land, in eine idyllische Stadt mit ländlicher, farbenfroher Bebauung und einem lebendigen Stadtzentrum. Wie durch Zufall finden wir nicht nur ein "Szene-Lokal", das einen guten Blick auf den zentralen Platz und das vorbeiflanierende Publikum ermöglicht - "In-Lokal" -, sondern ergattern sogar noch einen erhöhten Platz an der Rückseite, von dem wir das abendliche Leben in Ystad studieren können. Schnell erkennen wir, dass "man" hierhergeht, um zu sehen und gesehen zu werden - und etwas zu essen und zu trinken. Das tun wir dann auch und verbringen einfachkeitshalber den ganzen Abend hier, immer mit einem Blick auf das idyllische Ambiente von Mankells Tatort, der uns aber gar nicht so düster erscheint. Hin und wieder geht der Blick zum Himmel und zu den Bäumen, die sich im zunehmenden Wind beugen und schütteln. Morgen wird ein bewegter und wahrscheinlich auch feuchter Tag. Schaun 'mer mal! Fünfter Tag Nachts wecken uns öfters der in den Wanten heulende Wind, das rhythmisch im Mast schlagende Fall, das Rucken der Leinen und das Rauschen der Brandung am nahe gelegenen Strand. Daher lassen wir es mit dem Aufstehen etwas langsamer angehen, zumal auch noch einige Regenböen niedergehen. Doch schließlich heißt es "Rise, rise, aufstehen", weil wir heute 55 Meilen freie See vor uns haben. So geht es denn gegen 10 Uhr, als der Wind etwas abgeflaut ist, unter Motor aus dem Hafen und hinein in die aus Südwest stehende See, die sich auf dem flachen Wasser vor dem Hafen steil auftürmt. Der Wind bläst mit etwa 5 Windstärken aus Südwest, so dass wir nicht zu reffen brauchen. Nur die Rollfock setzen wir anfangs halb, um nicht zu weit zu krängen. Als sich aber zeigt, dass unser Boot sowohl die See als auch den Wind sehr gut verträgt, lassen wir die Fock schon nach etwa 20 Minuten ganz heraus. Die Sonne scheint an einem weitgehend wolkenfreien Himmel, und von Südwesten rollen die Seen mit weißen Schaumkronen heran. Es ergibt sich das übliche Bild, das Landratten immer so viel Schrecken einjagt: Ungetüme von drei Metern Höhe wälzen sich auf uns zu, türmen sich immer höher auf, um dann harmlos unter dem Boot durchzulaufen. Dieses Wellenreiten macht nach einiger Zeit richtig Spaß, vor allem, da wir beide nicht die leisesten Anzeichen von Seekrankheit zeigen, obwohl das Boot bisweilen heftig in die Wellentäler einsetzt, wenn zwei oder drei größere Wellen aufeinander folgen. Jetzt zeigt sich auch der Vorteil der Klinkerbeplankung: die Kämme der Welle, die an die Bordwand schlagen, werden meist durch die Kanten der Planken gebrochen und nach außen geleitet; nur vier oder fünf Mal in den neun Stunden der Überfahrt steigt eine Dusche ins Cockpit ein. Dagegen haben wir uns jedoch mit wasserfester Kleidung gewappnet, sodass wir den stundenlangen Tanz durch die Wellen ruhig und trocken abreiten können. Es geht gut zur Sache....Die Überfahrt führt uns durch zwei Hauptschiffahrtswege und bietet als Abwechslung immer wieder nahe Vorbeifahrten an Fähren und Frachtern verschiedener Größen. Segler sind heute weit und breit nicht zu sehen. Es scheint so, als ob 5 Windstärken vielen Seglern schon zu viel für einen Hochseetrip sind. Das ist insoweit verständlich, als wir 4 bis 5 Stunden ohne Landsicht fahren, und das mögen viele Segler nicht so gerne. Mit 6 bis - in den Spitzen - 8 Knoten kämpfen wir uns durch die Seen, und ein Höhepunkt ist das Treffen mit dem norwegischen Kreuzfahrtschiff "Jewel of the Seas", das sich um unser - theoretisches - Vorfahrtsrecht nicht schert und nur wenige hundert Meter vor unserem Bug quert. Wir haben es etwas auf dieses nahe Passieren angelegt, da wir uns das Schiff aus der Nähe ansehen wollen und natürlich jederzeit selbst durch eine kleine Kursänderung eine zu große Annäherung vermeiden können. Das ahnt der wachhabende Offizier auf der Brücke des Kreuzfahrers offensichtlich und lässt sich daher in seinem Kurs nicht beirren. Die See
geht
