Verdichteter Herbstton

1. Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt
Den Beginn der neuen Konzertsaison am 10./11. September markierte das Orchester des Staatstheaters Darmstadt unter der Leitung des bald scheidenden Marc Albrecht der Jahreszeit entsprechend mit einem herbstlich anmutenden Programm. Vor der Pause kam die Komposition "Les sanglots longs des violons l´automne" des Zeitgenossen Wilfried Maria Danner (*1956) nach einem Gedicht von Paul Verlaine zur Aufführung. Schon der Titel verweist auf den Herbst - "l´automne" - und stellt schon für sich eine Lautmalerei dar. Wer sich das Gedicht - möglichst mehrmals - laut vorspricht, weiß, das es einen Musiker zur Vertonung reizen muss.


Die Mezzo-Sopranistin Christiane Iven

Danner hat aus dieser Klangvorlage ein fünfsätziges Orchesterwerk entwickelt, das versucht, dem Innenleben des Gedichtes auf die Spur zu kommen und es mit orchestralen Mitteln zu deuten. Als zeit- genössische Komposition wirkt das Stück erstaun- ich konservativ, trotz effektvoller Schlagzeug- und Bläsereinsätze. Über lange Strecken bietet es einen geschlossenen Orchestersatz, in dem die Streicher dominieren, und scheint eher in der Tradition der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu stehen, als dass es radikal mit herkömmlichen Kompositions- techniken brechen würde.

Die auf verschiedenen Ebenen miteinander kommunizierenden Sätze zeichnen sich durch schwebende Verdichtung aus, nur punktuell unterbrochen durch Schlag- zeug oder Bläser.

Die einzelnen Sätze des nur 20 Minuten währenden Werkes variieren markant in Ausdehnung und Ausdruck und entsprechen damit im weitesten Sinne der Aufteilung des Verlaineschen Gedichtes. Fast möchte man jedoch resümieren, dass die Msuik sich mehr der Zeit und dem Lebensgefühl Verlaines als dem heutigen Zeithinter- grund zuneigt.

Der zweite Teil des Konzertes war Gustav Mahlers "Lied der Erde" gewidmet. Die Komposition entstand aus dem Wissen umd die schwere Erkrankung des Komponisten und aus der Ahnung des nahenden Todes. Die lebens-herbstliche, todessüchtige Stiummung ist hier auf den Höhepunkt getrieben, sowohl vom Text als auch von der Musik, die den Text nahezu vollkommen in ihre Sphäre umsetzt. Die Mezzospranistin Christiane Iven und der Tenor Jyrki Niskanen waren angetreten, Mahlers auf alten chinesichen Gedichten basierende Tondichtung zusammen mit dem Orchester zu interpretieren. Im ersten Lied kämpften Orchester und Sänger noch um die Bühnenhoheit, gelang es Jyrki Niskanen doch kaum, sich gegen das um eine Spur zu dominant geführte Ensemble durchzusetzen. Selbst sein metallischer Tenor vermochte kaum gegen die Macht der Instrumente zu bestehen.


Tenor Jyrki Niskanen

Mit dem alternierenden Einsatz des Mezzosoprans jedoch begann sich das Blatt zu wenden, und Christiane Iven konnte vor dem Orchester bestehen. Fortan konnten sich beide Solisten besser behaupten, da Marc Albrecht das Orchester nicht nur in den lyrischen Passagen zurücknahm, sondern auch bei forcierterer Gangart darauf achtete, das Jyrki Niskanen zu seinem Recht kam. Christiane Iven hatte weniger Mühe, da ihre Parts durchweg lyrisch angelegt waren, vor allem die sehr feinfühlig interpretierten Verse "Von der Schönheit" und vor allem der abschließende "Abschied". Man hätte ihr jedoch teilweise etwas mehr Stimmvolumen gewünscht.

Beeindruckend war die Umsetzung der herbstlich-endzeitlichen Stimmung der gesamten Komposition durch Orchester und Solisten. Hier kam deutlich das Lebensgefühl einer zu Ende gehenden Epoche - die Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg - zum Ausdruck. Abschiedsstimmung - ohne falsche Larmoyanz - und das unbestimmte Gefühl einer ausgelebten Epoche bestimmen den Ausdrucksgehalt dieser Lieder, und Marc Albrecht weckte diese große Resignation mit sorgfältig ausgeformten Motiven zu einer überzeugenden Präsenz.

Als deutliches Zeichen dieser Interpretationskraft mag zu werten sein, dass sich während der gesamten Darbietung kein einziger Husten aus dem Zuschauerraum vernehmen ließ.

Das Publikum dankte dem Ensemble für diese beeindruckende Vorstellung mit lang anhaltendem, mit Bravos durchsetztem Beifall.