Hommage an das frühe 20. Jahrhundert

7. Sinfoniekonzert mit Schreker, Korngold und Mahler
Noch einmal in dieser Saison widmete das Staatstheater Darmstadt einen sinfonischen Abend ausschließlich Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts. Im 7. Sinfoniekonzert am 13./14. Mai bildeten Werke des nahezu vergessenen Franz Schreker, des 1934 aus Deutschland vertriebenen Erich Wolfgang Korngold (1897-1957) und Gustav Mahlers (1860-1911) das Programm unter der musikalische Leitung des Gastdirigenten Peter Kuhn.

Gastdirigent Peter Kuhn

Franz Schreker (1878-1934) zitiert in seiner 1916 entstandenen "Kammersinfonie" die romantische Tradition des 19. Jahrhunderts und erinnert über lange Strecken an den Zeit- genossen Richard Strauss. Intensive Klang- bildungen und die für Strauss typische Kombi- nation von kühl-melancholischen Streicher- motiven und intermittierenden Bläser-Einsätzen charakterisieren dieses Stück, das vor allem den transparenten Klangvarianten des ausgedünnten Orchesters nachsinnt. Die für ein einsätziges Werk ungewöhnliche Länge führt aufgrund der vielfältigen Klang- und Motiv- Variationen jedoch nie zu Längen, was auch auf die konzentrierte Darbietung durch das Orchester unter der Leitung des Gastdirigenten Peter Kuhn zurück zu führen ist. Klangreichtum und melodische Fülle ließen diese Komposition in der Interpretation des Ensembles zu einem kleinen Juwel werden.

Für das zweite Werk des Abends hatte man als Solisten Ingo de Haas, den früheren Ersten Konzertmeister am Staatstheater Darmstadt (1994-99), gewinnen können. Er interpretierte auf einer Violine von Lorenzo Storioni aus dem Jahre 1770 das 1947 von Jascha Heifetz uraufgeführte Violinkonzert D-Dur op. 35 von Erich Wolfgang Korngold. Auch diese Komposition des frühen Wunderkindes steht noch ganz in der Tradition des 19. Jahrhunderts und erinnert oft sehr an Brahms.

Thematisch hat sich Korngold dabei bei seinen verschiedenen Filmmusiken bedient, die er nach 1934 für Hollywood komponiert hatte.

Der erste Satz zeichnet sich durch lang gezogene, virtuose Violin-Passagen sowie durch eine Solo-Kadenz aus, in denen Ingo de Haas seine technischen Fähigkeiten voll ausspielen konnte. Das Orchester tritt an diesen Stellen oft eher in den Hintergrund.

Der zweite Satz, betitelt mit "Romance: Andante", besticht durch seine Intensität und Innigkeit. Dirigent und Orchester begleiteten den Solisten mit außerordentlicher Sensibilität, die dem Solisten auch in den leisesten Passagen genügend akustischen Raum gewährten. Auch bei den zuweilen verzögerten Einsätzen und Tempi verstanden sich de Haas und Dirigent nahezu blind. Ingo de Haas zeigte sich auch bei diesem langsamen, lyrischen Satz als interpretationssicher und kreativ. Dies gilt umso mehr, als die ursprünglich als Filmuntermalung entworfenen Motive sich natürlich immer für eine sentimentale Interpretation anbieten. Ingo de Haas und Peter Kuhn vermieden diese Gefahr jedoch erfolgreich.

Ingo de Haas

Der dritte Satz (allegro assai vivace) kam dann, wie die Tempobezeichnung schon besagt, wieder sehr temperamentvoll daher und bot Orchester wie Solist noch einmal die Gelegenheit, technische Brillanz und reibungsloses Zusammenspiel zu demonstrieren. Mit einem wahrhaft auftrumpfenden Finalakkord endete dieses Stück und entlockte dem Publikum solch begeisterten Beifall, dass Ingo de Haas noch eine Solo-Partita von Johann Sebastian Bach draufgab.

Nach der Pause präsentierte das Orchester dann als krönenden Abschluss des Abends Gustav Mahlers 4. Sinfonie. Mahler hat diese Sinfonie in den Jahren 1899 und 1900 als Direktor der Wiener Hofoper komponiert und ursprünglich als Paraphrase auf Diesseits und Jenseits konzipiert. Das von ihm selbst auch als Humoreske bezeichnete Werk enthielt anfangs noch "griffige" Satzüberschriften, die Mahler jedoch aufgrund der allfälligen Missverständnisse und Verballhornungen solcher Titel schließlich wegließ. Auch dieses sinfonische Werk Mahlers strahlt die eigenartig absolute, fast jenseitige Atmosphäre aus, die der stark von Wagner und Bruckner beeinflussten Musik Mahlers eigen ist..

Die Komposition zeichnet sich durch ein deutlich schlankeres Klangbild als andere Mahlersche Sinfonien aus. Im ersten Satz wandert ein Thema immer wieder durch die Instrumentengruppen, wird sozusagen wie ein Ball weitergespielt, wieder zurückgeworfen, reflektiert, variiert und weiter gereicht, bis es irgendwo sein Leben aushaucht und durch ein neues Thema ersetzt wird.

Der zweite Satz war ursprünglich als "Tanz des Teufels" konzipiert und trägt daher groteske Züge. Das "Lachen" dieses Satzes trägt daher deutlich ambivalente Züge.

Im letzten Satz für Orchester und Sopran klärt sich dann das "Geheimnis" dieser Sinfonie auf, wenn das Lied "Das himmlische Leben" die paradiesischen Zustände im Schlaraffenland beschreibt.

Andrea Bogner

Natürlich trägt die scheinbare Naivität dieses Volksliedes deutlich ironische Züge, da man Mahler nicht unreflektive Affirmation des bestehenden unterstellen darf. In der Aufführung des Staatstheaters Darmstadt interpretierte Andres Bogner (Sopran) diesen abschließenden Part in eher verhaltener Weise, ohne damit eine besondere Deutung zu forcieren. Statdessen ließ sie die Musik sprechen und die Worte selbst in den Hintergrund treten.

Das Publikum würdigte die äußerst exakte und vor allem sehr transparente Aufführung dieses Mahlerschen Werkes durch lang anhaltenden Beifall und bedankte sich damit für ein rundherum gelungenes Musikereignis.