Die mehrstöckige Metropole

                                                             
Shanghai - eine einzige Baustelle - fasziniert durch Dynamik und Aufbruchstimmung

 

Stationen der Reise:

Einführung
Peking
Die Chinesische Mauer
Xi'an
Luoyang
Shanghai
Hangzhou
Guilin
Kanton
Hongkong
















































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Zehnter Tag:

Shanghai, welch klangvoller, historisch lang nachhallender Name! Dreh- und Angelpunkt der Seefahrt in Asien seit Jahrhunderten, gefürchtet und geliebt zugleich von Seeleuten mehrerer Epochen. Nicht zuletzt der Begriff "Shanghaien" für die gewaltsame Anwerbung dringend benötigter Matrosen - meist unter Einsatz von Alkohol - verweist auf die damals schon rauhen Sitten in dieser Hafenstadt. Nun - der Hafen ist verschwunden, jedenfalls aus dem Weichbild der Stadt, verlegt auf eine im Meer liegende Insel (wo soll eine solche auch sonst liegen...;-)) und nur über eine spaktakuläre Brücke zu erreichen. Dafür hat sich die Stadt umso mehr entwickelt und binnen weniger Jahre den zweiten Platz in der chinesischen Städtehierarchie - was die Größe betrifft -  erreicht. Ja, eigentlich ist Shanghai die größte Stadt, da Tonking mit dreißig Millionen (!) zwar mehr Einwohner verzeichnet, aber dabei auch umliegende Gebiete einbezieht, während Shanghai nur das eigentliche Stadtgebiet mitrechnet.

Nächtliche Ankunft in ShanghaiNächtliche Ankunft in Shanghai

Ein Investor, der in Shanghai Erfolg hat, wird auch im restlichen China eine gute Chance haben, wer hier scheitert, wird keine weitere Chance erhalten. So konzentrieren der chinesische Staat sowie lokale wie ausländische Investoren ihre Kräfte auf diese Stadt. Binnen zweier Jahrzehnte ist die alte, ein- bis zweistöckige Bebauung so schnell verschwunden, dass sie mittlerweile unter Denkmalschutz steht. Einige Viertel, so die "französische Konzession", sind bereits aufwendig restauriert und zur Touristenattraktion herausgeputzt worden, andere werden folgen. Das hindert die Shanghaier aber nicht daran, den Wettlauf um die höchsten und monumentalsten Wolkenkratzer - hier stimmt dieser Begriff einmal im wörtlichen Sinn - ungehindert fortzusetzen. Diesen Wettlauf kann man vor allem im Stadtteil Pudong auf der anderen Seite des Flusses jenseits des alten Stadtzentrums beobachten. Während es früher hieß "Lieber ein Zimmer im Zentrum als eine Villa in Pudong", hat sich die Situation heute vollständig gedreht. Drei aufwendige Tunnel und mehrere neue Brücken binden jetzt Pudong effizient ans alte Zentrum an und erlauben einen problemlosen Besuch des neuen Bürozentrums. Dort stehen die höchsten Gebäude, alle zwischen vierhundert und fünfhundert Metern hoch: der Fernsehturm mit seinen drei markanten Kugeln, das pagodenförmige Finanzzentrum und der "Flaschenöffner", ein oben durchbrochener Keil, der sich elegant und leicht gebogen in den Himmel schwingt.

Doch wir beginnen den Tag mit einem Ereignis, dessen spektakuläres Wesen wie die berühmte "Faust aufs Auge" zu dieser Stadt passt: einer nahezu vollständigen Sonnenfinsternis. Um 9.32 Uhr soll sich der Mond so zwischen Erde und Sonne schieben, dass er auf einem schmalen Streifen vor und hinter Shanghai - von Ost nach West - die Sonne verdeckt. Leider regnet es an diesem Morgen, und gegen halb zehn stehen wir mit gedämpften Hoffnungen in einem kleinen Park nahe dem Zentrum unter Regenschirmen und harren der Dinge, die da kommen sollen. Die eigentliche Verfinsterungsphase kündigt sich durch das Verstummen der Vögel an, die eben noch munter gezwitschert haben und nun eine verfrühte Nacht für gekommen halten. Dann verdunkelt sich der wolkenverhangene Himmel schnell bis fast zur Nacht, ehe er sich langsam wieder aufhellt und die Vögel wieder zaghaft zu singen beginnen. Die Erde hat uns wieder - doch von dem großen Ereignis haben wir optisch leider nur wenig mitbekommen.

