Metamorphosen eines Mythos

Michael Ondaatjes "The Collected Works of Billy the Kid" in Darmstadt
Die wohl mythischste Gestalt des amerikanischen Wilden Westens war "Billy the Kid", der in jungen Jahren bereits reiche Ernte unter seinen Gegnern hielt und, kaum 21 Jahre alt, von der hinterhältigen Hand eines ehemaligen Kumpanen starb. Der Kontrast zwischen seiner Jugend und seiner kriminellen Karriere und die für einen Westernheld tragische Art seines Todes - "im Felde nicht geschlagen" - haben maßgeblich zu der Mythenbildung beigetragen. Durch sein Eintreten für die Kleinfarmer und den Tod aus dem Hinterhalt ist er nachträglich mit einer gewissen Unschuld geadelt worden, die seinen Ruf noch heute befestigt.


Jo Kärn, Gerhard Herrmann und Gabriele Drechsel

Michael Ondaatje ("Anils Geist"), selbst Kenner des Westernmilieus, hat sich dieses Mythos´ angenommen und ihn in einer fast fugenartig verschränkten Szenenfolge auf die Bühne gebracht. Die Werkstattbühne des Staatstheaters Darmstadt hat extra für diese Inszenierung die normale Anordnung von Bühne und Zuschauertribüne vertauscht. Die Zuschauer schauen jetzt von der Rückwand nach vorne in den Raum bis in das Café. Damit lässt sich dieses bei Bedarf optisch in die Aufführung mit einbeziehen, verleiht dem Raum mehr Tiefe und würzt ihn mit der ironischen Anspielung auf einen Saloon.

Unmittelbar vor der Zuschauertribüne erhebt sich zu Anfang eine Bretterwand, die sich bald als eine Reihe von Fensterläden entpuppt, die Billys Geliebte Celsa Guiterrez (Katharina Hoffmann) zu Beginn öffnet und dem Publikum damit die Aussicht auf die gemalte Kulisse einer sonnendurchglühten Wüstenlandschaft öffnet. Am Ende des Prologs zwischen Celsa und Billy the Kid (Christian Wirmer im Lendenschurz) steht Billys Tod im Off.

Damit beginnt die Rückblende auf Billys Leben, mal vor mal zurück springend, nie chronologisch, sondern Situationen und Handlungen beleuchtend. Wir lernen Billys ramponierte Kumpane Charlie Bowdren (Olaf Weissenberg mit einer herrlichen Strickmütze über langen Haarsträhnen) und Tom O´Folliard (Peter Knieser mit tumben Gesichtszügen und leiernder Hasenschartenstimme) kennen und sehen den ehemaligen Gefährten Pat Garrett (Gerhard Herrmann in schwarzem Leder mit Pokerface) im Hintergrund umherschleichen und seine künftigen Opfer ausspionieren.

Der reiche Viehzüchter Chisum (Jo Kärn), anfangs zusammen mit seiner Schwester Sally (Gabriele Drechsel) Gastgeber von Billy und seinen Freunden, heuert ausgerechnet den eiskalten Garrett als "Sheriff" für den Mord an Billy und seinen Freunden an, weil sich dieser für die kleinen Viehzüchter einsetzt. Garrett kennt nur die Loyalität des Geldes und zieht die Effizienz den Ehrbegriffen des Westernzweikampfs vor, um seine Aufgabe schnell und bei minimaler Gefahr für das eigene Leben zu lösen. Billy und seine Freunde sind nur einmal in ihrem Leben zu naiv.....

Dann wieder lernen wir Billys zweite Liebe Angela Dickinson (Susanne Burkhard) kennen, eine laszive Prostituierte, die mit ihm trinkend und Zoten reißend durch die Gegend zieht und ihn in die handfesten Niederungen der Erotik führt. Als weibliches Pendant zu ihr baut Ondaatje die großbürgerlich-zurückhaltende Sally Chisum auf, die offensichtlich nicht nur betreuerisches Interesse an dem jungen Billy findet, ihre wahren Gefühle angesichts des herrschsüchtigen Bruders jedoch wohlweislich verdrängt.


