Kegelberge und Landidylle

                                                             
Guilin liegt mitten in dem Gebiet der imposanten Kegelberge am Yi-Fluss

 

Stationen der Reise:

Einführung
Peking
Die Chinesische Mauer
Xi'an
Luoyang
Shanghai
Hangzhou
Guilin
Kanton
Hongkong














































































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Vierzehnter Tag:

Früh gegen acht brechen wir auf zum Flughafen und lassen das schöne Hangzhou am See hinter uns. Heute führt uns unsere Reise fast zweitausend Kilometer weit in den Südwesten Chinas, nach Guilin, wo die berühmten Kegelberge stehen.

Das ist China: Baustellen und Bilderbuchberge
Das ist China: Baustellen und Bilderbuchberge


Die Organisation am Flughafen klappt reibungslos, und pünktlich um 10.20 Uhr hebt die voll besetzte Boeing 737 ab. Nach einem weitgehend ruhigen Flug - von einigen Turbulenzen über den Bergen abgesehen - landen wir nach zwei Stunden in Guilin. Schon bei der Annäherung an den Flughafen sehen wir deutlich in weitem Umkreis die markanten Berge, die sich mal wie Kegel, mal wie überdimensionale Pappeln aus der Ebene erheben. Hier hat in Jahrmillionen das einst wesentlich höher liegende Meer den weichen Grund um die Felsenkerne herausgespült und diese alleine stehen lassen. Dank der subtropischen Temperaturen sind die Berge bis zu den Gipfeln dicht bewachsen, und nur hin und wieder schimmert eine schroffe Felswand durch das Grün. In der Ebene zwischen den Bergen kann man überall die von Wasser bedeckten Reisefelder sehen, in denen teilweise - wie auf einer Postkarte - Bauern mit den flachen, kegelförmigen Basthüten arbeiten.

An diesem Tag wartet nur ein Programmpunkt auf uns: der Besuch der "Schilfrohrflöten-Höhle". Der Name führt völlig in die Irre und stammt von dem Schilf am Höhleneingang, hat jedoch mit dem Wesen der Höhle nichts zu tun. Die Tropfsteinhöhle ist nur eine von vielen in der Gegend, wenn auch eine der größten. Früher nutzte die Bevölkerung die Höhlen als Schutzräume bei Unruhen und Kriegen, heute dienen sie - soweit zugänglich - aks Touristenattraktionen.

Blick in die "Schilfrohrflöten-Höhle"
Blick in die "Schilfrohrflöten-Höhle"

Die weitläufige Höhle könnten Ausstatter von Abenteuer- oder Fantasiefilmen nicht effektvoller gestalten: mächtige Stalagmiten recken sich in abenteuerlichen Formationen zur Höhlendecke empor, und von dieser hängen ihre Schwestern, die Stalagtiten, in den Raum hinab. Die Haupthöhle öffnet sich bis zu einer Höhe von neunzig Metern und enthält so etwas wie einen kleinen See, hinter dem eine Reihe unterschiedlich hoher Stalagmiten quasi die "Skyline" von Shanghai oder einer beliebigen anderen Großstadt nachahmen. Der Rundweg führt an etlichen Stalagmiten- und Stalagtitenformationen vorbei, die die menschliche Phantasie geradezu zur realistischen Interpretation herausfordern. Gleich am Anfang kann man sich eine Löwin mit Jungen vorstellen und am Ende den Löwenvater, der die Besucher verabschiedet. Dazwischen ahnt man Eulen, ein altes Paar, Kronleuchter, alte Männer und Elefanten, und auch anderen seltsame Felsformationen kann man Altbekanntes unterschieben. Die Gänge sind schlüpfrig, da seit Jahrmillionen Nässe von der Decke tropft, und die nicht jedermanns Geschmack treffende farbige Beleuchtung der Felsformationen schafft eine unwirklliche Atmosphäre, die nur durch den sehr realen Touristenstrom wieder aufgehoben wird.

Übrigens erfolgt der Zugang zur Höhle zwangsläufig durch den Souvenirshop, und seltsamerweise dauert es gerade in diesem Moment etwas länger, bis die ansonsten perfekte Organisation des Gruppeneinlasses funktioniert. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt! Verlässt man die Höhle und gelangt über die Stiege zurück zum tiefer gelegenen Parkplatz, so muss man noch an den lautstarken Straßenverkäuferinnen vorbeidefilieren, die den Touristen die Bildbände über die Höhle laut schreiend aufdrängen. Da hilft nur stoisches Weitergehen!

Der Rest dieses Tages dient dem Bezug der Hotelzimmer und der Entspannung, die angesichts des umfangreichen Besichtigungsprogramms von Zeit zu Zeit dringend notwendig ist.


