| Tanz um den ewigen Mythos des Weibes |
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Wiesbadener Ballett mit "Carmen - Bolero" in Darmstadt |
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"Das ewig Weibliche zieht uns hinab" könnte José und mit ihm so mancher andere Mann nicht nur aus dem Personal der Bizet-Oper "Carmen" in Abwandlung eines "Faust"-Verses im Brustton der Überzeugung sagen. Carmen stellt die Inkarnation der zur Verführung verdammten Frau dar, die von den Männern entweder als Lustobjekt ausgebeutet wird oder mit besitzergreifender Liebe und abgrundtiefer Eifersucht verfolgt wird.
Daniela Severian und Alexander Monachov Choreograph Ben von Cauwenbergh vom Hessischen Staatstheater Wiesbaden hat sich dieses Stoffes für eine Ballet-Choreographie angenommen, und dies im doppelten Sinn: der erste Teil der Inszenierung ist eine mehr oder weniger getanzte Version der bekannten - übrigens meistgespielten - Oper. Die Musik dazu liefert Hector Berlioz in einer konzertanten Version. Nach dem tödlichen Ende des Dramas steht Carmen zu den Klängen des zeitgenössischen Komponisten Ernst August Klötzke wieder von den Toten auf, um dann mit allen Personen des Stückes die gleichen Erfahrungen noch einmal durchzuleben, diesmal zu der eindringlich-düsteren Musik von Ravels "Bolero". Die Choreographie des ersten Teils beginnt zu einem wiederkehrenden Paukenmotiv, das den rhytmischen Hintergrund Bizets Musik liefert und wie ein Paukenwirbel vor einer Hinrichtung wirkt. Mit dieser drohend-düsteren Einleitung deutet Cauwenbergh gleich zu Beginn das Ende an. Die anschließende Darstellung hält sich eng am Text und erzählt das Geschehen sozusagen tänzerisch nach. Da girren anfangs José und Michaela verliebt umeinander, bis Carmen erscheint und Josés Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es folgen die Verhaftung Carmens nach ihremn Zweikampf mit Michaela, ihre Verführung Josés, die mit er Freilassung belohnt wird, Josés Entalssung aus dem Polizeidienst, sein Abgleiten ins Kriminelle mit weiteren Morden, sein Kampf um die mittlerweile in den Stierkämpfer verliebten Carmen und schließlich die verzweifelte Ermordung Carmens. Das ist alles durchsichtig und nachvollziebar getanzt, mit vielen schönen Einfällen, schauspielerischen Varianten mit bisweilen gewisser Nähe zum Tanz-Theater und dann doch wieder klassisches Ballett. Auf der Bühnen-Rückwand werden immer wieder die Motive von der Bühne großflächig wiederholt, sei es die Rose als Symbol der leidenschaftlichen Liebe oder eine abstrakte Gitterkonstruktion als Abbild des Gefängnisses. Zum Schluss färbt sich das Rückwandbild blutrot zum gewaltsamen Tod Carmens.
Daniela Severian, Alexander Monachov und Irena Veterova Der Zusammenhang der Teile schien jedoch etwas konstruiert, und die Wiederholung der ewigen männlich-weiblichen Dramatik auch über das scheinbare Ende hinaus scheint ein doch gar geringes Argument, um den "runden" Carmen-Stoff deshalb um zwei Anhänge zu einem abendfüllenden Programm zu erweitern. Der optische Eindruck mit den tänzerischen Leistungen und dem farbintesiven Bühnenbild hat jedoch weitgehend für die etwas konstruierte Zusammenstellung entschädigt. Nach dem verhängnisvollen Dolchstoß, der bei Cauwenbergh sehr realistisch von einem Schmerzensschrei Carmens begleitet wird, schließt sich der Vorhang des ersten Teils. Der zweite Teil beginnt in einer schwarz.grau gehaltenen Umgebung. Auf dem nächtlichen Friedhof steigen Dämpfe über dem mit Rosen überhäuften Grab Carmens auf. Die Musik von Ernst August Klötzke (Jahrgang 1974) wirkt von Anfang an erstaunlich harmonisch und weckt in manchen Akkorden geradezu Assoziationen an Beethovens Overtüren. Eine in Schwarz und Grau gekleidete Truppe umkreist das Grab und entfernt mit großer Geste das rosengedeckte Grabtuch, unter dem Carmen im blutroten Kleid liegt. Wie bei einem Trauerzug wird sie emporgehoben, gedreht und sozusagen der Welt zur trauernden Schau gestellt, ehe sie endlich erwachen darf und nach und nach ihre alten Lebensgefährten wiedertrifft. Zu den leise einsetzenden Anfangstakten des "Boléro" bewegen sich die Gestalten auf einer mit einem Irrgartenmuster versehenen Plattform. Dieses Muster deutete den Irrgarten der menschlichen Gefühle schon am Ende des ersten Teils und wird jetzt wieder aufgenommen. Wie in einer unentrinnbaren Mechanik bewegen sich die Figuren auf dem Irrgarten, wobei sich immer wieder die Männer um Carmen drehen. Mit den letzten orgiastischen und gleichzeitig endgültigen Akkorden des "Boléro" fallen die Figuren leblos auf der sich immer weiter neigenden Plattform in sich zusammen und rutschen langsam auf die Bühne hinunter. Die junge Daniela Severian verlieh der Carmen den Charakter einer Kindfrau, ganz im Gegensatz zu der kühlen, emanzipierten Carmen der Darmstädter Operninszenierung vor zwei Jahren. Durch ihre geschmeidigen, mal lockenden, mal verweigernden Bewegungen ließ sie die geradezu magische Wirkung auf José nachvollziehbar erscheinen. Nie wird diese Carmen wütend oder kalt abweisend, sie wirkt eher naiv-kindlich, dann verständnislos und zum Schluss resignierend. Irena Veterova bringt dagegen eine seltsam indifferente Micaela auf die Bühne. In ihrem Tanz zeigt sich zwar Professionalität und Perfektion, aber nicht das Leiden der jungen Frau, die ihren Verlobten an eine andere Frau verliert. Alexander Monachov gibt einen kraftvollen, in seiner Eifersucht verzweifelten José, Grant Martin eher einen zurückhaltenden Escamillo. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass Escamillo nur eine Nebenrolle darstellt und - auch als Torero - nicht zu dominant wirken sollte. Bleibt noch der zwielichtige Wirt Lillas Pastia nennen, den Jaime Roque mit sehr viel Witz und Perfidie tanzte. Den Leutnant Zuniga stellte Marek Tuma dar, den Garcia Stijn Snyers. Allen Solisten ist ein hohes tänzerisches Niveau zu bescheinigen, das auch seinen verdienten Applaus fand. Der Gesamteindruck der Aufführung war eher etwas zwiespältig. Das lag in erster Linie daran, dass die Musik statt aus dem Orchestergraben vom Band kam. Damit stellt sich leider eine Art "Konservenstimmung" ein, da auch hochwertige Lautsprecher im Großen Haus ein Orchester nicht ersetzen konnten. Weiterhin stellt sich natürlich die Frage nach dem Sinn des Anhangs und der musikalischen Trilogie aus Bizet, Klötzke und Ravel. Jeder Teil war für sich allein durchaus beeindruckend, sowohl von der Choreograpie als auch vom Bühnenbild und den Kostümen. Das Darmstädter Premierenpublikum dankte dem Ensemble mit freundlichem, teilweise auch begeistertem Beifall. |