Der Charme der Marken

                                                             
Ancona, Sirolo und Umgebung

 

Stationen der Reise:

Einführung
Florenz
Arezzo und der Apennin
Sirolo und Ancona
Perugia und die Trasimenischen Seen
Montepulciano und Umgebung
Siena und Volterra
Lucca und Viareggio





































Ihre Meinung über E-Mail hier


Eigentlich war die Toskana Ziel dieser Reise, doch die Sehnsucht nach dem "Lido" wahr so stark, dass wir den langen Abstecher an die Adriaküste einplanten, um hier noch einmal drei Tage Seeluft zu schnuppern. Hier befinden wir uns in den "Marken", wie diese Region heißt, und dazu mussten wir sogar noch Umbrien durchqueren.

Der Sonnenaufgang in Sirolo
Der Sonnenaufgang in Sirolo


Nun sind wir also an der Küste, und unser erster Blick am Morgen gilt dem Sonnenaufgang über dem Meer. Der Himmel zeigt sich nahezu wolkenlos, und so können wir das Schauspiel der ihre "Rosenfinger ausstreckenden" Morgensonne ausgiebig bewundern. Das Frühstück erweist sich als typisch italienisch: offensichtlich stehen die Italiener im letzten Moment auf, stürzen einen Espresso hinunter und nagen an einem harten Kuchen, um dann davonzueilen und anderswo einen zweiten Imbiss zu sich zu nehmen. Das zwiebackähnliche Brot motiviert uns dazu, eine Bäckerei zu suchen und uns frisches Brot zum Frühstück zu besorgen.

Nach einem nun endlich gelungenen Frühstück geht es hinunter zum fünfzig Meter tiefer liegenden Strand, der bei dem sonnigen Morgen zum Sonnenbade lädt. Frohgemut hüpfen wir die langen Serpentinentreppen hinunter, dabei einen - nun leeren - Parkplatz nach dem anderen passierend. Als wir endlich den Strand erreichen, mischt sich in die Freude über das malerische Ambiente ein wenig mit Enttäuschung: der Strand besteht aus rundgeschliffenen Kieselsteinen, nicht aus weichem Seesand. Ansonsten erfüllt er jedoch unsere Erwartungen. Zwei oder drei kleine Restaurants kuscheln sich an die Steilküste, die mit ihren sich weit nach Norden ausdehnenden Kreidefelsen ein wenig an Rügen erinnert. Vor den Restaurants liegen bunte Boote, wie wir es von einschlägigen Gemälden und Werbefotos kennen. Eine Mole schützt den Strand vor der Brandung und die ganze Umgebung verströmt die Atmosphäre eines größeren Privatstrandes.

Der Strand von Sirolo
Der Strand von Sirolo

Wir bedauern, keine Badesachen in diesen Herbsturlaub mitgenommen zu haben, und beschließen, diesem Mangel durch eine entsprechende Einkaufstour umgehend abzuhelfen. Als wir uns jedoch umwenden und die Treppen zum Hotel wieder hinaufsteigen - das dauert jetzt deutlich länger -, sehen wir bereits eine Wolkenwand von Nordwesten her übers Land ziehen. Als wir später im Auto sitzen, hat sich die Wolkendecke verdichtet, obwohl im Osten immer noch die Sonne aus einem blauen Himmel strahlt. Angesichts dieser Aussichten beschließen wir, zum Einkaufen ins rund zwanzig Kilometer entfernte Ancona zu fahren, da in absehbarer Zeit mit Sonnenbaden nicht zu rechnen ist.

Allein der Ausblick beim Verlassen des höher gelegenen Sirolo rechtfertigt diesen Ausflug. Vor uns erstreckt sich eine weite Landschaft mit der typischen ockerfarbenen und dunkelgrünen Einfärbung. Auf größeren, vulkanartigen Anhöhen thronen Ortschaften, die schon von weitem einen ursprünglichen Eindruck verbreiten, sieht man doch keine Hochhäuser. Die Straße schlängelt sich durch diese Anhöhen und Bergrücken hindurch und führt uns durch den morgendlichen Montagsverkehr schließlich nach Ancona. Mittlerweile hat sich die Sonne endgültig verabschiedet, und eine graue Wolkendecke liegt über dem Land.