Fünfzehnter Tag:

Unzählige Male sind im Laufe der Jahrhunderte die Karstkegel von Guilin erst auf Papierrollen, dann als Ölgemälde oder Aquarelle und schließlich als Fotos festgehalten worden. Jeder ein wenig an anderen Ländern Interessierte müsste sie mittlerweile gesehen haben, auch ohne dort gewesen zu sein. Wir begeben uns heute mitten in diese Landschaft, und zwar auf dem Wasser. Mit dem Bus geht es eine knappe Stunde bis zur Anlegestelle am Li-Fluss; dort erwartet uns das Boot, das uns durch die Kegelfelsen tragen soll. Wer eine typische chinesische Dschunke für vielleicht dreißig Personen erwartet hat, die an einem einsamen Steg unserer harrt, sieht sich herb enttäuscht. Auf dem Parkplatz stehen bereits eine Reihe von Reisebussen, und ein steter Menschenstrom zieht hinunter zur weitläufigen Pier.

Flussfahrt durch eine fremde Bergwelt
Flussfahrt durch eine fremde Bergwelt


Dort warten bereits ein Dutzend flachgehender zweistöckiger Motorschiffe, die jeweils gut hundert Personen aufnehmen können. Es verwundert daher nicht, dass ein Boot nach dem anderen voll besetzt ablegt und flussabwärts gleitet. Das Wetter, das uns morgens mit strömendem Regen geweckt hat, hat sich mittlerweile beruhigt und zeigt einen zwar wolkigen, aber teilweise bereits aufgebrochenen Himmel. Es besteht also berechtigte Hoffnung auf einen schönen Tag. Dabei ist uns ein blauer Himmel mit Sonnenschein gar nicht so erwünscht, da er erfahrungsgemäß unerträgliche Hintze mit sich bringt. So saugt der Wasserdampf der Wolken die Sonnenstrahlen auf und erlaubt uns, entspannt auf dem oberen Deck die vorbeiziehende Landschaft zu genießen - und natürlich zu fotografieren.

Die dreieinhalbstündige Flussreise ist dramaturgisch gut aufgebaut, steigern sich doch die Eindrücke der Landschaft langsam aber stetig. Ist man schon zu Beginn begeistert von den prägnanten Bergketten links und rechts des Flusses, so verweisen Kenner der Szene auf spätere Passagen, die noch dichter, höher und fremdartiger seien. So ist es denn auch. Der Fluss windet sich in immer engeren Kurven durch die Landschaft, und hinter jeder Biegung öffnen sich neue und eindrucksvollere Ausblicke. Man könnte ewig auf dem Oberdeck stehen und die eigenwilligen Formen der Kegelberge links und rechts vorbeiziehen sehen.

Händler auf dem Fluss
Händler auf dem Fluss


 Während der Fahrt begleiten uns kleine Bambusflöße, von einem oder zwei Männern durch das schnell fließende Wasser längsseits der Ausflugsschiffe gesteuert. Dort machen sie in Sekundenschnelle fest und verkaufen vom Floß aus entweder frische Fische an die Bordküche oder den üblichen Tand an die Touristen, sofern diese sich überreden lassen. Je näher wir dem Ziel der Fahrt kommen, desto mehr nimmt die Zahl solcher und ähnlicher Boote zu. Nun sieht man auch kleinere Ausflugsboote mit vier, sechs oder acht Gästen, die entspannt auf Bambussesseln unter einem Sonnendach sitzen und wie wir die Landschaft genießen. Zwischendurch passieren wir an Kiesstränden die Anlegestellen lokaler Ausflugsboote und erleben dabei auch gleich einen neuen Ansturm weiterer Verkaufsflöße. In den Biegungen des Flusses müssen die großen Ausflugsschiffe kräftig gegensteuern und die Maschinen voll einsetzen, da die zentrifugale Strömung sie an das Außenufer zu drücken droht; an anderen Stellen verengt sich das Fahrwasser merklich, da von dem generell sehr flachen Fluss hier nur noch eine schmale Fahrrinne übrigbleibt. Aber unsere Schiffsführer kennen ihr Geschäft und bringen uns sicher zum finalen Anleger in "Fishong Village".