Porzellan im Shanghai-MuseumPorzellan im Shanghai-Museum

Wegen der geringen Erwartungen - schließlich stand die Sonnenfinsternis nicht auf dem Reiseprogramm - nur mäßig enttäuscht, fahren wir in Abwandlung des ursprünglichen Programms direkt zum Shanghai-Museum, und der geplante Altstadtbesuch wird wegen des Regens auf den nächsten Tag verschoben. Das Museum ist ein großzügiger, repräsentativer Bau in hellbraunem Sandstein mit weitem Vorplatz und enthält Porzellan und Malerei aus Chinas Geschichte. In drei Stockwerken bietet das Museum hochwertige Exponate aus allen Epochen und Dynastien, von der Jungsteinzeit bis ins 19. Jahrhundert, und allein in der Porzellanabteilung könnte man Stunden oder gar Tage verbringen, selbst wenn man nicht besonders viel von Porzellan versteht. Ähnlich ist es in der Malerei-Abteilung, wo Rollbilder von Landschaften, Tieren und Gesellschaftsszenen die Vitrinen beherrschen. Daneben stellt die Kalligraphie - die Schriftkunst - einen wichtigen Punkt dar.

Voller kultureller Eindrücke geht es anschließend zum Mittagessen in ein Restaurant, in dem leider nur - westliche - Touristen verkehren. Jedenfalls sieht man an den Tischen keinen einzigen Einheimischen. Danach geht es zu einer Seidenfabrik, wo wir nicht nur die Geheimnisse der Seidenraupen erfahren, sondern wor vor allem die Frauen der Gruppe angesichts der vielen Seidenprodukte in einen Kaufrausch zu verfallen drohen. Nach knapp eineinhalb Stunden verlassen wir diese Stätte mit einigen Tüten mehr und einigen Yuans - die chinesische Währungseinheit - weniger im Portemonnaie. Das Angebot, auf eigene Faust noch die bekannte Nanking-Road, Chinas größte EInkaufsstraße, abzuklappern, nehmen nach diesem Programm und angesichts des regnerischen Wetters nur wenige Reiseteilnehmer wahr.

BLick über den Fluss auf die nächtlich erleuchtete Promenade von ShanghaiBlick über den Fluss auf die nächtlich erleuchtete Promenade von Shanghai

Dafür geht es am Abend noch einmal per Bus auf eine "Lichterfahrt", die uns das nächtliche Lichtermeer von Shanghai nahebringen soll. Zuerst fahren wir in den Stadtteil Pudong  mit den neuesten und größten Wolkenkratzern rund um den Fernsehturm. In allen Farben und Illuminationen präsentieren sich diese himmelhohen Gebäude dem staunenden Publikum, und vom Ufer des Flusses schaut man hinüber auf die Uferzeile des "alten" Shanghai mit ihren in warmes Gelb getauchten Kolonialbauten und den dahinter aufragenden Bürotürmen des Zentrums. Auf dem schwarzen Fluss selbst kreuzen hell erleuchtete Ausflugsschiffe oder schieben sich schwarz-braune Frachtschiffe langsam den Fluss hinauf. Nach dieser "Lichtschau" geht es in den Altstadtbereich der "französischen Konzession", in der sich in aufwendig restaurierten Häusern des alten Shanghai Restaurants, Cafés und sogar ein "Paulaner"-Biergarten drängen. Uns verlangt es aber nicht nach bayerischem Bier, und wir flanieren langsam durch dieses touristisch belebte Viertel zurück zum Bus, der uns zum Hotel bringt.


Elfter Tag:

