![]() |
Segeln in der großen Badewanne |
![]() Weitere
Berichte über Segeltörns Rügen, Bornholm und schwedische Küste |
Ein verlängertes Wochenende auf dem
Ijsselmeer |
Aus den oben genannten Gründen haben wir uns kurzfristig für dieses Segelrevier entschieden und brechen an einem Donnerstag Mittag Anfang September zu dritt mit dem Auto auf. Ursprünglich hatten fünf bis sechs Kandidaten starkes Interesse an diesem Wochenende geäußert, und so hatten wir sicherheitshalber ein größeres Boot gechartert, und zwar eine Bavaria 46. Nachdem jedoch einer nach dem anderen aus beruflichen und anderen Gründen abgesagt hat, ist die Crew schließlich auf drei Mitsegler geschrumpft, die sich an diesem Tag auf den Weg in die Niederlande machen. ![]() Unser Boot in Lemmer Die Autofahrt durch das Ruhrgebiet verläuft wider Erwarten staufrei, sodass wir gegen 16:30 Uhr in Lemmer eintreffen. Der Ort liegt an der Ostküste des Ijsselmeeres und beherbergt sowohl einen kommerziellen als auch einen Yachthafen. Die niedrigen, gepflegten Häuser verleihen dem Ort eine persönliche Note und laden zum Bummeln durch die stillen Gassen ein. Wir können uns jedoch nur einen Kaffee in einem sonnenbeschienenen Café am Yachthafen gönnen, da bereits für 17 Uhr die Bootsübergabe geplant ist. Eine kleine Überraschung ändert unseren Plan: da die Bavaria 46 einen Schaden aufweist, der eine etwas längerwierige Reparatur erfordert, können wir zwischen zwei etwas kleineren Booten wählen. Das ist uns wegen der nun deutlich kleineren Crew ganz recht, und wir entscheiden uns für eine Bavaria Cruiser 42, ein Schiff von immerhin dreizehn Metern Länge und drei separaten Kabinen. Auf diese Weise kann jeder von uns eine eigene (Doppel-)Kabine beziehen und braucht sich den Platz des Nachts nicht mit einem Schlafgenossen zu teilen. Die Bootsübergabe durch den Vercharterer Scansails verläuft erfreulich unbürokratisch und zügig. Da wir uns bereits im September befinden und die Tage deutlich kürzer werden, beschließen wir, heute nicht mehr auszulaufen. Der nächste Hafen, Urk, liegt etwa ein bis zwei Fahrtstunden entfernt, und wir möchten nicht gleich am ersten Abend bei Dunkelheit in einen unbekannten Hafen einlaufen. So räumen wir in aller Ruhe unsere Sachen ein und suchen uns dann einen netten Italiener zur Stärkung von Leib und Seele. ![]() Segeln im Nebel Am Freitagmorgen liegt der ganze Hafen in dichtem, nassem Nebel. Die Sicht beträgt wenige hundert Meter, und das unfreundliche, nasskalte und windarme Wetter lädt nicht gerade zum Segeln ein. Doch nach einem kräftigen und ausgedehnten Frühstück geht es dann gegen zehn Uhr auf See hinaus. Ringsum liegt die Landschaft träge im grauen Nebel, und einzelne Boote schleichen fast unwillig vor und hinter uns das enge Fahrwasser entlang. Als wir endlich die schmale Fahrrinne an der Ansteuerungstonne verlassen können, setzen wir die Segel, da mittlerweile auch ein leichter Wind aufgekommen ist, der uns nach Süden schiebt. Dort erwarten uns die Häfen Urk - vor der Landgewinnung eine Insel - sowie Lelystadt. Der Nebel stört insofern, als man andere Boote kaum oder erst spät entdeckt. Hinter uns taucht plötzlich ein Schatten auf, der sich schnell als ein Binnenschiff entpuppt, das mit nicht gerade geringer Geschwindigkeit an uns vorbeizieht. Die Situation ist zwar nicht gefährlich, aber wohl fühlt man sich bei solch schechter Sicht durchaus nicht. Nach einer kurzen Diskussion beschließen wir, auf Urk und Lelystad zu verzichten und stattdessen nach Medemblik auf der Westseite des Ijsselmeers zu segeln. Ein Crewmitglied kennt diesen kleinen Hafen und empfiehlt ihn wegen seiner Ursprünglichkeit. Da Medemblik etwas südlicher als Lemmer liegt, müssen wir bei dem vorherrschenden Südwestwind einen langen