Bäuerin vor Mao
Bäuerin vor Mao


 Dort müssen wir erst einmal das übliche Spießrutenlaufen  zwischen fliegenden Händlern und festen Verkaufsständen absolvieren, ehe wir schließlich am Ende einer kleineren Einkaufsstraße in unsere wartenden Kleinbusse steigen. Dabei handelt es sich um sehr einfache Gefährte mit einem Sonnen- bzw. Regendach, drei einfachen Sitzreihen zu je zwei Plätzen und offenen Seiten. Mit dreien dieser Vehikel geht es hinaus aufs Land, zu den Reisfeldern, in die Dörfer und zu den Menschen. Wir schauen uns ein Reisfeld von etwa zwanzig mal dreißig Metern Größe an und stoppen dann bei einem typischen chinesischen Bauernhof der einfachen Sorte. Hier leben die Menschen noch unter fast primitiv zuz nennenden Bedingungen, mit wenigen und sehr schlichten Möbeln, einer rudimentären Küche, mit Schlafzimmern, die man eher Schlafpritschen nennen möchte, und   - dem obligatorischen Mao-Poster an der Wand. Die jungen Leute sind längst in der Stadt, und die Alten glauben noch an den Großen Vorsitzenden. Verblüffend und ein wenig makaber wirken die beiden Särge, die sich chinesische Bauern jenseits der sechzig anfertigen lassen (müssen), um sich nicht den Zorn und Spott der Mitbürger zuzuziehen, die anderenfalls die spätere Beerdigung finanzieren müssten.

Flossfahrt auf dem Flüsschen
Flossfahrt auf dem Flüsschen

 Zum Abschluss dieser kleinen Landpartie erleben wir noch eine "Massen-Floßfahrt" auf einem kleinen Fluss, bei der Hunderte kleiner Bambusflöße mit bunten Sonnenschirmen und ein bis zwei Gästen auf Bambusstühlen gemächlich flussabwärts gleiten. Die Gäste beschießen sich gegenseitig mit Wasserpistolen und winken den fotografierenden "Langnasen" am Ufer - das sind wir - fröhlich zu. Auf uns wirkt das wie ein großes, friedliches Volksfest auf dem Wasser. Kaum sitzen wir im Bus, der uns zurück nach Guilin bringen soll, bricht ein tropischer Regen aus den Wolken, der bis zum späten Abend nicht mehr aufhört. Wir haben heute wirklich sehr viel Glück gehabt!





Sechzehnter Tag:

Heute Morgen regnet es wieder in Strömen. Vor dem Hotel ziehen Autos und Motorroller ein mächtiges Kielwasser durch die Straße, und im Zimmer wird es trotz morgendlicher Stunde kaum hell. Und gerade heute soll es in die Berge zu einer ethnischen Minderheit gehen, die angeblich von den Chinesen gehegt und gepflegt wird. Angesichts verschiedener Presseberichte der letzten Jahre macht dieser Programmpunkt der Reise in gewisser Weise den Eindruck eines "Arrangements" auf uns. Man möchte uns eine "funktionierende" Minorität vorstellen, der es im Reich der Han-Chinesen rundherum gut geht.

Blick aus dem Busfenster
Blick aus dem Busfenster


 Wie auch immer: durch graues Regenwetter führt uns die Busfahrt erst durch den Stau und die Baustellen von Guilin, dann durch das offene Land. Nach einer halben Stunde verschwinden die Kegelberge im Regenschleier hinter uns, und vor uns kommen langsam langgestreckte, grüne Hügelketten in Sicht. Der Verkehr lässt immer mehr nach, und langsam geht es hinauf in eine sanfte Berglandschaft. Die Fahrweise des Fahrers - Überholen vor Kuppen und Kurven ist normal - erfordert wie während der gesamten Reise viel Toleranz und Gottvertrauen, doch seltsamerweise ergeben sich keine wirklich gefährlichen Situationen.

Als sich rechter Hand ein tief eingeschnittenes Flussbett öffnet, dreht der Bus dort hinein und kämpft sich entlang des steilen Flussufers die Hänge hinauf. Kurve um Kurve geht es aufwärts, und bisweilen hält man, nur die europäischen Busfahrer gewohnt, die Luft an. Und dabei regnet es unaufhörlich. Ziemlich hoch am Berg müssen wir dann unseren bequemen Reisebus verlassen und in kleinere, wendigere Busse umsteigen, denn jetzt geht es wirklich bergauf! Die Fahrer dieser Kleinbusse legen noch einmal einen Zahn zu und schießen teilweise wie Sportwagenfahrer um die Kurven.

Blick ins Dorf Jong Li
Blick ins Dorf Jong Li

Schließlich liefern sie uns heil und gesund am Eingang des Dorfes Jong Li ab. Dies liegt hoch auf dem Bergkamm, oberhalb der Reisterrassen, die sich von hier aus gut bearbeiten lassen. Das Dorf besteht vollständig aus Holzhäusern, die nicht genagelt sondern nur gesteckt sind und einen eigenen, authentischen Charme ausstrahlen. Ein schmaler, mit Steinplatten belegter Weg führt in langen Windungen den Hang empor und verbindet die einzelnen Teile des Dorfes miteinander. Auf diesem Pfad treffen sich Touristen aus aller Herren Länder, vor allem aber aus China. Beim Passieren muss man die Regenschirme kunstvoll kippen, um aneinander vorbeizukommen. Nach drei Ortsteilen, die wir inmitten von Regenwolken durchsteigen, erreichen wir schließlich das Restaurant, in dem das Mittagessen auf uns wartet. Bis dahin mussten wir aber wieder eine Reihe von "Hallo, hallo"-Verkaufsständen passieren, die all die Fabrik-Souvenirs aus China anbieten. Würde man hier wirklich einmal lokale Volkskunst feilhalten, hätten die Verkäufer wohl mehr Erfolg, so stoßen sie jedoch nur auf widerwillige - verständliche - Ablehnung.

