| Antiker Mythos im Gewand eisiger Ironie |
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Mozarts Oper "Idomeneo" im Staatstheater Darmstadt |
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Es ist immer ein heikles Unterfangen, eine klassische Oper - mehr noch als ein Schauspiel - in eine moderne Umgebung zu versetzen. Überall lauern die Untiefen der Lächerlichkeit und Unange- messenheit. Wer es jedoch wagt, kann nur durch Konsequenz den Erfolg sichern, auch unter dem Risiko, dem Publikum einen Schock zu versetzen. Die von Claus Guth am Staatstheater Darmstadt inszenierte Oper "Idomeneo" von Wolfgang Amadeus Mozart geht dieses Risiko ein und erweist sich damit als gelungener Versuch einer eindringlichen Interpretation.
Melanie Kreuter und Katrin Gerstenberger Wenn in der Eröffnungszene die in Kreta gefan- gene trojanische Prinzessin Ilia (Melanie Kreuter) ihre hoffnungslose Liebe zum kretischen Prinzen Idamante besingt, tut sie dies in einer orange- farbenen Gefangenen-Kluft modernen Zuschnitts vor einem übergroßen Bild eines blauen Himmels und weißer Wolken, wobei die Scheinwerfer hellenische Helligkeit herbeizaubern. Quer über den heiteren Himmel prangt das Wort "Krieg", und zwei Katheder links und rechts symbolisieren die Antipoden in dieser Auseinandersetzung. Der hinzukommende Idamante trägt Militär-Tarnhosen und dazu Blazer und Krawatte, eine Mischung aus staatlicher und wirtschaftlicher Macht. Beide Protagonisten nutzen bei Ihrem Auftritt die Kathe- der im Stile machtvoller Persönlichkeiten. Die Anspielung auf die Bedeutung wirtschaftlicher Macht mag man auch in der Ähnlichkeit des Bildes zum Hintergrund von Bill Gates´"Windows 95" deuten, muss es aber nicht. Die noch versteckte Ironie dieses Auftaktes verstärkt sich mit dem Fortgang der Handlung. Wenn König Idomeneo (Christian Elsner) als einziger Überlebender eines gewaltigen Sturmes - in Kapitänsuniform - die Bühne tritt, so tut er dies durch eine ebenfalls bühnengroße Kopie des "Floß der Medusa" hindurch. Den naiv-programma- tischen Effekt eines solchen Hintergrunds wendet Guth jedoch ins Ironische, indem er das Bild auf den Kopf stellt. Davor lässt er dann Idomeneo im bluttriefenden Hemd auftreten.
Vater und Sohn vor dem "Floß der Medusa" Überhaupt nimmt Guth den Text des Librettos wörtlich. Werden in herkömmlichen Inszenie- rungen die Berichte über Katastrophen und blutgierige Ungeheuer mehr als allegorische Erzählungen präsentiert, die eher mythischen Ursprungs sind und nicht unbedingt mit Bühnen- leben zu füllen sind, so zeigt Guth zu diesen gesungenen Partien die Schrecken einer von Umweltkatastrophen und Krieg entstellten Welt. Wenn Ilia zu Beginn des dritten Aktes nach der plötzlichen Katastrophe ihre herzzerreißende Arie über Liebe und Tod singt und dabei ein Rosenbukett wie an einem Grab zerpflückt, schiebt sich aus dem Hintergrund das nächste unheilvolle Bild heran, dass zwei in Schutz- anzüge gekleidete Männer in einer brennenden und vergifteten Umwelt zeigt. In der folgenden Szene verschwinden Idamante und Ilia in ihrem Duett geradezu vor dem dominierenden Eindruck dieses Bildes, dass die beiden kleinen mensch- lichen Figuren im Vordergrund zur Bedeutungs- losigkeit verdammt. Den Höhepunkt der eisigen Ironie bildet das Défilé der Kriegsversehrten, die in Rollstühlen, mit Krücken und Verbänden unter einem großen "Sieg"-Schild die Auszeichnungen durch Idomeneo entgegen nehmen. Doch Claus Guth sattelt noch drauf: Als der Oberpriester dem König über das Leiden des Volkes unter dem Wüten des grausamen Ungeheuers berichtet, öffnet sich der zweite Vorhang zu einer deprimierenden Lazarettszene mit sterbenden Menschen, die sich langam aufrichten und als Chor ihre Klage heraussingen. Den eindringlichen Schlusspunkt setzt er mit den Vorberei- tungen zur rituellen Hin- richtung Idamantes durch den von einer Metzger- schürze umgürteten und mit einer veritablen Axt bewaffneten Vater, wozu Guth die Nachbildung einer amerikanischen Hinrichtungsliege auf die Bühne bringen und Idamante daran festschnallen lässt. Erst die Stimme des "Deus ex machina" aus dem Libretto rettet Idamante aus dieser tödlichen Situation und führt in der geliebten Ilia zu. Doch Guth zeigt auch andere Facetten der Macht. so deren Spießigkeit, wie sie die Geschichte immer wieder gezeigt hat. Das Ambiente von König Idomeneos Regierungssitz zeichnet sich durch groß geblümte Tapeten, die räumliche und geistige Enge der nahe an die Rampe gerückten Rückwand des Zimmers, die klotzigen Möbel und das unvermeid- liche Bild des Diktators an der Wand aus. Ganz so verhält sich auch Idomeneo selbst, nun in Anzug und Weste und bei dem Vortrag seines Adlaten Arbace immer wieder einschlafend. Der Mythos des unbedingt einzuhaltenden Schwurs, bei Rettung aus Seenot das erste lebende Wesen zu opfern, schlägt bei Claus Guth in den politischen Sachzwang um, den man hinnimmt und nicht mehr hinterfragt. Dieser Idomeneo leidet zwar darunter, seinen Sohn umbringen zu müssen, doch dabei überwiegt das Selbstmitleid. Der Entschluss ist unumstößlich, der Ausführende zu bedauern, das Opfer zweitrangig.