Schlag nach Nordwesten bis kurz unter das westliche Ufer segeln, um dann der Küste entlang südlich nach Medemblik zu steuern. So geschieht es. Der Wind legt beständig zu, wenn auch noch recht mäßig, löst jedoch langsam den dichten Nebel auf. Sogar die Sonne zeigt sich zögernd als bleiche Scheibe im grauen Einerlei der wabernden Schwaden. Gegen Mittag schließlich öffnet sich die Sicht auf die umliegenden Ufer und das Meer, und wir stellen fest, dass sich Dutzende von Schiffen aller Größenordnungen auf dem Ijsselmeer tummeln. Glücklicherweise verteilen sie sich dank der großen Fläche des Binnenmeeres und minimieren dadurch die Gefahr einer ungewollten "Begegnung". ![]() Der "Medemblik" in Medemblik Jetzt, bei guter Sicht, laufen wir bei gut vier Windstärken mit fünf bis sechs Knoten nach Westen. Die See ist im Ostteil des Ijsselmeers kurz und kabblig, da sich wegen der durchweg geringen Wassertiefe von nur drei bis vier Metern keine großen Wellen aufbauen können. Für kleinere Boote mag das unangenehm sein, für uns ist das gerade angenehm, weil unser Boot diese Wellen problemlos meistert, ohne sich aufzuschaukeln. So geht es wie auf Schienen nach Nordwest, wobei nur die Krängung wegen des stärker werdenden Windes zunimmt. Doch irgendwann pendelt sich der Wind auf eine Stärke ein, die es nicht erforderlich macht, Segelfläche zu reduzieren. Bei der Annäherung an das westliche Ufer passieren wir einige Frachter, die hier scheinbar vor Anker liegen. Bei der Annäherung stellen wir jedoch fest, dass hier ein Baggerschiff den Grund aushebt und mit dem Aushub die anderen Schiffe füllt. Eines legt gerade mit fast nicht mehr vorhandenem Freibord ab, während das nächste bereits zum Längsseitsgehen anläuft. Kurz danach erreichen wir einen Punkt, von dem aus wir den Hafen von Medemblik problemlos anliegen können. Nach einer weiteren Stunde stehen wir vor dem Hafen und legen kurz danach im strömendem Regen vor dem Hafenkontor an, um uns einen Liegeplatz zuweisen zu lassen. Glücklicherweise sind in der weitgehend belegten Marina noch einzelne Plätze frei und wir machen kurz nach 17 Uhr in der zugewiesenen Box mit dem Heck zur Pier fest. Da uns der Regen ziemlich durchnässt hat, heißt es erst einmal trockene Kleidung anzuziehen, dann die - glücklicherweise vorhandene - Bordheizung einzuschalten und sich mit einem heißen Tee aufzuwärmen. Später am Abend unternehmen wir einen Spaziergang zum nahe liegenden Ort. Dort treffen wir auf weitere Hafenbecken, die durchweg mit Yachten aller Größenordnungen belegt sind. Der Ort wird sichtbar durch Segler geprägt. Hier scheint die gesamte solvente Oberschicht von Amsterdam und Umgebung ihre Boote hinzulegen. Unser Spaziergang führt uns um das äußere Hafenbecken und über den Verbindungsdamm zwischen den beiden Hafenbecken nach Westen in die Altstadt und die Hauptstraße mit ihren touristisch geprägten Geschäften bis zum Ende entlang, wo ein repräsentatives Gebäude mit stufenförmig abgesetztem First - der Medemblik - auf die See hinausschaut. Den Rest des Abends verbringen wir in einem gemütlichen Restaurant mit Ausblick auf das alte Hafenbecken. Am folgenden Morgen - dem Samstag - begrüßt uns blauer Himmel mit leichter Bewölkung. Der Wetterbericht am Hafenkontor sagt frische Winde aus westlichen Richtungen voraus. Nach einem kräftigen Frühstück geht es hinaus auf das Ijsselmeer Richtung Hindeloopen. Das ist ein kleiner Hafen an der nördlichen Ostseite des Ijsselmeeres, der besonders sehenswert sein soll. Mit raumem Wind um 4 Beaufort rauschen wir nach Nordosten, und nur die Krängung der uns entgegen kommenden Segelboote zeigen uns, das ein recht frischer Wind weht. Für uns gilt die alte Segler-Vision: "Sonne von vorn und Wind von achtern!" und wir genießen diese