Gemüsetransport in Jong Li
Gemüsetransport in Jong Li

Das Essen ist wie immer bekömmlich und schmackhaft, die große Glasscheibe, auf der die Speisen heranrotieren, sorgt für Kommunikation, und der satte Regen draußen kann uns nicht mehr stören. Als schließlich der Ruf zum Aufbruch ertönt, trennen wir uns nur ungern von dieser ursprünglichen Umgebung und steigen wieder vorsichtig den langen, gewundenen Plattenweg zum Parkplatz hinunter. In diesem Moment reißt die schwere Regendecke ein wenig auf und öffnet den Blick auf die Reisterrasse rings um das Dorf. Schon dieser kleine Ausschnitt vermittelt einen Eindruck des großartigen Panoramas, das man von diesem Bergdorf aus bei Sonnenschein genießen kann. Die Kleinbusse bringen uns in zügiger Fahrt hinunter zu unserem Reisebus, und dann geht es den fast zweistündigen Weg durch die Mittelgebirgslandschaft zurück nach Guilin.

Die Erläuterungen unseres chinesischen Reiseführers zu den Minderheiten nehmen wir "cum grano salis" auf, kennen wir doch auch andere Berichte über Minderheiten in China. Ein wenig hat dieser Ausflug den Eindruck einer orgamisierten "good will tour" gemacht, in der die chinesische Tourismusbehörde den ausländischen Besuchern ein positives Bild von ihrer Minderheitenspolitik vermitteln will. Tatsächlich schien die Minderheit in Jong Li vergleichsweise gut zu leben, vergleicht man die gepflegten Häuser mit anderen Behausungen auf dem Lande und in der Stadt, die wir bereits gesehen haben. Inwieweit dieses eine Dorf aber als typisches Beispiel für die Behandlung ethnischer Minderheiten in China zu betrachten ist, bleibt dahingestellt. Die weiteren Ausführungen über den Reisanbau und der Kinderpolitik des Staates nehmen wir nach diesem langen Tag nur noch durch den Schleier des Halbschlafes wahr, und erst in Guilin erwachen wir wieder zu neuer Aktivität.

Szene auf dem Bauernmarkt
Szene auf dem Bauernmarkt

Vor der Abreise gilt es noch den großen Bauernmarkt nicht weit vom Hotel zu erforschen. Hier halten die Bauern der Umgebung nicht nur Obst und Gemüse sondern auch lebendiges Getier aller Art feil, seien es Hühner, Gänse, Enten oder Hasen in Käfigen, lebendige Frösche in Netzen oder Fische aller Arten in wassergefüllten Wannen. Alles wirkt improvisiert und würde einem Besuch eines deutschen Gewerbeaufsichtsamtes genau eine Minute standhalten. Aber hier herrscht pulsierendes Leben, hier feilscht man laut schreiend um ein Huhn oder ein Stück Fleisch, hier spielen vier Frauen neben ihrem Stand gestenreich Karten, als gäbe es keine Kundschaft. Das Gemisch der Gerüche von lebenden Tieren, Gemüse, Gewürzen, Fisch, Fleisch und sonstigen Nahrungsmitteln fordert dem europäischen Besucher einige Toleranz ab, aber mit der Zeit gewöhnt man sich auch daran und schlendert entspannt die langen Gänge zwischen den Verkaufsständen entlang.

Den Abschluss dieses Abends bildet ein privates Abendessen in einem typisch chinesischen Restaurant in der Nähe des Bauernmarktes. Die Sprachbarriere - wir sprechen kein Chinesisch und die Bedienungen nur dieses - führt zu einigen grotesken Situationen, die wir aber alle gemeinschaftlich bewältigen. Als Schlusspointe dieses Abends kommen zwei - bestellte - Schnäpse auf den Tisch, die sich, vom Preis her auf einen kleinen Schluck geschätzt, als Wassergläser voll mit Hochprozentigem herausstellen. Hätte der Schreiber dieser Zeilen das ganze Glas getrunken, wären diese Zeilen an diesem Abend nicht mehr oder in ganz anderer Form entstanden und die morgige Weiterreise nach Kanton (Gouangzhou) wäre wenig erfreulilch verlaufen....

Frank Raudszus