| Rhythmen zwischen "Zwiefachem" und Samba |
![]() |
Auftakt der "Auerbacher Festwochen" mit der Gruppe "BavaRio" |
|
Die diesjährige Premiere der seit Jahren erfolgreich etablierten "Auerbacher Festspiele" präsentierte sich zugleich als Eröffnung einer neuen Spielstätte. Statt wie üblich im Auerbacher Schloss fand sie im Gesundbrunnen des "Fürstenlagers" statt, der ehemaligen Sommer-Residenz des Darmstädter Großherzogs. Das idyllische Ambiente des alten Parks mit seinen hohen Bäumen wurde noch durch - zumindest anfangs - warmes Sommerwetter ergänzt, und im Rund des großzügigen alten Brunnens waren die Stuhlreihen für die Premierengäste aufgebaut.
Die fünf Musiker von "BavaRio" Für dasPremieren-Programm hatte Veranstalter Klaus-Peter Becker die bayrisch-brasilianische Gruppe "BavaRio" engagiert, die gekonnt wie originelle ur-bayerische Laute mit verschiedenen Klängen aus den Landstrichen zwischen dem deutschen Alpenvorland und der südamerikani- schen Samba-Metropole zu verbinden weiß. Eine CD mit dem Titel "Baraba" enthält die wichtigsten Stücke der originellen Gruppe. Der Begriff "Baraba" ist eine bayerische Abwandlung von "Barbar" und bezeichnet den Fremden, der laut Band-Leiter Wolfgang Netzer in Bayern auch schon mal die bodenständige Bedeutung des "Wüstlings" tragen kann. Netzer, der selbst Gitarre und Cavaquinho spielt, moderiert dabei mit charmant-bayerischem Akzent die Darbietungen von "Sepp" Waldmann (Pedal- Hackbrett, Contra-Alt-Klarinette, Steyrische, Jodler), Martin Kerber (Zither, Scharr, Akkordeon, Baryton, Trompete, Flügelhorn, Jodler), Markus Kerber (Flöten, Sopran-Sax, Klarinetten, Akkordeon, Jodler) und dem einzigen echten Brasilianer Marcio Alves (Schlagzeug). Wie die weitläufige Liste der Musikinstrumente zeigt, treten hier fünf professionelle Musiker auf, die ihre "Vielsaitigkeit" schlagend, flötend und zupfend unter Beweis stellen. Dabei bringen sie nicht nur Klangfarben und Instrumente zusammen, die man sonst nicht in dieser Kombination findet, sondern entlocken auch den altbekannten europäischen Instrumenten und bayerischen Volksliedern völlig neue Klänge. Da beginnt dann ein Voralpen-"Zwiefacher" - ein Stück mit alternierendem 2/4- und 3/4-Takt - fast zünftig bayerisch, fast wie auf einem Volksfest, um dann sehr bald in kunstvolle und doch nie verspielte Klang- und Motiv- Variationen des einfachen Themas überzuleiten. Plötzlich verlassen die bekannte Volksmusik- Klarinette und die Posaune die nieder- bayerische Ebene und schwingen sich in ungeahnte musikalische Höhen und raffinierte Modulationen empor. Und mitten in diese abgewandelte "Buam-Musi" schleichen sich süamerikanische, türkische oder afrikanische Rhythmen ein. Auch bei typisch südamerikanischen Stücken wird es jedoch nie "schmissig" oder dient sich dem Publikum an. Der Rhythmus erlaubt selten das Mitzucken oder gar -wiegen, da er meist zu komplex und ausgefeilt ist für einfache Identifikationseffekte. Da sitzen denn die Zuhörer und lauschen gespannt den unerwarteten Klang- und Motivwendungen, so dass man bisweilen meinen könnte, man befinde sich in einem klassischen Konzert. Der spontane Beifall nach jedem Stück zeugt dann jedoch von einer anderen als der streng- bürgerlichen Musikrezeption. Die Zuschauer waren an diesem Abend offensichtlich fasziniert und zeigten ihre spontane Begeisterung für die mit viel Witz und Sinn für die Überraschung dargebotene Musik-Kost. Bei nahezu jedem Stück kramte das Quintett ein weiteres unbekanntes Instrument hervor, das der Vergangenheit oder Gegenwart des jeweiligen Kulturkreises entstammt, und bot dem Publikum völlig neue Klangerlebnisse. Doch die Klangüberraschungen waren nicht Selbstzweck, sondern fügten sich nahtlos und überzeugend in das gesamte musikalische Konzept ein. Jede Komposition war in sich durchgestaltet, klang mal nach moderner E-Musik, mal nach geschliffener Volksmusik- Parodie und mal nach veredeltem Samba. Kurz, die Gruppe präsentierte eine Reihe musikalischer Kleinode, die einzeln aufzuzählen wir uns hier sparen wollen. Wer diesen Abend nicht persönlich erlebt hat, kann sich die Musik per CD anhören. Nähere Informationen dazu liefert gerne Klaus-Peter Becker, Fax. 06251/69139. |