geradezu touristische Überfahrt über das wenig bewegte - weil flache - Binnenmehr. Zwischendurch bewundern wir die zahlreichen Plattbodenschiffe und andere Oldtimer aller Größenordnungen, die hier für Gruppen eintägige Segelreisen anbieten. Majestätisch ziehen diese alten Schiffe mit grauen oder dunkelbraunen Segeln ihre Bahn durch das kabbelige Wasser und vermitteln einen schwachen Eindruck davon, wie es hier vor hundert Jahren ausgesehen haben mag. ![]() Die Hebebrücke von Hindeloopen Nach knapp drei Stunden stehen wir vor der engen Einfahrt nach Hindeloopen. Die Ansteuerung ist nicht ganz einfach, da es an beiden Seiten des schmalen Fahrwassers sofort sehr flach wird. Die Einfahrt in den alten Hafen selbst ist nur zwei bis drei Bootsbreiten breit, so dass man bei Gegenverkehr aufpassen muss. Der alte Fischereihafen hat mittlerweile ausgedient und beherbergt hauptsächlich einige kommerzielle und administrative Boote sowie Yachten auf Kurzbesuch. Es ist stets ein Vabanquespiel, hier einen Liegeplatz zu finden, und so finden wir auch nur am Ende einer Pier einen "halben" Platz, der unser Boot zur Hälfte in das Hafenbecken ragen lässt. Doch der Hafenwärter, der es sich auf dem Ende der Pier mit Tisch und Stuhl bequem gemacht hat, lässt uns hier gnädig für eine Stunde liegen. Während dieser Gnadenfrist verspeisen wir an dem bereits vorher hochgelobten Stehimbiss (mit Sitzplätzen) eine deftige Fischmahlzeit und schauen uns anschließend noch ein wenig den Ort an. Eine Hebebrücke wie die berühmte aus van Goghs Gemälde trennt das Hafenbecken von der dahinter liegenden Gracht, und rings um das Hafenbecken stehen gepflegte niedrige braune Klinkerhäuser. Der Ort selbst liegt etwa hundert Meter weiter südlich, von ferne sieht man den Kirchturm. Hinter dem idyllischen Fischereihafen erstreckt sich ein modernder Yachthafen, der an Fläche den gesamten Ort übertrifft. Wegen der Gebäude rings um den Hafen sieht man außer den Mastspitzen der Yachten glücklicherweise nichts von der Marina. Schließlich kann man eine moderne Marina nicht mit Begriffen wie "reizvoll" oder gar "idylllisch" belegen. ![]() Blick von der Brücke in Hindeloopen Nach gut einer Stunde heißt es wieder aufbrechen, da unsere Zeit am Ende der Pier abgelaufen ist. Nach ein wenig Manövrieren im engen Hafenbecken - es sind gerade zwei Boote eingelaufen - zwängen wir uns durch die Einfahrt hinaus und setzen an der Ansteuerungstonne die Segel. Unser Ziel heißt jetzt Enkhuizen am südwestlichen Ende des Ijsselmeeres, also direkt dorthin, wo der Wind herweht. So laufen wir in einem langen Schlag bei zunehmenden südwestlichen Winden nach Westen, und wie in einer "Hundekurve" dreht sich unser Kurs dank rechtsdrehender Winde immer mehr nach Nordwesten, bis aus den anfänglichen 240º schließlich 280º geworden sind. Der frische Wind drückt die Steuerbordseite des Bootes weit hinunter, und jetzt nimmt das Segeln sogar ein wenig sportlichen Charakter an. Da mit zunehmender Strecke nach Westen der Seegang immer mehr abnimmt - Luvküste! -, rauscht das Boot ungehindert mit über sieben Knoten durchs Wasser, und dazu scheint die Nachmittagssonne von vorne ins Cockpit. So macht Segeln Spaß. Kurz vor Erreichen des nordwestlichen Endes des Seedeiches wenden wir auf Südkurs und laufen jetzt mit etwa 170º direkt Richtung Enkuizen. Wind und Wetter bleiben uns weiterhin gewogen und lassen an Steuerbord reihenweise Windräder und dann die beiden Kirchtürme von Medemblik vorbeiziehen. Nur ein Wermutstropfen trübt die Freude am Segeln: beim Versuch, auf dem Gasherd einen Espresso in einer schmalen Espressokanne zu brühen, fliegt diese bei einer der wenigen größeren Seen in den Salon und lässt den Kaffee auf dem Boden "verbluten". Da muss halt statt des Kaffees