Eine unterirdische Armee aus Ton

                                                             
Die Stadt Xi'an mit der Terrakotta-Armee und den Kaisergräbern

 

Stationen der Reise:

Einführung
Peking
Die Chinesische Mauer
Xi'an
Luoyang
Shanghai
Hangzhou
Guilin
Kanton
Hongkong























































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Vierter Tag:

Diesen Morgen reißt und der Weckruf bereits um sechs Uhr aus dem Schlaf - obwohl wir längst wach sind -, denn heute reisen wir weiter nach Xi'an, der alten Kaiserstadt aus der Han-Dynastie. Um halb neun wälzen wir uns mit dem Pekinger Morgenverkehr Meter für Meter auf verschiedenen völlig verstopften Ring- und Ausfallstraßen, bis es nach einer dreiviertel Stunde endlich flotter vorangeht. Auf der uns bereits bekannten Straße zuzm Flughafen brauchen wir nur noch wenige Minuten. Check-In und Sicherheitskontrolle gehen erstaunlich zügig über die Bühne, so dass wir uns sogar noch eine kleine Pause mit "China Mail" und "USA Today"(!) gönnen können, bevor es in die Maschine geht.

Der Flug nach Xi'an dauert knapp zwei Stunden. Auf der Landkarte sieht die Entfernung aus wie ein Katzensprung, in Wirklichkeit beträgt sie aber über 1600 Kilometer, also etwa eine Strecke wie Frankfurt-Malaga. In China zeigt sich das uns früher nur von den USA bekannte "Distanz-Syndrom" noch viel schärfer: ein Blick auf den Globus zeigt, dass die USA sich flächenmäßig gegenüber China etwa so verhalten wie Deutschland gegenüber den USA (vielleicht ein etwas gewagter Vergleich....). Dieses Land kann man eigentlich nur per Flugzeug abreisen, wie wir später noch sehen werden.

Gegen 13 Uhr landen wir in Xi'an, und vom Flughafen geht es wegen des engen Zeitplans direkt zu den Ausgrabungsstätten. Die Hitze hat uns hier in Xi'an wieder voll im Griff. Durch einen noch diesigeren, graueren Himmel als in Peking - Smog darf als Ursache aus gutem, riech- und schmeckbarem Grund vermutet werden
buchstäblich - kann sich die Sonne zwar kaum durchsetzen, dafür lädt sie jedoch die Schadstoffe in der Luft mit satter Hitze auf, so dass man sich wie in einem Backofen fühlt. Im glücklicherweise klimatisierten Bus geht es die wenig befahrene Straße ins flache Land entlang, bis linker und rechter Hand deutlich sichtbare Erdhügel auftauchen. Hier ist auf einer weitläufigen Fläche während der Han-Zeit (206 v. Chr. - 220 n. Chr.) eine große Zahl von kaiserlichen Gräbern errichtet worden, deren wertvolle Inhalte man erst vor wenigen Jahren entdeckt hat. Das Grab des Kaisers Liu Qi (188 - 141 v. Chr.) wurde in den letzten Jahren professionell geöffnet und ausgewertet, und die Fundstücke wurden in einem separaten Museum zusammen mit umfassenden Informationen über die Gräberansammlung ausgestellt. Die Herrscher der damaligen Zeit litten wie viele ihrer Vorgänger und Nachfahren unter der unerhörten Tatsache der auch für sie unvermeidlichen Vergänglichkeit und sorgten daher reichlich für das erhoffte Leben im Jenseits vor. Der Bau von Liu Qis Grabstätte dauerte ganze 28 Jahre und verzehrte ein Drittel des Steueraufkommens des Reiches. Man kann sich vorstellen, wie freudig das gemeine Volk an dem Werk für die Ewigkeit gearbeitet hat und welche Opfer es für die Errichtung gebracht hat, und versteht nach solchen Zahlen auch die häufigen Unruhen und Umstürze der damaligen Zeit.

Reiter aus den kaiserlichen GräbernReiter aus den kaiserlichen Gräbern

 Um die zentrale Grabkammer sind lange Reihen - wie Straßen - von Opferbeigaben angelegt, in denen vor allem Tiere und Menschen in Ton in verkleinertem Maßstab - etwa 1:3 - aufgestellt wurden, alle in Reih und Glied mit Blick zum Kaisergrab. Unter den etwa 60 cm hohen Menschenfiguren, die ursprünglich farbenfrohe Seidengewänder trugen, gibt es Soldaten, Beamte und Dienerinnen, dazu Reiter und sogar Streitwagen. Für die Verpflegung während der langen Fahrt ins ewige Leben nach dem Tode folgen Rinder, Schafe, Ziegen und was man sonst noch so an lebenden tierischen Lebensmitteln benötigt. Das Museum zeigt alle diese Exponate zusammen mit vielen historischen und praktischen Erklärungen. Da es unterirdisch angeordnet ist, gestaltet sich der Besuch dank der Kühle recht entspannt.

