Der Schrecken des katholischen Matriarchats

Frederico García Lorcas "Bernarda Albas Haus" in Darmstadt
Der konsequente, dogmatische Katholizismus hat sich über Jahrhunderte vor allem in den südeuropäischen Ländern zu einer weit in das Leben des Einzelnen eindringenden Macht entwickelt. Was dem nord- und mitteleuropäischen Menschen oftmals eher skurril erscheint, gerät gläubigen Katholiken oftmals zum existenziellen Problem. Im Spanien zwischen den beiden Weltkriegen regierte diese erstarrte Form der Frömmigkeit vornehmlich auf dem flachen Land mit aller Macht und zählte auch den Schriftsteller Frederico García Lorca zu ihren Opfern. Er hat seine Erfahrungen mit familiären und religiösen Traditionen in dem Schauspiel "Bernarda Albas Haus" verdichtet und in eine Anklage gegen die menschenfeindlichen Methoden der Kirche und ihrer Lehre umgemünzt.

Iris Melamed, Gabriele Drechsel und Martina Krauel

Bernarda Alba (Elisabeth Krejcir) betrauert mit ihren fünf Töchtern den Tod des Hausherrn und beschließt, das die Töchter während der achtjährigen Trauerzeit nicht das Haus verlassen dürfen und somit auch keinen Mann kennenlernen können. Mit harter Hand sorgt sie für die Befolgung ihrer Befehle und lässt dabei auch das Dienstpersonal, die alte Magd La Poncia (Elfi Garden) und ihre junge Helferin (Ursula Berlinghof), ihre untergeordnete Position deutlich spüren. Bernarda lebt allein aus dem Dünkel einer selbsternannten dörflichen Elite und sieht in dem untadeligen Ruf ihres Hauses ihr höchstes Ziel, dem sie bedenkenlos auch das Glück ihrer Töchter zu opfern bereit ist. Die Avancen des jungen Pedro gegenüber der ältesten Tochter Angustias (Karin Klein) sieht sie wegen des Alters und der mangelnden Attraktivität Angustias mit berechnendem Wohlgefallen, ohne einen Moment auf die Idee zu kommen, das dieser nur hinter ihrem vom ersten Vater ererbten Geld her sein könnte. Die Schwestern und vor allem La Poncia haben dies schon lange bemerkt, doch La Poncia dringt mit ihrem Verdacht bei Bernarda nicht durch. Sie ahnt jedoch auch, dass Pedro in Wahrheit in Angustias Schwester Adela (Katharina Hofmann) verliebt ist und dass diese die Liebe leidenschaftlich erwidert.

Je näher der Termin der Hochzeit rückt, desto mehr spitzt sich die Situation zu, denn die missgestaltete Martirio missgönnt beiden Schwestern den hübschen Mann und spinnt im Hintergrund Intrigen. Schnell findet sie heraus, dass Pedro sich nach seinem abendlichen Pflichtbesuch an Angustias Fenster mit Adela im Stall trifft und dort nicht nur mit ihr redet, und führt schließlich die unvermeidliche Katastrophe mit Adelas Selbstmord und der Schande für das Haus Alba herbei.

Lorca baut die im Grunde einfache Handlung nach dem Prinzip eines aufziehenden Unwetters auf. Fügen sich die Töchter anfangs noch mehr oder minder willig dem mütterlichen Joch und sind sogar noch dann und wann zum Scherzen aufgelegt, so zersetzt sich die schwesterliche Solidarität Stück für Stück angesichts des Kampfes um den einzigen in Reichweite befindlichen Mann und der immer drakonischer werdenden Disziplinierungsversuche der Mutter, die auch vor dem tatkräftigen Einsatz ihres Stockes nicht zurückschreckt. Von Szene zu Szene wächst der Widerstand gegen die Mutter und gleichzeitig die Agression gegen die Schwestern. Jede Kleinigkeit gerät zum Anlass für handfesten Streit und Tätlichkeiten, und der finale Ausbruch des - hier jedoch nicht reinigenden - Gewitters rückt immer näher.

Die Tragik der Mutter liegt darin, dass sie sich in ihrer Rigorosität schon viel zu weit von ihrer Umwelt entfernt hat, als dass eine Versöhnung denkbar wäre. Die beiden Mägde schreien ihren Hass in der Sicherheit des leeren Hauses aus sich heraus, und auch die Töchter haben innerlich längst mit der Mutter gebrochen und gehorchen nur noch aus der Notlösung der fehlenden gesellschaftlichen Alternative. Ausbruch und Selbständigkeit sind für diese gegängelten Wesen undenkbare Alternativen und gleich bedeutend mit physischem und psychischem Untergang.

Lorca hat die Figuren geradezu wie die Stimmen einer polyphonen Komposition entworfen. Da ist zuallererst die dominante Bernarda, die vor allem anfangs mit schneidender Kälte Tonlage und Rhythmus bestimmt, der jedoch mit zunehmender Dauer trotz gesteigerter Bemühungen die Zügel entgleiten. Obwohl sie es vehement abstreitet, wirkt sie in den letzten Auseinandersetzungen, vor allem mit der Magd La Poncia, ratloser und beinahe verzweifelt, gesteht sich diese Schwäche jedoch nicht ein und betrachtet sogar das Durchstehen der letztlich von ihr herbeigeführten Katastrophe als ihre letzte große Leistung.