Gasse in Ancona
Gasse in Ancona


Ancona ist eine Hafenstadt von etwa 100.000 Einwohnern, die neben dem üblichen Handelshafen einen Fährhafen mit regem Verkehr zwischen verschiedenen Zielen an der westlichen und östlichen Adriaküste beherbergt. Man nähert sich dem Hafen von oben und kurvt, wenn man die Haupt-Einfallstraße nicht kennt oder nicht benutzen will, durch enge, hohe Gassen zum Hafen hinunter, an der Universität vorbei und wegen der rigiden Einbahnstraßenregelung bisweilen im Kreis fahrend. Das größte Problem besteht natürlich in der Parkplatzsuche, aber beim fünften versteckten Parkplatz weiter oben bei einer Kirche haben wir schließlich Glück. Die Kirche schenken wir uns, weil heute "Shoppen" statt Kultur auf dem Programm steht. Außerdem verbreitet die noch ziemlich ursprüngliche Stadtstruktur fürs Erste ausreichend kulturelle Atmosphäre, die jedoch bald durch den einsetzenden Regen ein wenig gemindert wird. So lassen wir es bei einem beschirmten Rundgang über die wichtigsten, nun wegen des Wetters recht leeren Plätze bewenden und wenden unsere Aufmerksamkeit den örtlichen Boutiquen zu. Wenn man schon einmal zum Einkaufen geht und das Wetter sowieso den Sonnengenuss verhindert, kann man auch eine ausgedehnte Boutiquen-Recherche unternehmen. Dass diese letzten Endes nicht ohne finanzielle Folgen bleibt, versteht sich von selbst, aber - man gönnt sich ja sonst nichts!

Am frühen Nachmittag - die Restaurants in Ancone sind noch öd und leer - verlassen wir Ancona wieder bei nun schon stärkerem Regen und fahren auf der kurvenreichen aber wenig befahrenen Küstenstraße zurück nach Sirolo. Die Fahrt gleicht einer Tour durch einen Naturschutzpark und als ein solcher stellt sich dieses Gebiet anschließend auch heraus: kaum Ortschaften und wenn ja, dann alte und authentische; keine Uferbebauung, keine hochgelegenen Privatvillen auf einsamen Felsen, sondern reine Natur. In Sirolo treibt uns der Hunger in ein Kellerrestaurant, das offensichtlich die Einheimischen vorziehen. Die Speisen sind frisch, bodenständig und preisgünstig, die Bedienung noch nicht durch den Massentourismus verdorben. Hier erleben wir auf trockenen Stühlen aus sicherer Entfernung ein wahres Unwetter, das sich vor unseren Augen draußen abspielt. Waagerecht peitscht der Regen an die Scheiben, die Pinien schwanken mit gefährlicher Neigung im Sturm und drohen umzufallen, Donner und Blitz begleiten Sturm und Regen. Obwohl wir nur wenige Meter bis zu unserem Hotel zu überbrücken haben, wagen wir es nicht, das Lokal zu verlassen, und werden mit zwei Limoncelli (ein Schnaps) getröstet. Irgendwann schaffen wir doch noch den Sprung zum Hotel und lassen den Nachmittag mit der Betrachtung unserer Einkäufe ausklingen. Für das Abendessen gehen wir noch einmal zu unserer Mittagsadresse.

Blick in die Landschaft zwischen Sirolo und Ancona
Blick in die Landschaft zwischen Sirolo und Ancona

Am nächsten Morgen strahlt wieder die Sonne unschuldig aus einem
makellos blauen Himmel, doch die Temperaturen sind deutlich gesunken. Für einen Strandspaziergang mit angeschlossenem Sonnenbad reicht es aber immer noch. Wir versuchen, der "Touristenmeile" südlich von Sirolo einiges abzugewinnen, doch jetzt im Herbst zeigt sie sich tot und abweisend. Kein offenes Café, kein Liegestuhl-Verleih, heruntergelassene Rolleaus. Nach einem längeren Spaziergang entlang der heftig brechenden Brandung kehren wir zurück man unseren "Hausstrand" unterhalb des Hotels und Kuscheln uns mit einem guten Buch in eine windstille Ecke der Mole, bis sich die Sonne am frühen Nachmittag hinter den Felsen zurückzieht. Kurz entschlossen setzen wir usn ins Auto und suchen eine der malerischen Ortschaften auf den Anhöhen auf. In Camerano, etwas nördlich von Sirolo gelegen, stellen wir das Auto am Straßenrand ab und steigen die engen Gassen hinauf. Jetzt zeigt sich jedoch die Kehrseite, dass hier, am Rande des Naturschutzgebiets, der Tourismus noch unterentwickelt ist. Der Ort trägt zwar typische Züge der Region - alte Gemäuer, enge Gasen, schöne Ausblicke -, kann jedoch weder besondere Sehenswürdigkeiten noch ein akzeptables Café für einen "Latte" mit etwas Rundumsicht vorweisen. Hier leben die Leute ihren Alltag und die Schönheit der Lanmdschaft ist ihnen zur kaum noch beachteten Selbstverständlichkeit geworden. So kehren wir nach diesem Rundgang wieder zurück ins Hotel mit der Erfahrung, dass nicht jeder "authentisch" aussehende Ort auch etwas Besonderes zu bieten haben muss. Doch die Gestaltung des restlichen Tages stellt für uns kein Problem dar. Man kann einen Tag auch einmal einfach vertrödeln, lesen oder gar schlafen, denn schießlich soll der Urlaub der Entspannung dienen. Das gilt vor allem angesichts der Tatsache, dass wir morgen wieder aufbrechen müssen, um zurück über das Apennin-Gebirge zu unserem nächsten Ziel in der Toskana zu reisen.
 

Frank Raudszus