Anschließend geht es zu den Ausgrabungsstätten selbst, die ebenfalls unter der Erde liegen und von einer modernen Konstruktion großzügig überdacht sind. Man kann hier im kühlen Halbdunkel die unzähligen, noch halb oder ganz im Erdreich steckenden Figuren betrachten, die das archäologische Personal in mühevoller, jahrelanger Kleinarbeit vorsichtig aus dem Boden kratzt. Eine gläserne Abdeckung erlaubt die Betrachtung direkt von oben an den eigenen Füßen vorbei, wobei der Gang über den durchsichtigen Boden anfangs erwas gewöhnungsbedürftig ist. Nach der Besichtigung empfängt uns die Backofenhitze des Nachmittags mit gnadenloser Brutalität, und wir retten uns schell in unseren klimatisierten Bus.

Abendliche Wasserspiele in Xi'anAbendliche Wasserspiele in Xi'an

 Nach dem Abendessen im Hotel, das im inneren Stadtmauer-Geviert liegt, geht es noch einmal hinaus ins nächtliche Xi'an. Im Süden der Stadt finden jeden Abend auf einem weiten Platz nahe einer hoch aufragenden Pagode Wasserspiele statt, bei denen das Wasser je nach Begleitmusik - von chinesischer Pentatonik bis zu Mozarts "Kleiner Nachtmusik" - unterschiedlich beleuchtete Wasserfontänen in wechselnden Höhen und Richtungen in den Nachthimmel schießen. Ein Spektakel, das jeden Abend Tausende von Einheimischen und Touristen besuchen und bei dem sich vor allem die Jugend mit Vorliebe mitten in die Wasserfontänen stellt und sich nass spritzen lässt. Bei der immer noch herrschenden Hitze lockt auch uns die Versuchung, sich einmal durchduschen zu lassen, aber dann siegt doch die erwachsene Vernunft über die kindliche Spontaneität.....

Nach dem Abklingen der Wassermusik geht es noch zum Südtor der Stadtmauer, wo sich abends die Bevölkerung spontan zu Musik und Tanz einfindet. Zum improvisierten Konzert junger Männer an großer Pauke, Becken und Klöppeln bewegen sich Männer und Frauen aller Altersstufen in geregeltem Formationstanz, wobei sie rote Sonnenschirme oder rote Tücher ("Rot" muss sein!) schwenken. Ein Spaziergang über den "Nachtmarkt", auf dem in einer langen, schmalen Gasse Hunderte kleiner Stände Schmuck, Scherenschnitten und Speisen aller Art anbieten, beendet einen wieder einmal ereignisreichen Tag.


Fünfter Tag:

Heute steht die berühmte "Terrakotta-Armee" der Qin-Dynastie (221-206 v. Chr.) auf dem Programm. Dazu geht es mit dem Bus etwa eine Stunde hinaus ins flache Land, wo wir schließlich in der Nähe einer kegelförmigen Erhebung halten. Diese Anhöhe ist der Rest einer Grabpyramide und im Laufe der letzten 2200 Jahre etwas eingefallen. Hier hatte der letzte Kaiser der Qin-Dynastie - direkter Vorgänger der Han-Kaiser - in den letzten Jahren seines Lebens ein gewaltiges Mausoleum bauen lassen, in dessen Mittelpunkt besagte Pyramide mit der Grabkammer stand.

Übersicht über die Ausgrabungen der Terracotta-ArmeeÜbersicht über die Ausgrabungen der Terracotta-Armee

Im Laufe der Jahrhunderte geriet der historische Hintergrund dieser Pyramide in Vergessenheit, die äußeren Mauern bröckelten oder dienten den Bauern als Steinbruch, und schließlich vereinnahmte die Natur das einstmals bewusst gestaltete Gelände wieder. Im Jahr 1974 jedoch zog ein Bauer hier beim Anlegen eines Brunnens plötzlich Fragmente tönerner Statuen aus der Tiefe ans Tageslicht und benachrichtigte glücklicherweise sofort die zuständigen Behörden. Bereits im Jahr 1979 öffnete hier die erste Museumshalle ihre Pforten, um den erstaunten Besuchern die Ausgrabungen zu präsentieren. Ähnlich den oben beschriebenen Kaisergräbern hatte man hier Soldaten, Tiere und Streitwagen unter der Erde in langen Reihen aufgestellt, jedoch in natürlicher Größe. Obwohl bis heute nur ein kleiner Teil der im Laufe von zwei Jahrtausenden eingestürzten Gänge freigelegt wurden, konnte man bisher schon Tausendevon Kriegern aller Rangstufen, hohe Beamte und Streitwagen samt Pferden identifizieren und zum großen Teil in mühsamer Kleinarbeit wiederherstellen. Dabei fasziniert vor allem die ausgefeilte Gestaltung der einzelnen Figuren, die trotz mittlerweile verblichener Farben wegen ihrer individuellen Gesichtszüge geradezu lebendig wirken.