Eine besondere Rolle nimmt in dem straffen Rollen- Set Elektra ein, dargestellt von Mary Anne Kruger. Die Tochter Agamemnons erscheint hier weniger als die ebenfalls Idamante liebende Rivalin Ilias sondern als eiskalt kalkulierende Intrigantin, die in Idamante eher den zukünftigen König als den jungen Lieb- haber sieht. Entsprechend wütend fällt ihre Reaktion aus, und ihr Selbstmord trägt geradezu lustvoll- mephistofelische Züge.
In zwei ande- ren scheinbar beiläufigen Szenen greift Guth einen weiteren Gedanken auf. Bei dem großen Quar- tett im dritten Akt bilden die vier Protago- nisten das lebende Bild der Laokoon- Gruppe nach, scheinbar spielerisch. Doch dahinter verbirgt sich die Lessingsche Theorie, dass sich die Leiden der Menschen nur in äußerer Harmonie und Schönheit darstellen lassen, sprich: mit der Musik Mozarts. Diese Ironie kommt doppelbödig daher, denn Guth lässt offen, ob er Lessings Meinung teilt oder sie persifliert... Die Musik Mozarts zu dieser Oper zeichnet sich durch eine Einfachkeit und Strenge aus, die man in der Form in keiner anderen Oper wiederfindet. Keine Leichtigkeit, Frivolität oder Heiterkeit ist hier zu spüren, die Musik folgt konsequent der strengen Logik der Handlung, die in den Libretti der anderen Mozart-Opern ihresgleichen sucht. Doch bei aller Strenge wirkt die Musik nie schwerfällig oder breit. Nicht zuletzt dank Franz Brochhagens musikalischer Leitung besticht sie durch ihre Transparenz und Folgerichtigkeit. Ganz im Sinne Laokoons wird kein Sentiment überzogen, alles bleibt im Rahmen einer gebändigten aber deshalb nicht minder intensiven Emotionalität.
Diese strahlen auch die Sänger aus, die in der B-Premiere durchweg hervorragende Leistungen boten. Dabei präsentierte Katrin Gerstenberger die ungewohnte männliche Rolle des Idamante mit Bravour und Überzeugungskraft, besonders eindrucksvoll in der Hinrichtungsszene am Schluss. Melanie Kreuter bewegte vor allem in den lyrischen Passagen, so zu Beginn des dritten Aktes, und Mary Anne Kruger gab neben einer wieder einmal eindrucksvollen stimmlichen Leistung auch eine wunderbar zickige Elektra im blauen Business-Kostüm. Christian Elsner überzeugte vor allem durch seine Präsenz und die glaubhafte Darstellung eines larmoyant leidenden, im Grunde nur an Machterhalt interessierten Potentaten. Als eine Ironie des Zufalls ist Dan Karlströms Auftreten in Krücken zu sehen, dass zwar ganz profan durch einen Bänderriss bedingt war aber wunderbar zu dieser kranken und vom Untergang bedrohten Gesellschaft passte.
Ein Lob gebührt auch dem Chor, der eng in die szenische Darstellung integriert war und die teilweise schwierigen Szenen mit viel schauspielerischem Engagement und stimmlicher Sicherheit darbot. Als einziges eher peinliches Surrogat ist das beleuchtete Kreuzfahrerschiff zu bemängeln, das am Ende des zweiten Aktes - in nahezu Bühnenbreite und im Gegensatz zur "Titanic" über das Heck sinkend - die Katastrophe symbolisieren sollte. Hier schlägt die Ironie in Plattheit um, aber das konnte die Inszenie- rung durchaus verkraften. |