Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

3. Kammerkonzert mit Schuberts "Schöner Müllerin"
Franz Schubert hat in seinem Liederzyklus "Die schöne Müllerin" eine Gedichtsammlung von Wilhelm Müller über die unglückliche Liebe in Lieder umgesetzt. Dabei haben sowohl bei Müller als auch bei Schubert zweifellos die unglücklichen Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht Pate gestanden und den Ausdruck von Wort und Ton gesteigert. Die Texte spiegeln die anfängliche Verliebtheit des Sängers in die Müllerstochter wieder, das Schwanken zwischen Liebesfreud und Pein, die bange Frage nach der Gegenliebe, die rasende Eifersucht auf den Konkurrenten und das sterbende Entsagen am Schluss. Schubert hat diese wechselnden und immer wieder brechenden Stimmungen mit hoher musikalischer Sensibilität umgesetzt und damit neben der "Winterreise" einen der bedeutendsten Liederzyklen geschaffen. Im Kleinen Haus des Darmstädter Staatstheaters brachten am 9. November Matthias Goerne (Bariton) und Eric Schneider (Klavier) die "Schöne Müllerin" zu Gehör. Die beiden treten schon seit geraumer Zeit gemeinsam als Liedinterpreten auf, was sich auch deutlich im hervorragend abgestimmten Zusammenspiel zeigt. Gerade bei Schubert ist dies wichtig, da das Klavier weit über die Rolle einer reinen Begelitung hinaus geht und ein eigenes Profil gewinnt.

Matthias Goerne (l.) und Eric Schneider (r.)

Matthias Goerne nimmt das Publikum von Anfang an gefangen, und das nicht nur durch seine weiche, auch in expressiveren Passagen nie scharfe Stimme, sondern vor allem durch seine stimmliche und mimisch-gestische Interpretation. Bei ihm steht nicht in erster Linie das Lied als akademische und technische Kunstgattung im Vordergrund, sondern ganz eindeutig die Aussage der Texte. So wirft er sich mit seinem gesamten Ausdrucksvermögen in die Lieder und wird im Gesang zum Not leidenden Liebenden, und das, ohne je den schmalen Grat zwischen tiefster Liebesnot und falscher Sentimentalität zu verfehlen. Diese eindringliche Interpretation beginnt schon in der "Danksagung an den Bach" mit ihrer übervollen Empfindung, setzt sich fort in dem ähnlich gelagerten "Neugierigen", um dann in der "Ungeduld" (Ich schnitt es gern in alle Rinden ein...") zum ersten Mal in Ungeduld und stürmische Liebesbezeugungen umzuschlagen.

Im "Morgengruß" und "Des Müllers Blumen" kommen noch einmal schwärmerische und hoffnungsvolle Gedanken zum Ausdruck, doch spätestens in "Der Jäger" entlädt sich seine Eifersucht auf den bedrohlichen Konkurrenten, und ab der "bösen Farbe" (grün) schließlich neigt sich der Zyklus seinem bitteren Ende entgegen und erstirbt in der Todessehnsucht "Des Baches Wiegenlied".

Alle diese bisweilen abrupten Stimmungswechsel intoniert Matthias Goerne mit viel Trennschärfe und Sinn für das emotionelle Detail. Da scheint er am Flügel zusammenzusinken oder reckt sich in aufwallendem Widerstand empor, senkt die Stimme nahezu zum Flüstergesang, der dabei immer die Spannung hält, unterstützt in genau richtigem Maße die Stimme mit dem Gesichtsausdruck, so dass sich die Tragik des unglücklich Liebenden geradezu in seiner Miene spiegelt.

Eric Schneider beobachtet seinen Partner minutiös und findet zu jedem Stimmungswechsel die passende pianistische Antwort. Sein Anschlag ist weich und das Spiel bei aller Eigenständigkeit nie dominant, so dass Goerne auch in den leisesten Passagen noch genügend akustischen Raum findet. Besonders in den düsteren und entsagenden Versen bannt Goerne die Zuschauer, und selbst die obligatorischen November- Huster konnten an diesen Stellen die Wirkung nur kurfristig vermindern, wenn auch Goerne bei einem besonders ungenierten Erkältungsausbruch leichte Irritation zeigte.

Das Publikum dankte den Künstlern mit begeistertem Beifall und - nicht nur vereinzelten - Bravo-Rufen. Eine beliebige Zugabe jedoch wäre nach diesem wohl abgerundeten Zyklus nicht angemessen gewesen und wurde daher verständlicherweise auch nicht gewährt.