Alte Kolonialpracht im neuen Gewand

                                                             
Das ehemalige koloniale Kanton heißt heute Gouangzhou

 

Stationen der Reise:

Einführung
Peking
Die Chinesische Mauer
Xi'an
Luoyang
Shanghai
Hangzhou
Guilin
Kanton
Hongkong






















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Siebzehnter Tag:

Schon am Morgen
um viertel nach fünf reißt uns der Weckruf heute aus dem Schlaf. Es ist noch dunkel, aber wir müssen bereits um sechs Uhr vom Hotel in Guilin abfahren, da unser Flug nach Gouangzhou kurzfristig um eine Stunde vorverlegt wurde. Etwas müde betrachten wir bei regennassen Straßen die Stadt, die gerade erst erwacht, dafür aber noch freie Fahrt ermöglicht. An der Tigerfarm mit den großen Konterfeis eines Tigers und eines Bären geht es vorbei und die Schnellstraße zwischen den durch Regenwolken schimmernden Kegelbergen entlang zum Flughafen. Auch dort ist noch alles ruhig, so dass Check-In und Sicherheitskontrolle ohne Andrang ablaufen. Pünktlich um zwanzig vor acht hebt die Boeing 737 ab und schwingt sich über die dichte Wolkendecke, wo uns zum ersten Mal seit zwei Tagen wieder die Sonne begrüßt.

Unser Spiegelbild als ironisch Statue
Unser Spiegelbild als ironisch Statue


Wir landen eine knappe Stunde später in Gouangzhou, wie das ehemelige Kanton heute offiziell heißt, bei leichter Bewölkung und hohen Temperaturen. Da wir hier nur einen Tag bleiben und bereits morgen Vormittag nach Hongkong weiterreisen werden, startet das Besichtigungsprogramm gleich vom Flughafen aus. Über die Autobahn geht es ins zwanzig Kilometer entfernte Gouangzhou, und bereits während der Fahrt erfahren wir, dass die Bewohner der Stadt sich selbst Kantonesen nennen, wohl weil es sich einfacher und "griffiger" aussprechen lässt. Wir lernen weiterhein, dass Kanton mit seinen sieben Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt Chinas ist und derzeit - wie alle Städte des Landes - massiv aus- und umgebaut wird. Alte, marode Wohnviertel werden abgerissen - zum Leidwesen authentizätsseliger Touristen -  und durch neue ersetzt, neue breite Straßen ziehen sich durch die Stadt, und selbst eine U-Bahn hat man in dieser "Grundwasserstadt" bereits gebaut und wird sie konsequent ausbauen. Außerdem entsteht hier derzeit der neue fernsehturm, mit 610 Metern Höhe dann das größte Gebäude Chinas (und der Welt?).

Tanzkurs unter der Trasse
Tanzkurs unter der Trasse


Zuerst geht es auf die "Insel" an der Mündung des Perlflusses, wo sich früher die Kolonialmächte niedergelassen hatten. Schattige Alleen mit altem Baumbestand und repräsentativen Kolonialbauten prägen das Viertel und lassen den Erkundungsspaziergang selbst bei diesen tropischen Temperaturen zu einer angenehmen Abwechslung werden. Im Schatten der erhöhten Straßentrasse und mit direkter Aussicht auf die Mündung des Perlflusses haben sich vor allem einheimische Senioren zu allerlei Freizeitbeschäftigungen eingefunden. Nebeneinander üben drei Freiluft-Tanzkurse gleichzeitig Langsamen Walzer, Tango und Cha-cha-cha, wobei sich die unterschiedlichen Rhythmen und Klänge überlagern und eine ungewohnte Mischung ergeben; etwas weiter übt eine Gruppe älterer Menschen Schattenboxen (Tai-Chi), dann wieder trägt ein stimmstarker Chor - meist Frauen - nach chinesischen Noten und dem Taktstock einer dirgierenden Frau Lieder vor, die uns einen Eindruck von der chinesischen Liedkunst vermitteln.
Vier alte Frauen beim Spiel

Vier alte Frauen beim Spiel

An einem Tisch spielen vier alte Frauen ein altes chinesisches Legespiel mit Steinen, ganz der Welt entrückt. Das Ganze macht einen derart friedlichen Eindruck vormittäglichen Freizeitvergnügens, dass man fast Goethes Osterspaziergang zitieren möchte. Ein Kaffee,
im Schatten alter Bäume - ausgerechnet bei "Starbucks" -  genossen, weckt unsere Lebensgeister und stärkt uns für die nächste Erkundungstour.

Ziel ist der Markt in der Altstadt, der sich über mehrere benachbarte Gassen erstreckt und außer Fleisch alle Waren um die Lebenshaltung herum anbietet. Gewürze aller Art, Gemüse und Naturheilmittel stehen dabei im Vordergrund, und in den hinteren Bereichen kann man auch junge Hunde, Katzen und Hasen kaufen, wobei man sich nicht sicher ist, ob die putzigen Kleintiere als Haustiere oder zum Verzehr angeboten werden. Schließlich geht den Kantonesen der Ruf voraus, alles zu essen, was da kreucht und fleucht.....

Der Markt in Kantons Altstadt
Der Markt in Kantons Altstadt

Der Besuch in einem Buddha-Tempel, dessen wichtigstes Wahrzeichen eine neunstöckige Pagode darstellt, nimmt weniger Zeit in Anspruch, da einerseits das Interesse der Reisegruppe an Buddha-Tempeln nach knapp drei Wochen Rundreise ein wenig nachgelassen hat (siehe die anderen Berichte) und andererseits dieser Tempel keinen besonders hohen Altertumswert aufweist. Dafür besuchen wir zum Abschluss dieses Besichtigungstages noch eine Porzellanmanufaktur, wo wir verschiedenen Künstlern beim Bemalen von Glas oder Porzellan zuschauen und die Produkte der heutigen chinesischen Porzellanindustrie bewundern - und kaufen! - können. Die Innenstadt von Kanton mit ihrem Verkehrschaos und ihren lauten Einkaufsstraßen bleibt uns heute erspart, da wir diese Seite China noch einmal in komprimierter Form in Hongkong erleben werden.

Frank Raudszus