auch eine Dose "Amstel" reichen! Mit abnehmendem spätnachmittäglichem Wind laufen wir schließlich gegen 18 Uhr in den überfüllten Yachthafen von Enkhuizen ein. Schilder mit der Aufschrift "Hafen voll. Nicht einlaufen" verhindern das Eindrehen in die einzelnen Boxengassen, und schließlich gehen wir provisorisch in eine außen liegenden Box hinein, um uns dann im Hafenkontor nach einem offiziellen Platz zu erkundigen. Das Wunder geschieht: der Hafenmeister gestattet uns ohne weiteres Überlegen, in eben dieser Box liegen zu bleiben, und damit erübrigt sich eine weitere nervenaufreibende Suche. Nach kurzer Erfrischungsphase mit heißem Tee geht es dann hinaus in den Ort, um diesen kennenzulernen und ein nettes Restaurant zu finden. ![]() Alt und Neu vor Enkhuizen Der Weg zum Ort zeigt uns erst einmal die Ausdehnung des Yachthafens, der zweifellos der größte am gesamten Ijsselmeer ist. Dieses Areal hat schon industrielle Ausmaße und erinnert von Ferne an den Begriff "Massentierhaltung". Allein der Weg zu Fuß von der äußersten Pier bis zum Hafenkontor dauert gut fünf Minuten! Bis zum Ort ist es dann allerdings nicht mehr sehr weit, denn hinter einer kleinen Hafenmauer erstrecken sich bereits die ersten Häuserreihen mit ihren typischen kleinen, rotbraunen Häusern. Doch der Ort enttäuscht uns insoweit, als er an diesem Samstag Abend wie ausgestorben scheint. Keine belebte Fußgängerzeile mit flanierenden Besuchern, dagegen stille Gassen mit vereinzelten Gaststätten und kaum Menschen vor den Häusern. Dabei macht der Ort durchaus einen gepflegten und wohlhabenden Eindruck. Doch die lockere Atmosphäre von Medemblik am Vorabend vermisst man hier. Vielleicht liegt es auch an der fortgeschrittenen Jahreszeit, denn Anfang September ist die Segel-Hochsaison definitv vorbei. Am Ende finden wir dann aber ein gemütliches Restaurant, wo wir nicht nur gut essen sondern auch anschließend in aller Ruhe einen zünftigen Skat spielen können. Am Sonntag steht die Rückfahrt nach Lemmer auf dem Programm. Da wir noch knapp fünf Stunden Autofahrt vor uns haben und am Montag wieder früh arbeiten müssen, beschließen wir, zwischen 13 und vierzehn Uhr in Lemmer einzulaufen. Damit stehen uns nach dem wie üblich reichhaltigen und ausgedehnten Frühstück etwa drei Stunden zur Verfügung. Das Wetter hat sich wieder verschlechtert, und dichte Wolken liegen über Enkhuizen und dem Ijsselmeer. Beim Auslaufen stoßen wir auf verschiedene größere Oldtimer - Zwei-, Drei- und sogar Viermastschoner -, die heute offensichtlich alle zu einer Sonntagstour hinausgehen. Da bieten sich natürlich gute Fotomotive, die wir auch reichlich nutzen. Der Wind brist auf etwa drei Windstärken auf, die uns eine Geschwindigkleit von vier bis fünf Knoten verleihen. Dank der achterlichen Windrichtung gestaltet sich die Fahrt wenig aufregend und geradezu gemütlich. Da bietet sich natürlich ein reichhaltiges zweites Frühstück mit allen Resten unserer Vorräte an, frei nach dem Motto: "Alles muss raus!". Das Wetter bessert sich an diesem Tage leider nicht mehr entscheidend, aber glücklicherweise bleibt uns der Regen bis auf eine kurze Husche kurz vor Lemmer erspart. Gegen zwei Uhr Mittags machen wir schließlich im Charterstützpunkt fest, übergeben das Boot in einer wiederum problemlosen Prozedur und packen unsere Sachen. Als wir um 15 Uhr den Hafen im Auto verlassen, drohen bereits dunkelgraue Wolken am westlichen Himmel. Kurz darauf schüttet es wie aus Kübeln, und der Regen wird uns bis ins Rhein-Main-Dreieck begleiten. Abgesehen von dieser kleinen Unannehmlichkiet am Schluss geht ein gelungenes und seglerisch abwechslungsreiches Wochenende zu Ende, und es war sicher nicht das letzte Mal, dass wir zum Segeln ans Ijsselmeer gefahren sind. Frank Raudszus |
|
|