hoch.....Nach diesem Zusammentreffen auf hoher See sind wir wieder mit den Wellen allein, bis sich gegen 16 Uhr Rügen voraus aus dem Dunst schält. Je näher wir der Küste kommen, desto deutlicher zeigt sich eine dichte Wolkenwand, die über Rügen von West nach Ost zieht und dabei schräge Regenböen hinter sich herzieht. Hier draußen jedoch herrscht herrliches Sommerwetter. Langsam erkennen wir die Steilküste von Stubbenkammer und weit im Westen gerade noch Cap Arkona mit dem Leuchtturm. Um 18 Uhr haben wir Stubbenkammer und die Kreidefelsen querab, die wir von See aus gut studieren können, und eine halbe Stunde später stehen wir kurz vor Sassnitz. Mittlerweile hat sich die nächste schwarze Wolkenwand über ganz Rügen ausgebreitet und öffnet jetzt genau über Sassnitz ihre Schleusen. Der Regen fällt so dicht, dass wir nicht nur die Positionslaternen einschalten, sondern auch auf ein sofortiges Einlaufen verzichten, um nicht pitschnass zu werden. Denn bei einem solchen Wetter findet man keinen Helfer auf der Pier und wird an Oberdeck gründlich durchnässt. So tuckern wir eine Stunde lang mit minimaler Fahrt, Autopilot und Ausguck unter dem Sprayhood vor der Ansteuerungstonne auf und ab, bis sich endlich ein oranger Streifen am westlichen Horizont auftut, der das Ende des Regengusses ankündigt. Kurz nach acht Uhr abends gehen wir dann wieder in eine Box des Wanderrastplatzes, wobei wir die Lösung mit der Spring als Achterleine jetzt schon kennen. Den Tag beschließen wir mit einem deftigen Seemannsessen und zwei Glas Bier in einem bodenständigen Restaurant der Strandpromenade, wobei wir Wind und Wellen dieses Tages noch einmal Revue passieren lassen. Sechster und letzter Tag TGIF - "Thank God it's Friday" - könnte man sagen, doch wir haben keinen Grund, dem lieben Gott für diesen Tag zu danken, denn heute geht es zurück nach Greifswald, um das Boot zurückzugeben. Vor uns liegen etwa fünfunddreißig Meilen, die man jedoch bei der herrschenden Windrichtung aus Südwest ohne Kreuzen in etwa sechs bis sieben Stunden hinter sich bringen kann. Deshalb beginnen wir den Tag erst einmal mit einem guten Frühstück in dem kleinen Strandcafé am Beginn der Pier, denn an Bord gehen die Vorräte langsam zur Neige. Anschließend gönnen wir uns noch einen Bummel durch die Fußgängerzone von Sassnitz mit einem Besuch der Post, um Postkarten einzuwerfen, und anschließend einen Besuch des Museums-U-Bootes, das hier nach fast dreißig Jahren Dienst in der britischen Flotte seinen Alterssitz gefunden hat. Es ist natürlich nicht ohne Ironie, das ausgerechnet ein militärischer Vertreter des früheren Klassenfeindes in Sassnitz Museumszwecken dient, wir jedoch sind froh, dass wir während der vergangenen Woche nicht in einer solchen licht- und luftlosen Röhre verbringen mussten. Dennoch ist der Gang durch dieses Relikt des Kalten Krieges recht aufschlussreich. Um elf Uhr ist es dann endlich Zeit zum Aufbruch. Bei schönem Spätsommerwetter und drei Windstärken geht es mit halbem Wind nach Südosten. Fern an Steuerbord leuchten die weißen Häuser des Seebads Binz, noch weiter im Westen kann man mit dem Fernglas die Dächer des KdF-Komplexes Prora sehen. Diese riesige Ferienanlage wurde im Dritten Reich in dem bekannten bombastischen Stil dieser Epoche über eine Länge von acht(!) Kilometern in den Strand geklotzt, diente in der DDR als Unterkunft für die NVA und steht jetzt unter Denkmalschutz und - leer, da kein Investor die Forderung akzeptieren will und kann, die Hässlichkeit dieses Komplexes nicht anzutasten. Regenbogen vor SassnitzSpäter passieren wir Sellin an Steuerbord, dann den südöstlichen Ausläufer von Rügen mit Nordperl und Südperl. So lange wie möglich laufen wir dabei unter Segeln, selbst als Steuerbord querab schon die Ansteuerungstonne für das Bodden-Fahrwasser vorbeizieht. Mit einem Auge auf der Karte segeln wir soweit wie möglich in das flache Boddengewässer hinein, bis wir schließlich doch die Segel bergen und unter Motor in das schmale Fahrwasser einschwenken müssen. Jetzt sind wir endgültig auf der Zielgeraden, das Segeln ist zu Ende, und passend dazu baut sich eine graue Wand vor uns auf. Doch wir haben Glück: das trockene Wetter hält, auch wenn die Sonne verschwunden ist, und gegen halb fünf stehen wir vor der Hebebrücke. Diesmal ziehen wir fast eine halbe Stunde unsere langsamen Kreise im Hafenbecken, bis schließlich der Brückenwärter erscheint und die Brücke hochkurbelt. Um 17.15 Uhr endet unser Segeltörn mit dem Festmachen in unser Box beim Vercharterer. Der Rest ist Abwicklung. Am letzten Abend genießen wir noch einmal andere kulinarische Lokalitäten, wobei wir auch den großzügig angelegten, autofreien Marktplatz von Greifswald kennenlernen, und landen schließlich in einer gemütlichen Bar beim Absacker. Doch zu lange dürfen wir es an diesem Abend nicht treiben, denn am nächsten Tag steht uns noch eine lange Autofahrt bevor. Das Fazit aus dieser Reise lautet, dass sich für Segler ein Törn durch die Ostsee immer lohnt, auch wenn man sich auf das Wetter nicht so verlassen kann wie im Mittelmeer. Doch auch hier gilt der alte Satz, dass es kein schlechtes Wetter sondern nur falsche Kleidung gibt. Frank Raudszus |
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