Restaurierte Terracotta-Krieger in einem der GräbenRestaurierte Terracotta-Krieger in einem der Gräben

Im Laufe von gut dreißig Jahren haben die chinesichen Archäologen Hunderte von tönernen Soldaten restauriert und in drei Hallen aufgestellt, teilweise in den weitgehend ausgehobenen Gängen - natürlich ohne die mittlerweile vermoderten Holzverkleidungen -, teilweise auf noch nicht untersuchten Lössflächen, die noch ihrer Erkundung harren. In einer Halle hat man die Oberfläche im Fundzustand erhalten, nachdem man lediglich das darüber liegende Erdreich abgetragen hat. Die Absenkungen, wo das Erdreich durch die verfaulten Holzdecken eingebrochen ist und die Tonfiguren verschüttet hat, sind deutlich zu erkennen. Hier warten noch jahrelange Arbeit und wahrscheinlich noch eine Reihe weiterer Überraschungen auf die Ausgräber.

Bronzestreitwagen im MuseumBronzestreitwagen im Museum

 Die Geschichte der Terrakotta-Armee von ihrer Aufstellung bis zu ihrer Entdeckung und Freilegung wird noch einmal in einem separaten Panorama-Kino lebendig, in dem die Besucher
auf großen Rundumschirmen packende Filmszenen aus der alten und jüngsten Geschichte nachempfinden können. An einer anderen Ausgrabungsstätte fand man zwei Streitwagen mit je vier Pferden und Wagenführer aus Bronze, etwa im Maßstab 1:2. Während die hölzernen Wagen in den unterirdischen Gängen im Laufe der Zeit vollständig verrottet sind, haben sich die Bronzeversionen gut erhalten und sind in allen Details gut erkennbar.

Um den informationsreichen Museumstag abzurunden, legen wir noch eine Pause in dem großen Teehaus am Rande des Ausstellungsgeländes ein, in dem man sich einen konkreten Eindruck von der Vielfalt und den feinen Geschmack
sunterschieden chinesischer Teesorten verschaffen kann. Den Abend beschließt dann ein "Teigtaschen-Essen" in einem für diese chinesische Spezialität bekannten Restaurant, das an diesem Samstagabend ausgebucht ist und vor Betriebsamkeit geradezu summt. Die vielen kleinen Teigtaschen mit unterschiedlichem Aussehen und vielfältiger Füllung erweisen sich als so schmackhaft und sättigend, dass dieser Tag auch kulinarisch mehr als zufriedenstellend endet.


Sechster Tag:

Schon früh um acht treffen wir uns im Hotelfoyer, da die langen Schlangen vor dem Historischen Museum gefürchtet sind und unser Reiseleiter nicht weiß, ob man uns als Gruppe bevorzugt einlassen wird. Als wir vor dem Museum ankommen, eilt unser chinesischer Betreuer - der ist trotz deutscher Reisleitung obligatorisch! - mit den Pässen sofort zur Kasse, kommt aber bald mit der bedauerlichen Nachricht zurück, dass wir uns leider einzeln in die Schlange der Wartenden einreihen müssten. Da diese jedoch bereits um halb neun morgens um die zweihundert Meter lang ist, schlägt er vor, den Museumsbesuch auf den morgigen Sonntag zu verlegen, an dem wir auf jeden Fall bevorzugt behandelt werden sollen.

Die große Pagode von Xi'anDie große Pagode von Xi'an

Stattdessen geht es zur Großen Pagode südlich des Platzes mit den abendlichen Wasserspielen. Sie entstand während der Tang-Dynastie im 7. Jahrhundert n. Chr. zu Ehren des Mönchs Zuon Yang, der damals eine lange Reise in den Westen unternahm. Sie führte ihn in alle wichtigen Orte des mittleren Orients - Afghanistan, Indien - und dauerte dreißig Jahre, ehe Zuon Yang mit einer umfangreichen Büchersammlung zurückkehrte. Die Pagode besteht aus neun Stockwerken und erhebt sich, von Weitem sichtbar, deutlich über ihre Umgebung. Mehrere Gebets- und Wohnräume des immer noch betriebenen Klosters sowie kleine, schattige Parks umgeben den mächtigen, grauen Turm mit quadratischem Grundriss.

Die zunehmende Hitze - heute strahlt die Sonne umbarmherzig aus einem stahlblauen Himmel - treibt uns bei jeder sich bietenden Gelegenheit in den Schatten und dämpft ein wenig die Aktivitäten. So retten wir uns nach dem Besuch der Pagode dankbar in ein prächtiges, vielfarbig ausgestattetes Theater-Restaurant und genießen die klimatisierte Atmosphäre und ein chinesisches Buffet.

Danach unternehmen wir noch einen Abstecher zu einer Moschee mitten im Muslim-Viertel mit seinen engen, verschatteten Gässchen und lassen die Stille des Ortes mit seinen kleinen Gärten, Skulpturen und Gebetshäusern auf uns wirken. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass diese Moschee vollständig im chinesischen Tang-Stil erbaut wurde und daher auf den ersten Blick nicht als Moschee zu erkennen ist. Ein Spaziergang durch die engen Gassen mit ihren vielen bunten Verkaufsständen beendet das Programm für diesen Tag, bevor wir uns einmal einem privaten Entspannungsprogramm mit Sc
hwimmen und Schlummern widmen können.

Morgen werden wir weiterreisen nach Luoyang, um die berühmten Felsengrotten zu besichtigen.

Frank Raudszus