Das Shanghai-Modell im StadtplanungsamtDas Shanghai-Modell im Stadtplanungsamt

Heute geht es bereits um 8.30 Uhr ins Stadtbauamt, das um neun Uhr öffnet. Nun fragt sich der Leser vielleicht mit Recht, wieso ein Besuch bei einer Planungsbehörde auf dem Reiseprogramm steht. Doch diese Behörde lässt sich nicht vergleichen mit den üblichen Stadtplanungsämtern in unseren Städten. Man kann das Shanghaier Stadtbauamt eher als "Vorwärts-Museum" bezeichnen, das nicht die Vergangenheit sondern die Zukunft der Stadt darstellt. Im ersten Stock kann der Besucher ein Stadtmodell im Maßstab 1:1000 umwandern, das alle bestehenden und geplanten Gebäude des Stadtkerns enthält. Hier konnten sich die Modellbauer richtig austoben, und der Besucher kann die Hauptverkehrsadern der Stadt gut erkennen. In den anderen Stockwerken sieht man Modelle der Flughäfen sowie des dreißig Kilometer außerhalb liegenden Seehafens. Außerdem kann man in einem Fahrsimulator per Auto und Boot zum Hafen hinausfahren. Viele Schautafeln und ein Panorama-Kino stellen die Ist-Situation und das zukünftige Shanghai dar. Für Freunde plastischer Visualisierungen des Städtebaus ist das Stadtbauamt ein wahres Mekka und sei jedem Shanghai-Besucher wärmstens als Besuchsziel ans Herz gelegt.

Der Yuyang-Garten mit TouristenDer Yuyan-Garten mit Touristen

Danach folgt das pure Kontrastprogramm: wir besuchen die restaurierte Altstadt mit ihren typisch chinesischen Teehäusern und verstreuten Teichen, fühlen uns dabei jedoch ein wenig in die Drosselgasse von Rüdesheim zur Hochsaison versetzt. Statt eines verschlafenen aber authentischen Stadtteils erleben wir ein perfekt durchorganisiertes Touristenviertel mit "Starbucks" und etlilchen Souvenirläden. Die üblichen Straßenverkäufer von Fälschungen aller Art schwimmen im dichten Touristenstrom mit wie Fische im Wasser, und auf der ihrem Namen alle Ehre machenden "Zickzack"-Brücke bewegt sich die Menschenmenge wegen der vielen Ecken nur mühsam vorwärts. Selbst im Yuyuan-Garten, den einst ein hoher kaiserlicher Beamter privat anlegen ließ, dominiert die fotografierende Menge die von Teichen, lauschigen Teehäuschen, schattenspendenden Bäumen und markanten Felsgebilden geprägte Anlage. Aber schließlich sind wir auch (nur) Touristen, gar aus dem Ausland, fotografieren selbst und können uns daher eigentlich nicht über die Masse von Fototouristen beklagen. Touché!

Zum Abschluss des Tagesprogramms besuchen wir noch einmal den "Jin Mao Tower" in Pudong, mit seinen 340 Metern Höhe das zweitgrößte Gebäude in Shanghai. Hoch oben auf der Aussichtsplattform haben wir zwar eine hervorragenden Sicht auf die Nachbartürme, vor allem den "Flaschenöffner" mit seinen 410 Metern gleich nebenan, ansonsten reicht die Sicht aber gerade über den Fluss bis ins Stadtzentrum und verliert sich dann in grauen Regenwolken. Man kann halt nicht alles haben, aber auch so hat sich die schnelle Fahrt mit dem Fahrtsuhl - 9 m/sek ! - gelohnt.

Tellerdreherinnen bei der AkrobatikshowTellerdreherinnen bei der Akrobatikshow

Den letzten Abend in Shanghai verbringen wir in einer Akrobatikvorführung. In Deutschland hat sich der chinesische Zirkus bereits einen geradezu sagenhaften Ruf erworben, und diese Demonstration bewegt sich absolut auf gleicher Höhe wie die Gastspiele des Staatszirkus. Ob Sprungstafetten junger Männer durch immer kleinere und höhere Ringe, ob der fragile Turm von Stühlen mit dem gar nicht so ratlosen Artisten auf der Spitze, ob die Teller drehenden jungen Frauen in alten chinesischen Gewändern oder ob das athletisch-grazile Paar am Vertikaltuch: jede der zwanzig Nummern begeistert durch ihre Präzision, Kraft und Körperbeherrschung. Den krönenden Abschluss bildet eine wilde Motorrad-Rallye von bis zu vier (!) Fahrern in einer engen Hohlkugel, bei der den Zuschauern ob der geringen Abstände und der rasenden Geschwindigkeit der Atem stockt. Sogar das Licht erlischt und nur die wild rotierenden Scheinwerfer und Rücklichter sind noch zu sehen. Schließlich kommen alle Fahrer wohlbehalten aus dem Kugelkäfig zurück und das Publikum bedankt sich bei dem Ensemble mit begeistertem Beifall.

Damit enden zwei aufregende Tage in Shanghai standesgemäß und wir freuen uns schon auf unser morgiges Ziel, den Badeort Hangzhou!


Frank Raudszus