Die Gegenstimme zu ihr "singt" eben diese Magd, die - aufgrund ihrer Stellung - nie laut wird, jedoch unterschwellig Bernardas Gewissen repräsentiert, das mit zunehmendem Verfall des straffen Hausregiments stärker in den Vordergrund tritt. Die bittere Lehre Lorcas lautet jedoch, dass in dieser erstarrten und bigotten Gesellschaft das Gewissen keine Durchsetzungskraft besitzt und den Prinzipien geopfert wird.

Die fünf Töchter übernehmen in dieser "Bühnenmusik" in gewisser Weise die Rolle eines aktiven Chors, der sich aus der dienenden Rolle befreit und die Handlung selbst vorantreibt. Angustias scheint anfangs diesen Chor zu führen, da von der starken Mutter protegiert. Je mehr diese sich jedoch mit ihrem insistierenden Selbstbetrug beschäftigt, desto mehr verliert Angustias Stimme an Gewicht unter ihren Schwestern. Dafür erheben sich jetzt umso mehr die um den Vorrang streitenden Stimmen der liebenden Adela und der hassenden Martirio, eine in ihrem Kontrast geradezu reizvolle Kombination. Und so geraten denn auch die beiden mehr und mehr aneinander bis zu dem entscheidenden Höhepunkt, wenn Martirio ihrer Schwester unter hasserfüllten Tränen ihre vergebliche Liebe zu Pedro gesteht. Dagegen haben die beiden anderen schwesterlichen Stimmen von Magdalena (Gabriele Drechsel) und Amelia (Iris Melamed) nur begleitenden Charakter. Ihnen werden keine emotionellen Ausbrüche oder schwere Enttäuschungen zugestanden, sie runden den tragischen Chor der Schwestern lediglich ab.

Auch die Dramaturgie folgt musikalischen Prinzipien bis hin zur Lautstärke, die von anfangs gedecktem, ja verschrecktem Geflüster bis zum ersten Ausbruch vor der Pause reicht, als Adela angesichts der Steinigung einer unglücklichen Kindsmörderin in verzweifelte Schreie ausbricht. Der zweite Teil - Satz, möchte man fast sagen - beginnt dann im Adagio eines bedrückten Abendmahls der Famile, um sich dann langsam bis zum katastrophischen Finale zu steigern. Obwohl in dem ganzen Stück nicht einmal Musik erklingt, drängt sich geradezu der Eindruck einer musikalischen Komposition auf, und man fragt sich unwillkürlich, wie wohl Wagner diesen Wahnsinn in Wohllaut gewandelt hätte.....

Obwohl in dem ganzen Stück kein einziger Mann auftritt, ist der einzige, real nicht anwesende doch allzeit gegenwärtig. Er geistert durch die Intrigen, Hoffnungen, Wünsche und Ängste der Frauen und zieht ihre Gedanken wie ein Magnet auf sich, auch dies eine Folge der Unterdrückung aller natürlichen Regungen und Gefühle, die sich letztlich explosionsartig Raum schaffen müssen.

Die Schauspielerinnen füllen ihre Rollen durchweg überzeugend aus. Elisabeth Kreijcir dominiert lange Zeit das Geschehen mit hoher Präsenz, um dann die nagenden Zweifel durch ein fast unmerkliches Nachlassen ihrer zynischen Kälte anzudeuten und die Durchhalteparolen am Schluss nur noch gebetsmühlenartig zu wiederholen.

Elfi Garden verleiht der zwischen Nachgiebigkeit und Wachsamkeit schwankenden La Poncia eine ausgeprägte aber ohnmächtige Menschlichkeit. Leider sprach sie in der Premiere viele Passagen zu leise, so dass sie schon im mittleren Parkett nicht mehr zu hören war. Diese Schwäche sollte sich jedoch in weiteren Vorstellungen beseitigen lassen. Sie erhielt für ihre nuancenreiche Darstellung besonders herzlichen Beifall.

Martina Krauel absolviert den schwierigen Part der körperlich und seelisch missgestalteten Martirio mit Bravour. Sie muss nicht nur permanent glaubhaft den Körper zur Missbildung verkrampfen sondern dazu auch die seelischen Schäden vermitteln. Dabei gelingt es ihr, Martirio nicht eindimensional als bösartiges Frauenzimmer sondern als unglückliches Wesen darzustellen, das sich nur durch die Bösartigkeit Geltung und Respekt verschaffen kann. Auch sie erhielt vom Premierenpublikum Sonderapplaus.

Katharina Hofmann hält als revoltierende weil liebende Adela glänzend dagegen und zieht alle Register vom verspielt-verliebten Mädchen mit Bewegungsdrang über die empört Gerechtigkeit und ihren Lebensanteil einfordernde junge Frau bis hin zur verzweifelten, um den Geliebten gebrachten Selbstmörderin. Sie hätte auch einen Sonderapplaus verdient, den ihr das Publikum seltsamerweise nicht zuerkannte.

Die anderen Darstellerinnen spielten ihre Rollen im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten professionell und durchaus überzeugend. Allerdings hätte man die attraktive Karin Klein durchaus etwas unansehnlicher schminken können, um glaubwürdig zu machen, dass Pedro es nur auf ihr Geld abgesehen hat.