Susanne Burkhard als Angela Dickinson

Man weiß ja, wie die Geschichte ausgeht, also geht es hier nicht um Spannung und einen "Shootdown" sondern um die Psyche und die Umwelt des jugendlichen Revolverhelden. Einhundert Jahre später wäre er bei der RAF gelandet, und dies nicht nur im kriminellen Sinne. Regisseur Jan Langenheim stattet diesen Jüngling mit einem gewissen Charisma aus, das seinen Gegnern fehlt, und er bedient sich dazu eines inszenatorischen Kniffs: in freier Auslegung von Ondaatjes Skript lässt er Billy von der Schauspielerin Katharina Hoffmann spielen, die anfangs die Celsa gemimt hat. Dadurch verdichtet er einerseits die Darstellung und symbolisiert andererseits die Jugendlichkeit und Jungenhaftigkeit, ja die Verletzlichkeit des "Helden".

Bis zur Pause steigern sich die Szenen und durchwandern alle Aspekte eines gesetzfreien Lebens. Da schlagen sich die Freunde, ausgehend von einem harmlosen "Blinde-Kuh"-Spiels wegen eienr Kleinigkeit fast zu Tode, Billy verteilt die eher profanen Alltagsarbeiten per Revolverlauf, oder man besäuft sich sinnlos auf Chisums Farm, eine immer wieder dankbare Szene, wenn Männlein wie Weiblein die halbleere (oder halbvolle) Whiskyflasche torkelnd an den Mund setzen und übereinander herfallen.

Die Pause wird originell eingeleitet, indem die gesamte Gesellschaft nach hinten in das Café entschwindet und die Türen offen stehen lässt: Einladung in den Saloon. Nach der Pause wird erst einmal Tom O´Folliard von Billy alias Katharina Hofmann im offenen Zuschauer- Bühnenraum vorgeführt und muss mit näselnder Hasenscharte brutale Anekdoten aus seinem traurigen Leben preisgeben. Nur er selbst merkt nicht, dass er von seinen Kumpanen als Zirkusnummer dem Publikum vorgeführt wird.

Der zweite Teil verliert etwas an Schwung, wohl auch, weil nun die großen, temperamentvollen Szenen fehlen und die Geschichte langsam dem unaufhaltsamen Ende entgegengeht. Der Mord an Tom O´Folliard wird eher grotesk nachgestellt und die Schlinge um Billy beginnt sich langsam zuzuziehen. Gerhard Herrmann liefert einen theatralischen Westerntod ab, wenn er als Pat Garrett Billy in einer scheinbar noch freundschaftlich gefärbten Szene erklärt, wie und wann man einen Gegner am besten umbringt und bei dieser Vorführung eine perfekte Parodie auf den nicht enden wollenden Tod eines Western-Bösewicht mit Windungen, Ächzen und Stöhnen hinlegt. Szenenbeifall!

Billys Aufenthalt im Gefängnis und seine gewaltsame Flucht bilden die vorletzte Station seines Lebens, bevor er sich mit Celsa auf die Maxwell-Ranch zurückzieht und die Prolog-Szene wieder erstehen lässt. Der Rest ist Schweigen....

Den Darstellern bereitet die Inszenierung augenscheinlich viel Spaß, allen voran Katharina Hoffmann als ein "cooler", (fast) immer auf der Hut seiender Billy the Kid und Olaf Weissenberg als ein dröhnender, bräsiger Charlie. Susanne Burkhard platzt buchstäblich vor lasziver Erotik und entgleister Verrücktheit aus den Nähten, und Peter Knieser wirkt wie eine Wiedergeburt des alten "Fuzzy". Gerhard Herrmann lässt den Zuschauer dank seiner eiskalten Grausamkeit frösteln, während Gabriele Drechsel und Jo Kärn eher die statische bürgerliche Welt der Großfarmer repräsentieren, den Machenschaften in den Niederungen zwar entrückt, sie aber akzeptierend oder gar initiierend (Chisum).

Das Premierenpublikum dankte für diese so drastische wie poetische Interpretaion eines uramerikanischen Mythos mit begeistertem Beifall und vereinzelten Bravo-Rufen.